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Boom der Privatschulen "Wir prüfen die Motivation"

2. Teil: Liebe und Pioniergeist

Auch private Schulen werden vom Steuerzahler mitfinanziert. Drei Jahre dauert es in der Regel, bis eine Privatschule genehmigt wird und eine staatliche Förderung erhält. Dann bekommen die Privaten je nach Bundesland Zuschüsse in Höhe von 70 bis 90 Prozent der Kosten, die für Schüler einer normalen Schule anfallen. Der Rest muss durch Schulgeld, den Träger oder Sponsoren aufgebracht werden.

Einige Unternehmer wollen auch schlicht Geld verdienen. So wird aus Bildung eine Ware und aus manchem Schulleiter ein Manager.

So wie Béa Beste. Die Dame mit dem schicken dunklen Kurzhaarschnitt und dem hellen Hosenanzug arbeitete früher als Unternehmensberaterin bei der Boston Consulting Group. Jetzt ist die gebürtige Rumänin Vorstandsvorsitzende der Phorms Management AG, die 2006 in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Berlin-Mitte ihre erste Grundschule eröffnet hat. Sie wünsche sich für alle Phorms-Schüler eine "unternehmerische Einstellung", erklärt Beste. Sie glaube, dass man als Optimist "mehr im Leben gebacken bekommt". Weshalb sie in den Schulfluren motivierende Sprüche wie "Smiles are contagious - is yours?" ("Lächeln ist ansteckend - deins auch?") an die Wände hängen ließ.

Die Grundschule mit 340 Schülern umfasst sechs Klassen, der Anteil des englischsprachigen Unterrichts liegt von Anfang an bei 70 Prozent. Die entsprechenden Pädagogen stammen aus England, Schottland, Kanada oder den USA. Eine Designerin hat eine schuleigene Uniformkollektion entworfen - in Weiß, Grau, Rot und Schwarz.

Prominente Namen unter den Schulgründern

Der Tag in der Berliner Phorms-Grundschule beginnt nach britischem Vorbild mit einer "assembly" in der Aula. In Reih und Glied und nach Alter sortiert ziehen die Kinder danach in die modernen Klassenräume. Das Pult ist mit einem Computer ausgestattet, ein digitales Smartboard ersetzt Tafel und Kreide. "Wer krank ist, bekommt das Tafelbild per E-Mail nach Hause geschickt", erklärt die Englischlehrerin Brett Macdonald. Gerade wurden für jedes Kind ab der zweiten Klasse Laptops und Zehn-Finger-Tippkurse eingeführt.

Der Andrang auf die bundesweit inzwischen sieben Phorms-Standorte spiegelt den Boom der Privaten. In Frankfurt am Main wurde nach 1000 Anmeldungen die Warteliste für die eigentlich 40 Plätze geschlossen. Wer eine Eintrittskarte ergattern will, muss seinen Nachwuchs testen lassen. Je älter der Sprössling, desto umfangreicher die Fragen. "Wir prüfen auch, wie sicher das Kind in seiner Muttersprache spricht", erklärt Phorms-Mitbegründerin Beste, "und wie hoch seine Motivation ist."

Auch die Motivation der Eltern sollte hoch sein, zumindest was das Finanzielle angeht. Das Schulgeld bei Phorms ist nach dem Einkommen gestaffelt. Rund 60 Prozent der Familien, die ihr Kind auf die Grundschule in Berlin-Mitte schicken, zahlen bis zu 400 Euro Schulgeld im Monat - der Rest zahlt mehr. Es gibt nur eine Handvoll Teilstipendien.

Auch prominente Namen mischen unter den Schulgründern mit. Der ehemalige Investmentbanker Peter Ferres, Bruder von Schauspielerin Veronica Ferres, eröffnete im vergangenen Jahr die Metropolitan School in Frankfurt am Main. Die Anmeldegebühr für die Grundschule beträgt 900 Euro, das monatliche Schulgeld 550 Euro, wer Nachmittagsveranstaltungen und bilingualen Unterricht wünscht, legt 244 Euro drauf plus 75 für das Mittagessen.

Nena: "Ganz viel Liebe und Pioniergeist"

Die Popsängerin und vierfache Mutter Nena gründete an der Elbe nach amerikanischem Vorbild die erste Sudbury-Schule Deutschlands, unter anderem unter der Leitung ihres Lebensgefährten Philipp Palm. "Bei uns regieren ganz viel Liebe und Pioniergeist", beteuerte die Sängerin.

"Ganz viel Liebe": Sängerin Nena mit Schülern vor der von ihr gegründeten Schule. Nur unter Auflagen genehmigte die Schulbehörde den weiteren Betrieb der "Neuen Schule Hamburg"Zur Großansicht
DPA

"Ganz viel Liebe": Sängerin Nena mit Schülern vor der von ihr gegründeten Schule. Nur unter Auflagen genehmigte die Schulbehörde den weiteren Betrieb der "Neuen Schule Hamburg"

In einer Gründerzeitvilla in Hamburg-Rahlstedt sitzen die Kinder auf bequemen Kissen, ein Flügel lädt zum Klimpern, ein Atelier zum Malen ein. Doch das radikal-demokratische Sudbury-Konzept, bei dem die Schüler regelmäßig über den idealen Schulalltag und auch über die Einstellung von Lehrern abstimmen, bekam nicht allen. Mobbing- und Gewaltvorwürfe brachten die Vorzeigeschule in die Schlagzeilen. Gefrustete Lehrer kündigten, enttäuschte Eltern meldeten ihre Kinder ab. Nur unter Auflagen genehmigte die Hamburger Schulbehörde den weiteren Betrieb der "Neuen Schule Hamburg", die auch von Nenas eigenen Kindern besucht wird.

Die Nena-Schule zeigt, dass die Konkurrenz zur staatlichen Grundschule zwar oft innovativer ist, damit aber nicht per se besser sein muss. Wissenschaftliche Belege, dass Privatschüler wirklich gebildeter sind als Schüler öffentlicher Einrichtungen, lassen sich schwer finden.

Von Legendenbildung gar spricht Manfred Weiß, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Weiß kommt nach einer internationalen Pisa-Vergleichsstudie bei 15-Jährigen zu dem Ergebnis, dass sich, berücksichtigt man die soziale Herkunft der Schüler, keine großen Leistungsunterschiede belegen lassen.

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insgesamt 326 Beiträge
anin 10.06.2008
Sicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
Zitat von sysopErst Berlin, dann die ganze Republik: Die Phorms AG will zum größten Privatschulbetreiber Deutschlands werden und ist auf Expansionskurs. Können Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Sicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
hjm 10.06.2008
Auch im Transportwesen: Eine Mercedes S-Klasse ist eindeutig die bessere Alternative zum Stadtbus.
Zitat von aninSicherlich wäre das eine bessere Alternative. Das sieht man doch im Gesundheitswesen: Da ist eine gute private Krankenkasse auch die bessere Alternative zu den gesetzlichen Krankenkassen. (._)
Auch im Transportwesen: Eine Mercedes S-Klasse ist eindeutig die bessere Alternative zum Stadtbus.
MonaM 10.06.2008
Aber bestimmt. Ich war selber auf einer, nach ein paar, zunehmend quälenden Schuljahren auf einem staatlichen Gymnasium. In der Privatschule erlebte ich zum ersten Mal, dass eine Lehrerin, die erkannt hatte, dass ich Hilfe [...]
Zitat von sysopKönnen Privatschulen eine bessere Alternative zur staatlichen Bildung sein?
Aber bestimmt. Ich war selber auf einer, nach ein paar, zunehmend quälenden Schuljahren auf einem staatlichen Gymnasium. In der Privatschule erlebte ich zum ersten Mal, dass eine Lehrerin, die erkannt hatte, dass ich Hilfe brauchte, mir von sich aus vorschlug, ich solle doch am Nachmittag wiederkommen. Sie sei sowieso da, um einen Chemie-Versuch vorzubereiten, und habe dann Zeit für mich. Es ist gerade das PERSÖNLICHE Interesse an jedem einzelnen Schüler, das die privaten Schulen von den staatlichen Lernfabriken unterscheidet.
DoktorMS 10.06.2008
Für Privatschulen geben Eltern hunderte Euro im Monat aus. Vermutlich bei einigen das Geld, dass sie durch Steuertricks dem Staat vorenthalten, so dass der Staat eben nicht so viel Geld für die öffentlichen Schulen hat. Bevor [...]
Für Privatschulen geben Eltern hunderte Euro im Monat aus. Vermutlich bei einigen das Geld, dass sie durch Steuertricks dem Staat vorenthalten, so dass der Staat eben nicht so viel Geld für die öffentlichen Schulen hat. Bevor man private mit öffentlichen Schulen vergleichen kann, muss man sich die Rahmenbedingungen (Klassengröße, ...) bei beiden genauer ansehen. Mir persönlich sind zwei private Schulen aus dem Rhein-Main-Gebiet bekannt, die berühmt (bzw berüchtigt!) dafür waren, wirklich jedem "Deppen" zum Abitur zu verhelfen. Das hat natürlich die Eltern einiges gekostet. Als Lehrer würde ich in solchen Schulen nie unterrichten wollen. Man ist viel abhängiger vom Schulträger und muss sich wohl des öfteren "verbiegen" lassen, um bestimmte Noten zu vergeben. Wie das alles mit rechten Mitteln zugehen soll, das frage ich mich heute noch. Die öffentlichen Schulen sind nicht so schlecht, wie sie fast immer dargestellt werden. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten sie schon mehr, als man von ihnen erwarten kann. Vieles bleibt ja im "Geheimen", etwa wenn es eine Haushaltssperre gibt und wichtige Unterrichtsmaterialien nicht angeschafft bzw. ersetzt werden können. Von der Besetzung freier Lehrerstellen ganz zu schweigen. Wenn man das einmal öffentlich machen würde, was da so alles in den Ministerien und Kommunen läuft, man würde als Strafe jahrelang überhaupt keine Zuschüsse mehr bekommen. Es mag sicherlich gute Privatschulen geben. Nur lernt man da eben nicht, sich auch bei widrigeren Umständen durchzusetzen. Spätestens an der Uni muss man dies können, außer man bleibt im "Heile-Welt"-Kokon der Privaten: Schule, Uni und dann Papas Firma übernehmen. Eine Statistik über die wirklichen Top-Leute in der Forschung würde sicherlich zeigen, dass die meisten davon eine ganz normale öffentliche Schule besucht haben. Klasse ist also keine Frage des Schulträgers.
ondrana 10.06.2008
Ich selbst bin an einer katholischen Schule in freier Trägerschaft "erzogen und gebildet" worden und habe am Anfang meines Lehrerdaseins an einer katholischen Bistumsschule unterrichtet. Erste Schule verlangte ein sehr [...]
Ich selbst bin an einer katholischen Schule in freier Trägerschaft "erzogen und gebildet" worden und habe am Anfang meines Lehrerdaseins an einer katholischen Bistumsschule unterrichtet. Erste Schule verlangte ein sehr geringes Schulgeld, zweite Schule war kostenfrei. Die Vorteile, die beide Schulen hatten: Sie sind keine Behörden im Verwaltungssinne, sind also nicht an ministerielle Erlasse gebunden, sondern nur an das Schulgesetz. Da ist man in der glücklichen Lage, eventuelle Dummheiten aus der Schulbehörde zu ignorieren. Wie sagte mal ein berühmter deutscher Politiker: Wichtig ist was am Ende rauskommt. Zweitens: Die Klientel ist eine andere. Das hat aber bei sehr vielen nichtstaatlichen Schulen weniger mit den finanziellen Mitteln der Eltern zu tun, als mit der Tatsache, dass sich die Schulen auf folgendes zurückziehen können: "Sie und ihr Kind haben unsere Schule gewählt, damit haben sie auch unsere Bildungsphilosophie und unsere Regeln gewählt. Wenn Ihnen beides nicht mehr gefällt, steht es Ihnen frei, Ihr Kind an einer anderen Schule anzumelden." Es gibt also wesentlich weniger Disziplinprobleme und Schule und Elternhaus sind eher geneigt, an einem Strang zu ziehen. Diese Schule haben immer einen Anmeldungsüberschuss. Es ist beileibe nicht so, dass man sich da nur die akademischen Perlen herausfischt, an vielen Schulen gibt es sogar Kleinlerngruppen für besonders schwache Schüler. An diesen Schule angenommen zu werden, ist ein großer Erfolg. Was alle Schüler gemeinsam haben, ist eine große Identifikation mit ihrer Schule und eine erhebliche Portion Stolz auf ihre Schule. Bei Schulen, die als Wirtschaftsunternehmen geführt werden und die ein hohes Schulgeld verlangen, mag das alles etwas anders sein. Privatschule ist aber eben nicht gleich Privatschule.
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