Früher habe ich auf langen Fahrten über die Autobahn wahnsinnig gern geschlafen. Das Brummen des Motors in den Ohren, gab es kaum was Schöneres, als im Beifahrersitz selig für ein halbes Stündchen wegzuduseln. Nie habe ich mir Gedanken darüber gemacht, dass etwas passieren könnte. 35 Jahre meines Lebens folgte ich gelassen der rheinischen Maxime "Et hätt noch immer jot jejange".
Behinderung: Stetige Sorge um das Kind
Gestern haben wir mal wieder eine lange Autofahrt hinter uns gebracht. Von Bochum nach Hamburg. Viel Verkehr, viele Baustellen. Die Fahrt zog sich ewig. Ich war furchtbar müde, weil Julian nachts zweimal so gebrüllt hatte und ich ihn beruhigen musste. Und morgens musste ich früh aufstehen, um ihm seine Medikamente pünktlich zu geben. Alexander, mein Mann, musste endlich einmal ausschlafen. Auf der Heimfahrt wäre nun also wunderbar Zeit zum Schlafen gewesen. Aber ich kann das nicht mehr.
Seit Julian so krank ist, bin ich immer unruhig. Jetzt überlege ich ständig, was alles schief gehen könnte - denn vermutlich geht es schief.
Julian ist fünf Jahre alt und leidet an einer nicht therapierbaren Epilepsie. Ursache unbekannt. Die Krankheit ist ausgebrochen, als er ein halbes Jahr alt war. Bis dahin hatte er sich ganz normal entwickelt. Meine größten Sorgen waren gewesen, ob ich als Beikost nun mit Karotte oder Pastinake anfange und ob es ihm für sein Leben wohl schaden würde, dass ich keinen Platz mehr im Pekip-Kurs bekommen hatte.
Ein schlimmer Anfall, ein vorschnelles Aufatmen
Die Zäsur begann eines Morgens auf dem Wickeltisch. Von einer Sekunde auf die andere wich alle Kraft aus seinem kleinen Körper, die Lippen liefen blau an. Ich dachte, er ist tot.
Nach einer gefühlten Ewigkeit - in Wahrheit wohl rund 30 Sekunden - schlug er die Augen wieder auf und brüllte aus Leibeskräften.
Im Krankenhaus war ziemlich schnell klar, dass es sich um einen epileptischen Anfall gehandelt hatte. Nach einer Woche ausführlichster Untersuchungen hieß es: kein Hirnschaden, keine Stoffwechselerkrankung. Jetzt muss nur das richtige Medikament gefunden werden, dann kann er normal leben. Erstmal großes Aufatmen. Vorschnell, wie sich bald herausstellte.
Nach sechs Wochen durften wir nach Hause. Zweimal am Tag bekam er das Medikament Topamax, das für so kleine Kinder gar nicht zugelassen ist - wie die meisten Antiepileptika. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen las sich wie ein Horrorroman. Bevor die Epilepsie ausgebrochen war, hatten wir schon ein schlechtes Gefühl, wenn wir Julian mal ein Paracetamol-Zäpfchen gegen Fieber geben mussten. Und nun verabreichten wir ihm sowas - dazu noch Diazepam, ein starkes Beruhigungsmittel, wenn er Anfälle hatte.
Das bezaubernde Baby-Lächeln verschwand einfach
Wenige Tage später saß Julian in seiner Babywippe neben mir auf dem Küchentisch, denn wir ließen ihn keine Sekunde mehr aus den Augen, und machte eine merkwürdige blitzartige Bewegung. Mit einem Ruck warf er Oberkörper und Arme nach vorn, das Kinn presste er auf den Brustkorb. Anruf im Krankenhaus, wieder auf die Station II in der Kinderklinik.
Dem Professor, der sich Julian gleich ansah, sagte ich: "Das sah aus wie ein BNS-Anfall." Schließlich hatte ich seit der Diagnose diverse Bücher zum Thema gelesen. Er antwortete: "Nehmen Sie bloß das Wort nicht in den Mund." Und er glaube das auch nicht. Die Ärzte gaben ihm noch ein weiteres Medikament. Orfiril. Nach ein paar Tagen konnten wir wieder heim, er hatte zwar noch Anfälle, aber die würden sicher verschwinden, wenn wir beim langsamen Eindosieren den erwünschten Pegel erreicht hätten. Das Gegenteil trat ein.
Langsam verlor Julian alle Fähigkeiten, die er schon gelernt hatte. Als erstes verschwand sein Lächeln. Dieses bezaubernde Baby-Lächeln aus dem noch zahnlosen Mund. Bald drauf schaute er uns nicht mehr an. Er reagierte auch nicht mehr auf Geräusche, griff nicht mehr nach seinen Spielsachen. Seine Körperspannung ging verloren. Er war wie ein nasser Sack. Lag auf dem Rücken und wartete auf den nächsten Anfall.
Wir funktionierten wie Roboter
Es wurden immer mehr. Ganze Serien legte er hin, zehn Minuten am Stück, alle paar Sekunden ein BNS-Anfall. Meine Befürchtung hatte sich bewahrheitet, das wussten wir inzwischen. Julian hat das West-Syndrom. Eine äußerst seltene Epilepsie-Variante, Worst Case, nur in Ausnahmefällen therapierbar. Eine normale Entwicklung ist im Prinzip nicht möglich.
Alexander und ich waren im Schockzustand. Äußerlich funktionierten wir wie Roboter. Wir gingen arbeiten und einkaufen, räumten die Wohnung auf und wuschen Wäsche. Wir stritten darüber, ob wir ihm nach fünf, acht oder zehn Minuten Anfallserie Diazepam verabreichten. Denn manchmal hörte Julian von allein auf zu krampfen, und nach Diazepam schlief er immer acht oder zehn Stunden und bekam überhaupt nichts mehr mit.
Innerlich waren wir echte Wracks. Dieser unfassbare Schmerz. Bei jedem Anfall litten wir mit ihm - und tun das bis heute. Natürlich fragten wir uns auch nach dem Warum. Ich hatte in der Schwangerschaft weder Alkohol getrunken noch geraucht. Alle Vorsorgeuntersuchungen hatten eine völlig normale Entwicklung gezeigt. In beiden Familien gab es keine vergleichbaren Fälle. "Eine Laune der Natur", konstatierte mal ein Arzt.
Wir weinten so viel. Wir verabschiedeten uns von unserem bisherigen Leben, von den Träumen, die wir für unser Kind gehabt hatten, vom Wunsch, ein zweites Baby zu bekommen, weil wir solche Angst hatten, dass es auch krank sein könnte. Die Verzweiflung ist so immens, wenn man so ein kleines gequältes Bündel Mensch im Arm hält und nicht helfen kann. Ich dachte immer nur: "Das muss aufhören! Das muss einfach aufhören!!"
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Der Bericht hat mich sehr berührt. Genauso erging es uns auch. Mein heute 2,5 jähriger Sohn kam mit einem Situs Inversus Abdominalis auf die Welt. Dazu kam noch eine Duodenalatresie, so daß er an seinem 2. Lebenstag das erste Mal [...] mehr...
*Dito* Dem kann ich nur zustimmen. mehr...
Es ist DAS Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Es dürfte kaum ein Menschenleben geben, das ohne erhebliche Schicksalsschläge auskommt, ob schwarz, ob weiß, ob reich, ob arm. Das scheint irgendwie zum Leben dazu zu [...] mehr...
da stehn die pflegenden Kinder ständig unter Strom. Das hält keiner auf die Dauer aus. Hilfe für beide. mehr...
Hallo, das wort "BEHINDERT" ist für mich ein graus !!! für mich heißt es " menschen mit besonderen bedürfnissen" ich bin selbst alleinerziehende mama eines 3,5 jährigen, mehrfach "besonderen" [...] mehr...
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