Noch nie wusste eine Elterngeneration so viel über Erziehung, über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Noch nie wurden Kinder so genau fachwissenschaftlich beobachtet, in ihren Entwicklungsschritten statistisch erfasst, und noch nie wurde jede minimale Erkenntnis in Form von Normtabellen über Ärzte und in Schulen an Eltern weitergereicht.
Eltern im Streit: Die Freude schwindet unter all den Ängsten
Medien nehmen sie auf. Themen wie "Was Ihr Kind alles können sollte!", in denen jeder einzelne Entwicklungsschritt eines Kleinkindes penibel aufgelistet wird, finden sich in der "Bild am Sonntag" ebenso wie in Frauenzeitschriften.
Eltern wissen über alles Bescheid - das macht Angst.
Die Zahlen suggerieren eine Eindeutigkeit, die es in der kindlichen Entwicklung nicht gibt. Folge: Die kleinste Abweichung wird besorgt registriert, jede winzige Anormalität lastet wie ein Schuldvorwurf auf den jungen Eltern.
Kindheit heute, ein schieres Desaster?
"Müssen wir nicht irgendwas unternehmen?", fragen sie sich besorgt. "Wollt ihr da gar nichts machen?", erkundigen sich Großtanten, die auch Frauenzeitschriften lesen, oder ein gebildeter Onkel, der aus SPIEGEL oder "Stern" die gegenwärtigen Erziehungsdebatten genau kennt.
Allen gemeinsam ist klar, dass moderne Kindheit ein reines Desaster sein kann: Gefahren und seelische Verirrungen lauern schon im Kindergarten, Kinder mutieren bei geringsten Erziehungsfehlern zu Schlägern und Tyrannen, mobben wie wild oder haben Leseschwächen. Das alles prasselt auf die jungen Eltern ein, wie gebannt starren sie auf die pädagogischen Informationen und Debatten. Und fürchten sich.
Solche Eltern treffe ich in meiner beratend-therapeutischen Praxis regelmäßig an. "Unser Kleiner ist schon zweieinhalb, wahrscheinlich hat er eine Sprachentwicklungsstörung" (moderne Eltern gebrauchen zusammengesetzte Substantive so locker wie früher nur Soziologieprofessoren oder Peter Sloterdijk), "er müsste doch wenigstens Subjekt und Prädikat ordentlich auf die Reihe bringen, aber er spricht grad mal einzelne Worte", klagen sie. Und erkundigen sich, ob vielleicht die eine oder andere Sprachförderung- oder sonst eine Therapie angezeigt sei. "Vielleicht ist es ja auch was Seeelisches!"
Die ewige Sorge verschüttet die Intuition
Ich schaue auf das Kind, das soeben dabei ist, quietschvergnügt meine wertvollen afrikanischen Kunstgegenstände auseinanderzunehmen, und antworte völlig unprofessionell: "Das macht nichts. Ich selbst sprach mit knapp drei Jahren kaum ein Wort, stieß nur drei herrische Urlaute aus, kam damit glänzend über die Runden und bin heute bei Podiumsdebatten und Vorträgen nur mit vorgehaltener Schusswaffe zum Schweigen zu bringen."
Das Problem: Unter dem ewig besorgten Blick geht den Eltern ihre Intuition für das Kind verloren. Ihre umstandslos liebevolle Freude darüber, wie es soeben seine Bauklötze stapelt und mit begeistertem Gackern gegen die Wand schleudert ("Sind das etwa Vorzeichen einer Gewaltneigung?"), wie es mit jedem Handgriff, mit jedem feinfühligen Betasten der ängstigenden und aufregenden Objekte sich selbst und die Welt kennen lernt, wie es beginnt, sie zu modellieren und mit viel Phantasie lustvoll umzugestalten, mal planvoll und mal ungestüm - diese schöne natürliche Freude schwindet unter der Ansammlung von elterlichen Ängsten.
Dabei sind Kinder ganz auf einen sicheren und sichernden Kontakt zu den wichtigsten Menschen, Mutter und Vater, angewiesen. Erst deren bestätigender Blick auf ein Türmchen aus Bauklötzen oder ein anderes kindliches Kunstwerk verankert das unendlich plastische Erkunden und Erkennen verlässlich in der kindlichen Psyche. Wir wissen das heute aus der analytischen Entwicklungspsychologie wie in erstaunlicher Übereinstimmung ebenso aus der fortgeschrittenen Gehirnforschung. Der Mangel an elterlicher Souveränität und bestimmender Sicherheit behindert die Entfaltung von Körpergefühl, Sprache und Selbstbewusstsein und macht die Kleinen unruhig und lustlos.
Um Himmels Willen alles richtig machen
Er ist so unproduktiv, dieser ewig ängstlich-kontrollierende Blick. Überflüssig ist er auch. Die Zeitspannen der sprachlichen, motorischen und sonstigen Entwicklungen sind sehr viel dehnbarer und unterschiedlicher, als moderne Eltern auch nur ahnen.
Das ewig zitierte "Zeitfenster" der Sprachentwicklung beispielsweise, das heute allen Elternpaaren bekannt ist und sich, einem unausrottbaren Gerücht zufolge, mit dem dritten Lebensjahr unerbittlich schließt, gibt es nach lernpsychologischer und gehirnforscherischer Einsicht tatsächlich - es steht der kindlichen Entwicklung ungefähr bis zum neunten, zehnten Lebensjahr offen!
Woher rührt diese Unsicherheit, verbunden mit dem hastigen Bestreben, um Gottes Willen alles richtig und korrekt zu machen - während zugleich Therapeuten aller Art, Sprach- und Benimmtrainer und andere Erziehungstrainer die unsicheren Eltern umlagern und für jede minimale Abweichung die eine oder andere neuartige Methode anzubieten haben, meist begleitet von qualitativen Studien einer willigen und eifrigen Wissenschaft? Ein Antwortversuch mit einem Blick auf Deutschlands Familien und die Erwartungen von Eltern an ihre Kinder.
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für die Schule seiner Kinder intressiert, bei den Elternabenden dabei ist usw , ist cshon klar, nur diei armen lehrer/innen lassen sich von den armen Eltern auch keinen Knopf an die Backe nähen, wievel sidn alleinerziehend und [...] mehr...
Vielen Dank - der von Ihnen geäußerte Eindruck hat sich mir auch schon wiederholt aufgedrängt. mehr...
Ich denke, wir wollen das gar nicht so genau wissen, sonst kommt noch heraus, das wir es schon wussten und das wäre schlecht. Insofern: Alle Macht den Kinderzimmern und Egoshootern. Und jetzt prodestieren wir erstmal und [...] mehr...
So sieht es bei mir auch aus. Aber meine Kinder engagieren sich. Ihre? mehr...
Ich bin mittlerweile Rentnerin und meine Älteste ist 42. 'n bisschen spät, gelle. mehr...
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