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09.09.2009
 

"Archipel Gulag" an russischen Schulen

Einst verboten, jetzt Pflichtlektüre

Wortgewaltiger Autor: Solschenizyn bei einem Auftritt 1994Zur Großansicht
AFP

Wortgewaltiger Autor: Solschenizyn bei einem Auftritt 1994

Zu Sowjetzeiten durfte sein Roman nur im Westen erscheinen, jetzt entschied das russische Bildungsministerium: "Archipel Gulag", das Hauptwerk von Alexander Solschenizyn, wird Pflichtlektüre für Oberschüler. Der Anstoß dazu kam von Wladimir Putin.

Alexander Solschenizyn, Russlands geschichtsmächtiger Schriftsteller, der 2008 starb, porträtierte in seinen umfangreichen Romanen das Sowjet-Reich. Jetzt wird sein Anti-Stalin-Buch "Archipel Gulag" fast 40 Jahre nach Erscheinen Pflichtlektüre in Russlands Schulen. In der Sowjetunion war das Buch verboten.

Bildungsminister Andrej Fursenko verfügte am Mittwoch per Erlass, dass Oberschüler sich mit den Schilderungen über den Sowjet-Terror in Stalins Straflagern, dem Gulag, befassen müssten. Menschenrechtler sprachen von einem bedeutenden Schritt gegen die zunehmende Verherrlichung des Stalinismus im heutigen Russland, allerdings müssten weitere Schritte folgen.

Solschenizyns Witwe teilte nach Angaben der Agentur Interfax mit, dass sie das dreibändige Werk zu einer lesbaren Schulausgabe zusammenkürzen werde. Anstoß zur Auseinandersetzung mit Solschenizyn in Schulen habe Regierungschef Wladimir Putin gegeben, sagte Natalia Solschenizyna.

Das Bildungsministerium in Moskau begründete diese Entscheidung mit dem herausragenden Beitrag, den Solschenizyn zur russischen Geschichte des 20. Jahrhundert geleistet habe. Die Einführung des Buchs in den Schulunterricht steht im Gegensatz zu anderen Entscheidungen der russischen Führung in den vergangenen Jahren, mit denen einige sowjetische Symbole wieder eingeführt und - nach Ansicht liberaler Kritiker - der sowjetische Diktator Josef Stalin verherrlicht wurde.

Seine Romane durften nur im Westen erscheinen

Weltbekannt wurde Solschenizyn 1962 mit der Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch". Es war der Höhepunkt des literarischen "Tauwetters" unter Parteichef Nikita Chruschtschow. Doch die Solschenizyn-Romane "Im ersten Kreis" und "Krebsstation" konnten nur im Westen erscheinen. 1970 wurde dem Autor der Nobelpreis zuerkannt "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat". Moskau ließ ihn jedoch nicht zur Preisverleihung reisen.

1973 fiel den Häschern des Geheimdiensts KGB ein Teilmanuskript seines Hauptwerks in die Hände, an dem er jahrelang konspirativ gearbeitet hatte. Der "Archipel Gulag" musste in aller Eile im Westen veröffentlicht werden. In der monumentalen Dokumentation über Stalins Terror und das brutale Lagersystem gibt Solschenizyn den Opfern eine Stimme. Er erkennt in dem millionenfachen Leiden eine tiefe Wahrheit: "Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz", schreibt er.

Der "Archipel Gulag" erschütterte die Sowjetunion, im Westen wendeten sich viele Linke von Moskau ab. 1974 verhaftete die sowjetische Führung Solschenizyn und wies ihn aus. Ein "Symbol der Freiheit in der Welt" nannte Heinrich Böll den Freund.

otr/dpa/AP

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