ThemaAmoklauf von AnsbachRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.09.2009
 

Expertengremium

83 Empfehlungen gegen Amokläufe

Von Birger Menke

Trauer in Winnenden: Gesetze und Umbauten sollen den Schutz vor Amokläufen verbessernZur Großansicht
AP

Trauer in Winnenden: Gesetze und Umbauten sollen den Schutz vor Amokläufen verbessern

Von innen verriegelbare Klassenzimmer, Verbot von Kampfspielen, neue Warnsysteme: Das fordern Experten als Lehre aus dem Amoklauf in Winnenden. Das Gremium verlangt auch ein schärferes Waffenrecht - und wird vom baden-württembergischen Justizminister prompt abgebügelt.

Kampfspiele verbieten, Warnsignale und spezielle Türknäufe in Schulen installieren, eine Verschärfung des Waffengesetzes und eine bessere psychosoziale Unterstützung der Schüler - das sind die Hauptforderungen eines Expertengremiums, das über die Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden beraten hat.

Am 11. März hatte ein 17-Jähriger in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet. Daraufhin hatte Baden-Württembergs Landesregierung den "Expertenkreis Amok" berufen, an dem Politiker, Wissenschaftler, Schulvertreter und Jugendschützer beteiligt waren. Das Gremium präsentierte am Mittwoch insgesamt 83 Empfehlungen.

Eines stellen die Fachleute klar: Es gebe "keine einzelne Maßnahme und kein Bündel von Maßnahmen, die mit hinreichender Sicherheit einen Amoklauf an einer Schule verhindern könnten". Gleichwohl könnten "erkennbare Risikofaktoren für Amokläufe an Schulen reduziert und Schutzfaktoren gegen Amok an Schulen gestärkt werden". So empfehlen die Experten, Schulen mit einem Amok-Warnsignal und Klassenzimmer mit einem Türknaufsystem zur Verriegelung von innen auszustatten, wie es an Schulen in den USA bereits üblich ist.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger (CDU) kündigte an, zahlreiche Empfehlungen umzusetzen. Allerdings nannte er gleich einen Vorbehalt: Man dürfe dabei die finanziellen Grenzen des Landeshaushalts nicht verkennen - und Baden-Württemberg steuere kommendes Jahr wegen der Wirtschaftskrise auf eine Rekord-Neuverschuldung zu.

"Schulen nicht zu Festungen ausbauen"

Auch die Finanzierbarkeit der neuen Tür-Verriegelung stellte die Landesregierung in Frage. Laut Kultusminister Helmut Rau (CDU) gibt es rund 100.000 Schulräume im Land. Pro Tür könnten Kosten zwischen 300 bis 500 Euro anfallen, die Gesamtkosten sich also auf 30 bis 50 Millionen Euro summieren.

Die Experten raten weiter, Schulleiter bei drohender Gefahr mit Pagern über Funk zu benachrichtigen, damit anschließend Schüler und Lehrer früh informiert werden können. In Winnenden war das Funknetz zusammengebrochen, Pager hätten auch in diesem Fall eine höhere Empfangsleistung. Handy-Verbote stellten die Experten in Frage, weil sie verhindern könnten, das Schüler im Ernstfall Notrufe absetzen könnten.

Die Experten wandten sich gegen rigide Kontrollen der Schüler: "Schulen sollten als Ort des sozialen Miteinanders erhalten bleiben und nicht zu Festungen ausgebaut werden", sagte Udo Andriof. Der Vorsitzende des Gremiums und frühere Stuttgarter Regierungspräsident forderte auch schärfe Kontrollen im Zusammenhang mit der Aufbewahrung von Waffen. "Die Verfügbarkeit von Waffen ist ein erheblicher Risikofaktor für Amoktaten", so Andriof.

Tonnenweise freiwillig Waffen und Munition abgegeben

Die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen sollte von 18 auf 21 Jahre angehoben werden und jeder Waffenbesitzer eine regelmäßige Gebühr zahlen, analog zum Auto-Tüv, forderte das Gremium, das die Zahl der Waffen in Deutschland auf 27 Millionen bezifferte - davon rund sieben Millionen registrierte und 20 Millionen illegale Waffen.

Die Forderung nach einem schärferen Waffenrecht konterte Justizminister Ulrich Goll umgehend. Das Thema werde überschätzt, sagte der FDP-Politiker: "Das ist nicht das Feld, wo man große Erfolge erzielen kann". Die Experten wiederum weisen darauf hin, Lobbyisten hätten nach dem 11. März 2009 "zum Teil massiv" versucht, Verschärfungen des Waffenrechts zu verhindern. "Auf einzelne Mitglieder des Expertenkreises, sogar auf Opferangehörige, wurde in diesem Zusammenhang Druck ausgeübt, der als sehr bedrohlich empfunden wurde", schreiben sie in ihrem Bericht.

Ein positives Zwischenfazit zog das Gremium zum Appell an Waffenbesitzer, nicht benötigte Waffen bei Behörden freiwillig zwecks Vernichtung abzugeben. Diese Aktionen seien sehr erfolgreich gewesen: "So wurden zum Beispiel allein beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis nach dem 11. März 2009 bis August über 1600 Waffen abgegeben. Allein beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Regierungspräsidiums Stuttgart wurden 2009 bislang knapp 38 Tonnen Waffen und Munition zur Vernichtung angeliefert, 20 Tonnen mehr als im gesamten Vorjahr."

Experten empfehlen Verbot von Kampfspielen

Das Gremium sprach sich zudem für ein Kampfspiel-Verbot aus. Es gehe um "realistische, tötungsähnliche Spiele", sagte Andriof - sowohl um Computerspiele als auch um reale Spiele wie Paintball. "Es wäre paradox, das virtuelle Schießen auf Menschen in Computerspielen zu verbieten, während das reale Schießen mit Farbkugeln auf Menschen bzw. mit scharfen Waffen in wirklichkeitsnahen Situationen weiter zulässig bleibt", heißt es im Bericht.

Die Möglichkeiten der Indizierung von Computerspielen sollten stärker genutzt werden. Bei "absolut unzulässigen" Inhalten im Internet müssten die Provider stärker in die Pflicht genommen werden. Für Spiele, die im Internet angeboten würden, solle eine Altersempfehlung eingeführt werden.

Zur Vermeidung von Amokläufen setzen die Experten auch auf verstärkte psychosoziale Prävention. Andriof sagte, solchen Taten gehe immer eine Entwicklungsgeschichte voraus, oft von Warnsignalen begleitet: "Es ist wichtig, diese Warnsignale zu erkennen und darüber aufzuklären. Es gilt, eine Kultur des Hinschauens zu entwickeln." Das Gremium forderte entsprechende Handreichungen für Lehrer, Polizei und Ärzte sowie einen Datenaustausch zwischen Schulen, Polizei, Jugendamt, Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Auch für mehr Schulpsychologen setzt sich der Expertenkreis ein. Kultusminister Helmut Rau wies darauf hin, dass die Zahl der Schulpsychologen bereits vor Winnenden auf 110 verdoppelt worden sei. Damit komme ein Psychologe auf 15.000 Schüler. Nun müsse man darüber nachdenken, ob dies ausreiche. Nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen kam in Baden-Württemberg im Jahr 2008 auf 16.993 Schüler ein Schulpsychologe - nur in Schleswig-Holstein und Niedersachsen war das Verhältnis schlechter.

Angehörige von Opfern fordern mehr Einmischung von Eltern

Die Experten kritisierten überdies die Medienberichterstattung über den Amoklauf in Winnenden. Viele Berichte seien reißerisch und "täterzentriert" aufgemacht gewesen, nach ihrer Auffassung ein "Katalysator für Nachahmungsphantasien und - absichten amokgeneigter junger Menschen". Die Korrelation zwischen der Anzahl der Amokandrohungen und der Intensität der Berichterstattung sei auffallend. Seit dem Amoklauf von Winnenden verzeichnete die Polizei in Baden-Württemberg 180 Einsätze wegen Amokandrohungen, davon allein im März 137. Auch am Mittwoch wurde eine Schule in Brühl (Rhein-Neckar-Kreis) geschlossen, nachdem ein Unbekannter per E-Mail mit einer Gewalttat gedroht hatte.

Die Experten forderte ein "Handlungskonzept für eine amokspezifische Pressearbeit". Der Presserat müsse "sensibilisiert" und auf das Problem auch bei der Aus- und Fortbildung von Journalisten eingegangen werden.

Ebenfalls am Mittwoch forderte das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" eine konsequentere Erziehung und ein Einmischen der Eltern in das Leben ihrer Kinder. "Erziehung bedeutet den Abschied von einem grenzenlosen Liberalismus, der nichts anderes ist als die Tarnkappe der Gleichgültigkeit", sagte Gisela Mayer, Sprecherin des Bündnisses, das von Familien der Opfer des Amoklaufs in Winnenden gegründet worden war. Mayer hatte ihre Tochter verloren, die an der Albertville-Realschule arbeitete.

Die Dringlichkeit einer intensiven Präventionsarbeit war erst Mitte September deutlich geworden, als ein 18-Jähriger an einem Ansbacher Gymnasium zwei Mädchen schwer verletzte, beide Schülerinnen einer zehnten Klasse. Der Abiturient war mit Axt, Messern und Brandsätzen in seine Schule gestürmt. Es war keine spontane Handlung: Bei einer Durchsuchung des Zimmers des Gymnasiasten entdeckten Fahnder eine Art Kalenderblatt, auf dem unter dem 17. September das Wort "Apokalypse" stand.

Mit Material von AFP, AP, ddp, dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1199 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.09.2009 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie das Problem der Jugendgewlt in unserem neuen Heftforum "Jugendgewalt - kann lückenlose Videoüberwachung das Problem lösen?" unter der URL [...] mehr...

19.09.2009 von adsum:

Also, bei all dieser Diskussion wird behauptet, dass Waffen nur zum Töten da sind. Das ist auch richtig. Aber Waffen können abschrecken aber auch Leben retten, das wird hier vergessen. Wenn das nicht der Fall wäre, wären alle [...] mehr...

19.09.2009 von Peggy Bundy: Zusatz

Es muss absolut grauenvoll und qualvoll sein, aus dieser Situation nicht herauskommen zu können. Daran kann ein junger Mensch zerbrechen. Mich stört bei der ganzen Diskussion die Neigung, in solchen ganz offenbar psychisch [...] mehr...

19.09.2009 von fieseskind:

Sie merken vermutlich selber nicht, mit welch unterschwelliger Überheblichkeit sie auf meinen Post reagieren. Wie sehr Sie an einer ernsthaften Auseinandersetzung interessiert sind kann ich bereits an Ihren in Klammern gesetzten [...] mehr...

19.09.2009 von Heinzel: ...

"Amokläufe- wie können sie verhindert werden?" Durch ein freundlicheres Miteinander in der Schule? Ach nein, das ist zu naheliegend. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen
alles zum Thema Amoklauf von Ansbach

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...





TOP



TOP