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07.10.2009
 

Schulschwänzer

"Um schwierige Schüler muss man kämpfen"

Daddelverbot in Kaufhäusern: Was hilft bei notorischen Schulverweigerern?Zur Großansicht
dpa

Daddelverbot in Kaufhäusern: Was hilft bei notorischen Schulverweigerern?

Was tun mit Schulverweigerern - locken, wachklingeln oder gar mit der Polizei abholen? Scharfe Sanktionen greifen nur selten, sagt der Berliner Professor Karlheinz Thimm. Im Interview plädiert er für Anreize und frühes Eingreifen: "Wer einmal draußen ist, den kriegt man kaum noch zurück."

SPIEGEL ONLINE: Herr Thimm, alle Schüler machen doch mal blau, jedenfalls die eine oder andere Stunde. Ab wann werden Schulschwänzer zu echten Schulverweigerern?

Thimm: Die Kultusministerien und Wissenschaftler gehen von rund 300.000 Schulverweigerern in Deutschland aus - Schüler, die an mindestens zehn Schultagen pro Halbjahr fehlen. Hinzu kommen viele Gelegenheitsschwänzer. Natürlich gibt es eine gewisse Unschärfe: Schüler untertreiben, Lehrer übertreiben oft, wenn man nach Schwänzerzahlen fragt.

SPIEGEL ONLINE: Haben alle Schulformen die gleichen Sorgen?

Thimm: Nein, Schüler von Haupt- und Förderschulen schwänzen besonders häufig. So fehlt in Berlin fast jeder fünfte Hauptschüler an mehr als 20 Tagen pro Halbjahr. In Städten ist das Phänomen ausgeprägter als auf dem Land, in Schleswig-Holstein etwa gibt es nur rund halb so viele Schulverweigerer. Wenig Sorgen haben Grund-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien, vor allem, weil sie ja Massivschwänzer abschulen können. Das macht Hauptschulen zur letzten Station, zum Auffangbecken für Schulfrustrierte.

SPIEGEL ONLINE: Eine üble Ausgangslage für Hauptschulen. Wie sollten sie damit umgehen?

Thimm: Lehrer müssen versuchen, die Lernrückstände der Schüler aufzuholen, Abgehängte wieder zu integrieren. Viele Schwänzer sind Schüler mit schwächeren Leistungen. Und Schulen müssen Schüler bei Problemen in der Familie unterstützen - gute Ganztagsbetreuung etwa kann die Schule zu einem attraktiven Ort machen, an dem man auch Spaß hat. Wir müssen die Schüler bei ihrem Gutsein und Gutkönnen erwischen. Das macht natürlich viel Arbeit, die Schulen nicht allein leisten können. Aber sie können angespornt werden: Indem sie selbst Nachteile davon haben, wenn Stühle in den Klassen leer bleiben. Hängen Zuwendungen an Schulen von der Präsenzrate ab, hat man materielle Anreize: Dann zahlt sich Engagement mehr aus.

SPIEGEL ONLINE: Hohe Schwänzerquote, weniger Geld: Das soll ein Ansporn sein?

Thimm: Natürlich haben Schulen verschiedene Ausgangslagen. Man kann nicht Schulen in Problem- und in Villenvierteln über einen Kamm scheren - aber mit einem Vorher-Nachher-Vergleich arbeiten: Belohnt werden Schulen, die sich verbessern. So gibt es in Großbritannien den Ansatz, dass Schulen Geld bekommen, wenn sie schwierige Schüler halten können.

SPIEGEL ONLINE: Oder es entsteht eine Abwärtsspirale: Bei wachsenden Problemen mit Massivschwänzern bräuchte eine Schule mehr Ressourcen - sie bekommt aber weniger…

Thimm: Die Frage ist: Wie kann man Lehrer und Schulleiter motivieren? Das kann gelingen, indem sie Ressourcen bekommen. Aber sicher, wenn eine Schule nicht mehr leisten kann, darf man sie nicht absinken lassen. Da können Impulse nur von außen kommen. Allen voran denke ich an außerschulische Partner, an frische Lehrer, Schulsozialarbeiter und Lehrercoaches, die im Alltag länger vor Ort bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Politikern fällt zum Schulschwänzen meist zweierlei ein - Zuckerbrot oder Peitsche. Was halten Sie von Anreizen für Schüler, die wieder zum Unterricht erscheinen, durch Geld oder andere Geschenke?

Thimm: Sinnvoll finde ich eine Belohnung für Gruppen - damit sich die Klasse verantwortlich fühlt. Dann wird die Klasse einen Schüler ansprechen und sagen: "Du versaust uns hier die Prämie." Das kann viel bewirken. Wir sind in Deutschland noch sehr unkreativ, wenn es darum geht, die Gruppe einzubinden.

SPIEGEL ONLINE: Die andere Variante ist die Peitsche: Bußgelder gegen Eltern, Streichung des Kindergeldes, sogar Haft für Eltern oder Jugendliche. Wirken solche Strafen?

Thimm: Ich halte das eher nicht für zweckmäßig. Es gibt Interviews mit Schülern, die sich auf den Knast vorbereiten - und die nehmen das sportlich. Höchstens Eltern, die aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen ihre Kinder vom Unterricht fernhalten, kann man so vielleicht bewegen. Aber bei vielen Eltern greift man doch einem Nackten in die leere Tasche - sie haben kein Geld und können ein Bußgeld gar nicht zahlen. Bei Schülern mit Schulangst kommt man so ebenfalls nicht weiter. Solche Sanktionen greifen nur selten: vielleicht in jedem 20. Fall, schätze ich. Mitunter erreicht man wohl Abschreckungseffekte bei Wackelkandidaten. Aber die Erzwingung von Anwesenheit ist das eine, danach muss es darum gehen, dass Jugendliche innerlich wieder ankommen und in der Schule aus Überzeugung Anker werfen. Durch Bußgeld schafft man das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sozialarbeiter sich intensiv um notorische Schulschwänzer kümmern, sie zum Beispiel morgens aus dem Bett klingeln - ist das ein guter Weg?

Thimm: Das größte Potential liegt in der Zusammenarbeit: Schule, Sozialarbeiter, Schulpsychologen, Eltern und Polizei machen das Schwänzen unbequem, sprechen Schüler an und besuchen sie. Gespräche und Brückenbau können anfangs noch viel bewirken. Durch Interventionen könnte man mindestens ein Drittel der Schulverweigerer im Frühstadium zurückholen, so dass sie gar nicht weiter abrutschen würden.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Massivschwänzer an? Ist es vor allem Schulangst oder generelles Desinteresse?

Thimm: Eine große Gruppe sind Schüler, die zu Hause mit Armut, Sucht, Gewalt, Beziehungsinstabilität, elterlicher Resignation kämpfen. Das sind Jugendliche aus sozial extrem verwundeten Verhältnissen - ihnen fehlt die Kraft zum Lernen, ihre latente Lernbereitschaft verkümmert. Andere Schüler sind der sozialen Arena Schule nicht gewachsen: Sie werden gemobbt und sind unbeliebt. Etwa jeder achte Schulverweigerer gehört nach unseren Untersuchungen dazu. Und es gibt die "Störenfriede". Sie hatten schon früh schwache Leistungen, wurden nie in der schulischen Hauptwährung Zensuren belohnt, haben Racheimpulse nach dem Motto: Denen werd ich's zeigen. Oft merken sie auch, dass ein Lehrer sie nicht dabei haben will, weil ihre Abwesenheit einiges erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Art Anti-Schule-Kultur der Schwänzer?

Thimm: Ja, vor allem bei der vierten Gruppe: Schüler, die unabsichtlich in eine Schwänzerkarriere reinrutschen - und den Rückweg nicht mehr finden. Am Anfang machen sie wegen guten Wetters, einer Klassenarbeit oder nicht gemachter Hausaufgaben ein paar Stunden blau. Dann tun sie sich zusammen mit anderen Schwänzern und fühlen sich in dieser Gegenkultur wohl. Hier ist Gegen-die-Schule-Reden oft der kleinste gemeinsame Cliquennenner.

SPIEGEL ONLINE: Ist Schulverweigerung überhaupt ein akutes, wachsendes Problem, oder hat sich nur unsere Wahrnehmung verändert?

Thimm: Ich beschäftige mich damit seit 15 Jahren, in dieser Zeit sind die Zahlen nicht gestiegen. Das konstante Level: Rund zwei Prozent der gesamten Schülerschaft schwänzen in einem erheblichen Ausmaß. In Schleswig-Holstein zeigt eine aktuelle Studie, dass ein Lehrer auch mit Unterstützung des Jugendamts nur jeden siebten Schüler zurückholen kann, der mehr als 40 Fehltage angehäuft hat. Wer einmal draußen ist, den kriegt man kaum noch zurück. Aber das war schon immer so.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Chancen so schlecht stehen - sind Schulen und Ministerien am Ende doch hilflos, verpuffen alle Motivations- und Bestrafungsvorstöße?

Thimm: Man muss konzertierte Aktionen machen: Wenn ein Lehrer die Eltern dreimal angerufen und einen Hausbesuch gemacht hat, gibt er den Fall ab an einen Spezialisten. Nur: Es gibt keine Leute, an die er abgeben könnte. An einer Hauptschule mit zum Beispiel 250 Schülern haben wir meist nicht mehr als einen Sozialarbeiter, wenn überhaupt. Der kann vielleicht fünf bis acht Einzelfälle intensiv übernehmen. Aber es sind 30 bis 80 Wackelkandidaten. Es braucht eine breite Palette von Aktionen: In der Schule, von den Eltern, von der Polizei, von Sozialarbeitern - und auch eine Belohnungsstrategie wie in Frankreich, wo Schüler Fußballtickets und Klassen Geldprämien erhalten sollen. Wichtig ist die Mentalität: Um schwierige Schüler muss man kämpfen.

Das Interview führte Birger Menke

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01.07.2011 von pcpero:

Haben Sie meine Antwort nicht verstanden? Ich bin überzeugt, dass dieser Modus Procedendi auch im EU-Ausland Gültigkeit besitzt. Es sind also große Gruppierungen auch dort von Nöten mit der entsprechend pekuniären [...] mehr...

30.06.2011 von Flie:

Ach was, was mich im Grunde treibt, ist eher "psychologische Neugier", ob es Ihnen gelingt, ein zwei Posts ohne den Gebrauch irgendeiner Nazikeule formulieren zu können. Ihre "Ismen" sind etwas [...] mehr...

30.06.2011 von leonardo-contra-pisa: xxx

Nein. Ich bin durchaus daran interessiert, warum Sie gerade in Deutschland, wo dieser (Ihrer Ansicht nach) Rechtsbruch noch gar nicht stattgefunden hat, vor Gericht ziehen wollen, während Sie den Rechtsbruch (s.o.) in anderen [...] mehr...

30.06.2011 von pcpero: Hm-Mal überlegen...

Was Sie damit überhaupt meinen: die Leute, die faul und arbeitsscheu sind, und trotzdem ungehörigerweise die Ihnen in einem Sozialstaat von Rechts wegen zustehenden Leistungen, die von Ihren sauer verdienten Steuern finanziert [...] mehr...

30.06.2011 von pcpero: Sie dürfen

Ich habe Ihre Frage aber für eine eher Rhetorische gehalten- Genügt Ihnen meine Antwort? mehr...

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Zur Person

Karlheinz Thimm
Karlheinz Thimm ist Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. In etlichen Büchern und Aufsätzen setzt er sich mit Schulverweigerung auseinander, erkundet die Gründe und entwickelt Möglichkeiten, Schüler in den Unterricht zurückzuholen.



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