Sonntag, 22. November 2009

SchulSPIEGEL



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10.11.2009
 

Sanierungsstau extrem

Wie eine Schrottschule mit Schimmel Politik macht

Aus Braunschweig berichtet Birger Menke

Foto: SPIEGEL ONLINE

Tropfdecken, Gammelgardinen, Schimmelwände: Das Braunschweiger Lessing-Gymnasium hat seinen Namen weg - "die Schrottschule". Trotz Protesten der Lehrer fließt kaum Geld für die Sanierung. Denn die Stadt kennt noch bedürftigere Bruchbuden.

Zu Käthe Stempins Kampf für ihre Schule gehört es, ein Klassenzimmer zu fluten. "Wollen Sie das sehen?", fragt sie und deutet durch die halbgeöffnete Tür eines Klassenzimmers. Wenn im Waschbecken dahinter das Wasser läuft, blubbert es unten aus dem Abfluss und trieft auf den PVC-Boden.

Stempin ist Vize-Schulleiterin des Braunschweiger Lessing-Gymnasiums. Türrahmen sind zerkratzt, an den Wänden blüht der Schimmel, im Kartenraum tropft es von der Decke: Am Lessing-Gymnasium ist zu sehen, was Sanierungsstau konkret bedeutet. Das Waschbecken ist eine Station des "Medienrundgangs", wie Stempin es mittlerweile nennt.

Zwei Fernsehsender, RTL und NDR, waren schon da, angelockt durch Hilferufe von Schülern, die wollen, dass bekannt wird, wie es an ihrer Schule aussieht. Sie filmten, wie es blubbert und tropft. Die NDR-Satiresendung "Extra3" kürte die "drei schlimmsten Schulen des Nordens" - das Lessing-Gymnasium, das Lessing-Gymnasium und das Lessing-Gymnasium. Und RTL verpasste den Titel: "Die Schrottschule".

Die Schüler sagen: Außen pfui, innen hui

Aus PR-Sicht könnte man von einer verkorksten Kampagne sprechen. "Es ist blöd, dass wir als Schrottschule gelten. Eigentlich finden wir unsere Schule ziemlich gut", sagt Achtklässlerin Sina. Ihr Mitschüler Janik sagt: "Wir sind doch nicht nur eine Schrottschule. Unsere Sportanlagen sind zum Beispiel richtig gut!"

Doch Stempin nimmt den ruinierten Ruf in Kauf. Sie ist empört, dass die Stadt zwar Millionen in Schulen investiert, ihre Bruchbude jedoch leer ausgeht. Der Zorn wuchs über Jahre stetig. Dass er sich nun entlädt, hat einen Grund: Im Sommer gab die Stadt bekannt, welche Standorte zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Das Lessing-Gymnasium, das größte der Stadt, war nicht dabei.


Die Schule hatte mit ihrem Antrag die Forderung nach einem Anbau verknüpft. Denn um die rund 1200 Schüler bis in den Nachmittag zu unterrichten, fehlt es an Räumen und Ausstattung - auch das lässt sich zuweilen besichtigen: Schon jetzt gibt es Unterricht auch nach der sechsten Stunde. In der Mittagspause strömen Hunderte Schüler in die Cafeteria, wo aber nur rund 75 Mahlzeiten ausgegeben werden können. Wer ein Essen ergattert, streitet sich um einen der 40 Stühle. Und so verputzen Schüler ihr Schnitzel auf dem Boden sitzend.

Die Anbau-Pläne hat Lehrer Günther Kastenholz, zuständig für Gebäude und Sicherheit, schon in der Schublade. Rund fünf Millionen Euro würde der Bau kosten - Aula inklusive. Die gibt es bislang nicht, bisher probt die Theatergruppe im Neonlicht eines Kellerraums. Die Aufführungen finden im Foyer zwischen Schließfächern und Sekretariat statt.

Die Stadt: "Wir haben dringlichere Fälle"

"Wir können zusätzliche Projekte in einer Größenordnung von Millionen Euro nicht in den Haushalt aufnehmen", sagt Braunschweigs Schul- und Kulturdezernent Wolfgang Laczny. Überhaupt wundere er sich: "Die Schule hätte schon vor Jahren die Möglichkeit gehabt, den Weg in die Ganztagsschule zu gehen. Aber das jetzt ad hoc mit der Forderung zu verbinden, dass im nächsten Jahr fünf Millionen Euro investiert werden müssen, passt nicht in diese Zeit."

Für Prestigeobjekte habe die Stadt Geld, kontert Vize-Schulleiterin Stempin. "Da wird das Stadion ausgebaut, obwohl die Eintracht irgendwo im Mittelfeld der dritten Liga spielt." Doch fragt man Dezernent Laczny, dümpelt nicht nur der Braunschweiger Fußballclub im Mittelfeld. In seiner Stadt gibt es etliche Kandidaten für die schlimmste Schule des Nordens: "Wir haben auf der Prioritätenliste dringlichere Fälle, so traurig das auch sein mag." Auf der Liste befinde sich das Lessing-Gymnasium - genau: "im Mittelfeld". Zum Beweis berichtet Laczny von einer Gesamtschule: "Es weist alles daraufhin, dass sie abgerissen werden muss." Das sei ein Sanierungsstau "von 100 Prozent".

Dass das Lessing-Gymnasium ganz leer ausgeht, will Laczny nicht stehen lassen; in den vergangenen Jahren seien rund 2,3 Millionen Euro investiert worden. Tatsächlich entsteht derzeit ein neuer Chemietrakt, nachdem 2003 ein Lehrer eine Substanz verschüttet hatte, die sehr übel stank. Der Chemieraum wurde seither nicht mehr genutzt. Der Umbau soll im Februar fertig werden, rund sieben Jahre nach dem Unfall.

Das Highlight: Grüner Schimmel an der Wand

Auch diese Baustelle ist eine Station des Medienrundgangs. Highlight: grüner Schimmel an einer Wand. Für ein Kamerateam war's ein willkommenes Bild - freilich wurde in dem Bericht nicht erwähnt, dass sich die Wand in einem Raum befindet, der nicht von Schülern genutzt wird.

Lehrer Kastenholz geht davon aus, dass sich der Schimmel an der Schule längst ausgebreitet hat. Im Kartenraum befürchtet er hinter grauen Metallschränken das Schlimmste: "Ich will nicht wissen, wie es dahinter aussieht, das kann grün bis zur Decke sein."

Was Kastenholz, Stempin, die Schüler und Eltern des Gymnasiums besonders erzürnt: Braunschweig investiert eigentlich massiv in Schulsanierungen, mit 25 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt zwischen 2008 und 2013. Hinzu kommen 15,9 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm und rund 70 Millionen Euro aus einem "Public Private Partnership"-Projekt, bei dem Firmen Gebäude sanieren und dann auf Kosten der Stadt betreiben.

"Wir haben Probleme wie andere Schulen auch, nur haben die eine Perspektive", sagt Stempin. "Man könnte ja mal ein Signal erwarten, dass eine Sanierung in Aussicht steht - aber nichts." In den Zorn am Lessing-Gymnasium mischt sich auch Nervosität: Manche meinen, es gehe bei ihrem Kampf nicht nur um Geld von der Stadt und um eine schönere Schule - sondern schlicht ums Überleben des Gymnasiums.

Denn es droht die Konkurrenz einer Privatschule: 1400 Schüler besuchen das Gymnasium ganz im Norden der Stadt, davon gehen 200 Schüler auf eine Außenstelle in Meine, ein Dorf rund zehn Kilometer entfernt im Landkreis Gifhorn. Dort wird die evangelische Kirche in zwei Jahren ein Gymnasium eröffnen.

Der Verdacht: Lässt die Stadt die Schule bewusst austrocknen?

Schulleitung und Lehrer befürchten, dass Eltern ihre Kinder dann lieber in die Privat- statt in eine Schrottschule schicken - und die Schüler fort sind. "Darum geht es letztendlich: Attraktivität. Schulen stehen in Konkurrenz zueinander, da wird man schnell abgehängt", sagt Günther Kastenholz. Die Befürchtung ist verständlich: Von den rund 1400 Schülern des Lessing-Gymnasiums kommen laut Laczny etwa 1000 aus dem Landkreis Gifhorn.

Gifhorn zahlt zwar für jeden seiner Schüler, der das Lessing-Gymnasiums besucht, rund 1000 Euro im Jahr an Braunschweig. Das sei aber "niemals kostendeckend", so Laczny. "Der Betrag ist seit Jahren nicht verändert worden, während die Energiepreise stiegen."

So argwöhnen manche, die Stadt investiere bewusst nicht in die Schule - da sie ja schon bald nicht mehr gebraucht werde. "Vielleicht existieren ja von Seiten der Stadt wirklich schon länger Pläne, das nördlichste aller Braunschweiger Gymnasien 'aussterben' zu lassen", schrieb ein besorgter Leser an die "Braunschweiger Zeitung".

Das stimme keineswegs, beteuert Laczny: "Wir investieren doch nicht 2,3 Millionen Euro in einen Standort, den wir angeblich aufgeben wollen. Das wäre schizophren." Allerdings könne das Lessing-Gymnasium auch 2010 die erhofften Millionen nicht erhalten - "das schließe ich aus".

Lars Christian, der Schüler, der gemeinsam mit seinem Freund Johannes mit E-Mails an Medien auf den desolaten Zustand des Gebäudes aufmerksam macht, gibt die Hoffnung trotzdem nicht auf und will auf keinen Fall locker lassen.

Erst einmal müssen er und seine Mitschüler aber damit leben, die Schule zu besuchen, die als die schlimmste Norddeutschlands gilt.

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