Sonntag, 22. November 2009

SchulSPIEGEL



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06.11.2009
 

Jungschwund

Deutschlands Hauptschulen droht das Aus

Von Birger Menke

Bertelsmann Stiftung

Das Land wird älter - und der demografische Wandel setzt das Schulsystem stark unter Druck. 2025 werden in Deutschland rund zwei Millionen weniger Schüler leben als heute, so eine neue Studie. Das könnte einen radikalen Schul-Umbruch erzwingen: Vor allem für Hauptschulen sieht es finster aus.

Die Altersstruktur in Deutschland wird bald schon ganz anders aussehen als heute - und durch den demografische Wandel steht auch das Schulsystem vor großen Veränderungen, prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung. Bis 2025 wird die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis 18 Jahren von knapp elf auf neun Millionen sinken, so das Ergebnis einer neuen Studie. Weil zugleich immer mehr Schüler nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln und immer weniger auf Hauptschulen, stehen die Schulen nach Einschätzung der Stiftung vor großen Veränderungen.

"Durch den massiven Rückgang der Schülerzahlen dürfte vor allem das dreigliedrige Schulsystem weiter unter Druck geraten", sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, bei der Präsentation der Studie. Die Stiftung sammelte Daten von statistischen Landesämtern zum Schuljahr 2006/2007 ein.

Besonders groß wird der Schwund den Berechnungen zufolge unter den 16- bis 18-Jährigen sein: Bis 2025 wird ihre Zahl um rund 27 Prozent schrumpfen. Bei den 10- bis 15-Jährigen wird der Rückgang 16 Prozent, bei den Sechs- bis Neun-Jährigen 14 Prozent betragen. Gleichzeitig wird der Anteil der über 80-Jährigen um 70 Prozent steigen. Insgesamt rechnet die Stiftung damit, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland um rund zwei Prozent abnimmt.

Auch wenn sich die Entwicklung der Zahlen regional zum Teil erheblich unterscheide, "werden Länder, Städte und Gemeinden bei der Bildungsplanung neue Wege gehen müssen", so Mohn. Was die Länder betrifft, ist die Botschaft der Bertelsmänner klar: Wer weiterhin am dreigliedrigen System aus Haupt-, Realschule und Gymnasium festhalte, sei für die Zukunft schlecht gerüstet.

Neues Futter für alten Streit

Bisher wurde über diese traditionelle Trias fast nur aus bildungspolitischen Aspekten diskutiert: Sollen alle Schüler weiter nur vier Jahre eine Grundschule besuchen und dann nach Leistung aufgeteilt werden? Oder sollen sie länger gemeinsam lernen - bis zur sechsten oder gar bis zur neunten Klasse? Vor allem das maue bis miserable Abschneiden deutscher Schüler bei den internationalen Pisa-Studien befeuerte die Debatte immer neu. Mancherorts tragen die Befürworter und Gegner von Gemeinschaftsschulen regelrechte Kulturkämpfe aus.

Die Bertelsmann-Stiftung prophezeit, dass die Bevölkerungsentwicklung vielen Ländern und Kommunen gar keine andere Chancen lässt, als neue Schulformen zu entwickeln, etwa Haupt- und Realschulen zusammenzulegen. Die Hauptschule sei vom Aussterben bedroht - weil ihr schlicht die Schüler ausgehen: In Hessen gehen 5,5 Prozent der Schüler auf diese Schulform, in Niedersachsen 9,6 Prozent, in Nordrhein-Westfalen elf Prozent.

Dabei ist zu beachten, dass die Stiftung den Anteil an der Schülerzahl insgesamt nennt und nicht in Bezug auf eine Klassenstufe, die es in jeder Schulform gibt. Weil Gymnasien und Realschulen mehr Klassenstufen haben, sind die Angaben zur Quote der Hauptschüler verzerrt.

Die Tendenz der Schülerzahlen von Hauptschulen ist allerdings deutlich: allerorten fallend. Das gilt auch auf Bayern, wo der Anteil der Hauptschüler mit mehr als 18 Prozent bundesweit am höchsten ist. Dort gibt es allerdings auch nur vier Gesamtschulen, der Anteil ihrer Schüler an der landesweiten Gesamtzahl beträgt mickrige 0,1 Prozent.

"Viele Schulen verlieren Zukunftsperspektiven, weil sie die Mindestgröße bald nicht mehr erreichen können", sagte Kirsten Witte, Leiterin der Studie. Statt an ungeliebten Schulformen festzuhalten, empfiehlt Witte "alternative Schulformen", in denen "individualisiertes Lernen möglich ist".

In Bayern verlassen vier Prozent der Schüler die Schule ohne jeden Abschluss. Bei den Flächenländern ist diese Quote nur in Baden-Württemberg höher; hier starten fünf Prozent der Schüler ohne Hauptschulabschluss ins Berufsleben. Insgesamt liegt Berlin mit acht Prozent an der wenig ruhmreichen Spitze.

"Was man im frühen Alter verpasst, lässt sich später nicht mehr ausgleichen"

Keine Sorgen müssen sich Gymnasien machen: Immer mehr Schüler streben nach der Grundschule das Abitur an. So ging im Schuljahr 2006/2007 in den meisten Bundesländern rund ein Viertel der Schüler auf ein Gymnasium. In Bremen und Schleswig-Holstein war es etwa ein Drittel. Der Anteil der Gymnasiasten wird der Studie zufolge in den kommenden Jahren deutlich steigen: In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg wechselten rund 40 Prozent nach der Grundschule auf ein Gymnasium, in Thüringen waren es gar mehr als 44 Prozent.

Studienleiterin Witt sieht nicht nur die Länder in der Pflicht, auf die Entwicklung der Schülerzahlen zu reagieren: Kommunen müssten "sich im Bildungsbereich ein klares Bild von ihrer ganz spezifischen Situation machen, um die Bildungsbiografien ihrer jungen Bürger optimal unterstützen zu können". Vor allem bei der frühkindlichen Bildung seien Kommunen gefragt, die Betreuung in Kindergärten müsse ausgebaut und verbessert werden. "Denn was man im frühen Alter verpasst, lässt sich später nicht mehr ausgleichen", so Witt zu SPIEGEL ONLINE.

In Ländern, die bisher an der Hauptschule festhalten, nehmen Kommunen immer öfter Schulpolitik selbst in die Hand: So mehren sich etwa in Baden-Württemberg Anträge aus Kommunen, die eigene, integrative Schulmodelle umsetzen wollen - bisher allerdings ohne Erfolg.

Der Trend geht jedoch zur Zweigliedrigkeit: So sollen in Berlin und Hamburg ab dem Schuljahr 2010/11 nur noch zwei Schulformen nach der Grund- oder Primarschule bestehen. Sie folgen damit den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen, wo es keine Hauptschulen gibt.

Vom Einbruch der Schülerzahlen sind vor allem ländliche Gebiete im Osten betroffen: Hier werde die Zahl der 6- bis 18-Jährigen in vielen Kreisen bis 2025 um mehr als 30 Prozent zurückgehen, prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung. Doch auch im Westen werde der Rückgang in einigen Regionen 20 bis 25 Prozent betragen. Dagegen sind Großstädte kaum vom Jungschwund betroffen: In München und Frankfurt ist sogar eher mit einer leichten Zunahme zu rechnen.

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