Von Ulrich Kayl, Gilching
Bis die Fingerabdruckdaten übertragen sind dauert es zwei Minuten. Erst dann kann der Hausmeister, der die Kinder erkennungsdienstlich behandelt, testen, ob der Scan erfolgreich war. Erneut legt das Mädchen den Finger auf das Gerät: Der Türöffner surrt laut, sie ist registriert.
Jetzt kann sie auch weiter ihre nachmittägliche Musikstunde besuchen. Wer das Procedere an diesem Montag nicht auf sich nimmt, soll künftig draußen bleiben. So verlangt es die Grundschule. Denn die Gemeinde im Südwesten von München hat am Eingang einen Fingerabdruck-Scanner angebracht - und damit einen Konflikt vom Zaun gebrochen. Zentrale Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Sicherheit und Datenschutz?
Furcht vor Amokläufen
Seit Beginn des Schuljahres nutzt die Musikschule Gilching die Räume der Arnoldus-Grundschule für ihren Unterricht. Arnoldus-Rektorin Barbara Madlindl stimmte dem aber nur unter der Bedingung zu, dass keine Fremden in die Räume gelangen können. Zuerst entschied man sich für ein Schloss mit einem vierstelligen Zahlencode. Doch die Kinder tratschten die Nummer an Klassenkameraden und Geschwister weiter. Die Sicherheit war nicht mehr gegeben, argumentiert die Schulleitung.
Also einigten sich Bürgermeister Manfred Walter (SPD) und Rektorin Madlindl auf das Fingerabdruck-System. Es gilt nur für die etwa 160 Musikschüler. Die Grundschüler, die vormittags die Schule besuchen, werden nicht biometrisch erfasst. Auch Kinder, die am Nachmittag hier betreut werden, schaffen es ohne Hightech ins Schulhaus. Sie klingeln und die Betreuer machen auf. Die Rektorin begründete den Entschluss mit Sicherheitsbedenken: "Amokläufe nehmen erschreckend zu", sagte sie der Starnberger Lokalausgabe der "Süddeutschen Zeitung".
Zwei Väter rufen zum Boykott auf
Roland Siegel, Leiter der Musikschule Gilching, sind die Fragen und Blicke der Eltern während der Registrierungsrunde sichtlich unangenehm. Das Procedere an diesem Wintertag zieht sich hin, Eltern und Musikschüler müssen lange warten.
Steffen Oberländer und Peter Kadlec sind zwei Väter, die nicht damit einverstanden sind, dass die Fingerabdrücke ihrer Kinder gespeichert werden. Sie verteilen vor der Eingangstür Flugblätter und rufen die Eltern zum Boykott auf, so wollen sie das Vorhaben doch noch kippen. "Bisher weiß keiner, wo die Daten gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat", sagt der besorgte Vater Kadlec. Vor allem die Mütter lesen das Flugblatt genau, einige blicken den Informatiker fragend an. "Ich habe auch ein komisches Gefühl, aber was soll man denn machen?", fragt eine. Kadlecs Antwort: Den Fingerabdruck verweigern, damit Politik und Schule den Eltern endlich zuhören.
Steffen Oberländer, dessen Tochter bislang in der Musikschule Flötespielen lernt, sagt: "Ich untergrabe doch das Sicherheitsgefühl, wenn ich den Kindern erklären muss, weshalb sie ihren Finger scannen lassen müssen." Umstehende Eltern nicken, eine Mutter verweist auf das Motto, das die Arnoldus-Schule in ihrer Schulverfassung festgeschrieben hat: Das "Wohlbefinden aller, die am Schulleben beteiligt sind" sei besonders wichtig, heißt es darin.
Kadlec und Oberländer beschäftigt noch eine weitere Frage: Wie sollen die Grundschüler lernen, im Zeitalter von Facebook und SchülerVZ verantwortlich mit ihren persönlichen Daten umzugehen, wenn sie sich für eine Geigenstunde mit dem Fingerabdruck ausweisen müssen?
Ein Stück Zukunft an der Tür der Dorfschule
Bürgermeister Manfred Walter verteidigt das Finger-Print-System, es habe 3080 Euro gekostet und sei nun mal "am praktikabelsten", sagt er SPIEGEL ONLINE. Lediglich die "Informationspolitik" im Vorfeld sei wohl dürftig gewesen. Fingerabdrücke zu nehmen hält er für die beste Lösung, ein Zahlencode werde weitergesagt, eine Chipkarte würden die Kinder verlieren oder vergessen. Warum aber nicht einfach klingeln? Müssten die Musiklehrer die Kinder an der Türe abholen, ginge zu viel Unterrichtszeit verloren, sagt Musikschulleiter Siegel dazu und das sieht der Bürgermeister genauso.
Datenschutzbedenken will Walter nicht gelten lassen. Die Fingerabdrücke würden nicht als Bild gespeichert, sondern nur als biometrisches Muster. Die Gemeinde kenne auch keine Namen, sondern nur eine Ziffer. Wenn sich ein Musikschüler abmelde, würden Ziffer und Muster gelöscht. Der Rechner, auf dem die Daten gespeichert sind, stehe in der Schule und sei nicht mit dem Internet verbunden. Walter ist sich sicher, an der Tür der Gilchinger Grundschule ein Stück Zukunft installiert zu haben: "In fünf oder zehn Jahren hat jede Schule ein solches System."
Skeptische Datenschützer
Bayerns Landesdatenschutzbeauftragter Thomas Petri findet den Gilchinger Kinderscanner dagegen "sehr ungewöhnlich". Normalerweise sei ein solches Gerät Teil eines ausgefeilten Sicherheitssystems von Unternehmen oder Laboren. Nur sehr selten werde ein Fingerscanner isoliert eingesetzt, wie jetzt in Gilching. Besuchen die Kinder die Musikschule über einen längeren Zeitraum, könnte es zudem sein, dass ein einmaliger Scan nicht ausreicht. Bei Kindern könnten sich die biometrischen Daten noch ändern. Weil ein Gerät zur biometrischen Datenerfassung außerdem durch einen behördlichen Datenschutzbeauftragten freigegeben werden muss, habe er die Gemeinde aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben, sagt Petri. Das Verfahren laufe noch.
Die oberste Schulbehörde im Freistaat, das Kultusministerium in München, sieht sich für den Datenschutz der Kinder nicht zuständig. Es handle sich ja um eine Maßnahme der Musikschule, heißt es. Seltsam kommt die Scanner-Idee aber auch den Beamten am Münchner Salvatorplatz vor. "Mit unserer Vorstellung einer 'geschützten Schule' hat das nichts zu tun", sagt Ministeriumssprecher Ludwig Unger.
Einen "Dammbruch" verhindern
Der Scan-Nachmittag verläuft nur mäßig erfolgreich. Von 160 Musikschülern sind am Abend nur 49 Fingerabdrücke mit dem Scanner erfasst. Kritiker Peter Kadlec sagt anschließend, etwa 15 Eltern hätten dem Leiter der Musikschule deutlich gemacht, dass sie gegen die Scans sind oder seien gleich wieder gegangen. Jetzt wird es wohl einen Nachholtermin geben müssen, bis dahin kommen die Kinder weiter mit dem Zahlencode ins Haus.
Setzen Schule und Gemeinde den Scan-Zwang durch, will Kadlec seinen Sohn künftig persönlich zum Musikunterricht bringen und den Gitarrenlehrer auf dem Handy anrufen, wenn die beiden vor der Tür stehen. Er will einen "Dammbruch" verhindern, sagt er, und hofft, dass der Gilchinger Gemeinderat sich in der kommenden Woche dem Thema annimmt: "Seit den Anschlägen vom 11. September werden die Bürgerrechte kontinuierlich ausgehöhlt und niemand beschwert sich."
Ähnlich denkt Steffen Oberländer: "Ich bin früher immer gern zur Schule gegangen und das möchte ich meinem Kind auch vermitteln." Das sei aber schwierig, wenn sich das Schulgebäude in einen Hochsicherheitstrakt verwandle.
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Kann es sein das Sie selber nicht so genau wissen wo Sie sich hier jetzt einordnen sollen, Pro oder Contra? Sie widersprechen sich doch in jedem ihrer Absätze selber. Sie bezeichnen FingerScan Systeme an einer Grund!!!!Schule [...] mehr...
Wir reden hier nicht über Haupt-, Realschulen, Gymnasien oder ähnlichem. Es geht um eine Grundschule mit Kindern im Alter von 6-10 Jahren. Wenn ein ehemaliger Schüler so sauer und frustriert wäre, daß er zu einem Anschlag bereit [...] mehr...
Das kann gut sein. Ich bin seit vielen Jahren in Bayern Musikschullehrer und habe schon oft erlebt, daß Schullleiter/innen, deren Räume auch Musikschulen nutzen, oft ganz unnötige Schikanen verordnen, nur um ihren [...] mehr...
Ist übrigens dieselbe Direktorin, die Strichlisten darüber anfertigen lassen hat, wie viele Kinder grüßen, wenn sie morgens das Klassenzimmer betreten. Und ach ja, die Namen der Kinder, die gegen ihre Schulregeln verstoßen, [...] mehr...
Geboten wird ein 'enormer Komfort' auf der Grundlage einer enormen Angst. Das sind wohl ideale Bedingungen für das Lernen. Es soll SchülerInnen geben, die Angst haben zu atmen, weil sie dabei das Treibhausgas CO2 produzieren. mehr...
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