ThemaLehrerRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
04.02.2010
 

Amtlicher Spickmich-Klon in NRW

Namenlos, nutzlos, sinnlos

Von Birger Menke und Verena Töpper

Und es war Sommer: Möchte sich diese Schulministerin mit Lehrern anlegen? Auf keinen FallZur Großansicht
dpa

Und es war Sommer: Möchte sich diese Schulministerin mit Lehrern anlegen? Auf keinen Fall

Dass Schüler einfach so den Unterricht im Internet benoten können, wurmt Deutschlands Lehrer mächtig. Nordrhein-Westfalen hat nun ein eigenes Portal gestartet - und Schulministerin Barbara Sommer morst den Pädagogen: Fürchtet euch nicht, bleibt doch alles geheime Verschlusssache.

Als im letzten Jahr der Bundesgerichtshof entschied, dass die Bewertung von Lehrern auf dem Internetportal spickmich.de zulässig ist, war der Verdruss unter Deutschlands Lehrern groß. Die Reaktionen reichten von sachlicher Kritik und Datenschutz-Bedenken über furchtsame Ablehnung jeder Art von Bewertung bis zu beinah hysterischem Spickmich-Bashing - manche Lehrerfunktionäre setzten das Portal kurzerhand mit "Mobbing" per Internet gleich. Erhebliche Wutwallungen gab es in allen größeren Lehrerorganisationen wie dem Philologenverband, dem Verband Bildung und Erziehung sowie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Von ganz oben auf der Empörungswelle sprach Barbara Sommer (CDU), 61, Schulministerin im bevölkerungsstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die Pädagogen würden in solchen Portalen teilweise der Lächerlichkeit preisgegeben, das Urteil sei falsch.

Sommer - selbst gelernte Lehrerin, später Rektorin und Schulrätin - betonte allerdings auch, dass Feedback von Schülern generell notwendig und durchaus erwünscht sei. Ihre Ansage an die NRW-Lehrer: Außer den Lehrern selbst soll niemand das Ergebnis erfahren. Und so beließ es Sommer nicht beim Poltern, sondern kündigte ein eigenes Bewertungsportal für weiterführende Schulen und Berufskollegs an. Eines, das Lehrer nutzen können, aber nicht müssen - strikt freiwillig also. "Ich möchte eine Rückmeldekultur installieren, die den angstfreien Austausch der Schüler mit ihren Lehrern in einer Weise ermöglicht, die deren Persönlichkeitsrechte wahrt", sagte sie.

Kaum Resonanz in Thüringen und Sachsen

Zum zweiten Schulhalbjahr ist der Spickmich-Nachbau nun gestartet - und tatsächlich braucht sich kein Lehrer und kein Schüler zu fürchten. Denn die Bewertung ist so angstfrei wie nutzlos.

Sommer ging eine Kooperation mit der Uni Jena ein. Die hatte schon vor Jahren ein System im Auftrag des Thüringer Kultusministeriums entwickelt. Sefu (Schüler als Experten für Unterricht) heißt es - pompös umschrieben im Pädagogenjargon: "Selbstevaluationsinstrument für die eigene Unterrichtsentwicklung an etablierten Standards der Prozessqualität orientiert".

Dabei melden sich Lehrer mit ihrer Klasse an, jeder Schüler erhält ein Kenn- und Passwort und beantwortet im Internet rund 40 Fragen zur Qualität des Unterrichts: ob der Lehrer den Unterricht interessant gestaltet, ob Gruppenarbeit stattfindet, ob selbständiges Lernen gefördert wird. Die Schüler machen jeweils in zwei Kategorien Angaben: "So erlebe ich es" und "So wichtig ist mir das". Die Lehrer sollen nicht nur erfahren, wie sie ankommen, sondern auch, was sich ihre Schüler wünschen.

Das Gesamtergebnis erhalten die Lehrer in anonymisierter Form zugeschickt. Es ist ausschließlich für sie selbst abrufbar und kann nicht öffentlich eingesehen werden: Schüler, Schulleitung, Lehrerkollegen oder Eltern erfahren nur das, was der Lehrer ihnen mitteilen will.

Bloß kein "öffentlicher Pranger"

Für die Sefu-Nutzung zahlt NRW laut Kultusministerium eine Gebühr von jährlich 6000 Euro. Thüringen und Sachsen nutzen Sefu bereits seit 2006. Wie in NRW können sich Lehrer dort freiwillig von ihren Schülern bewerten lassen. Die Resonanz ist allerdings ernüchternd. Nach Angaben von Christof Nachtigall, Projektleiter der Jenaer Arbeitsgruppe Kompetenztest, haben sich in vier Jahren nur rund 500 Lehrer bei Sefu angemeldet - von rund 17.000 Lehrern an weiterführenden Schulen allein in Sachsen.

Doch Sommer hat mit Sefu Großes vor: "Wir setzen damit den öffentlichen Internetforen, in denen Lehrerinnen und Lehrer lediglich an den Pranger gestellt werden, etwas entgegen", sagte sie zum Start. Indes: Warum sollte sich mehr als nur eine Handvoll Lehrer - wie in Thüringen und Sachsen - freiwillig dem Schülerurteil stellen? Und werden es just die tun, bei denen eine Rückmeldung durch Schüler besonders nötig wäre?

Schon ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie verwegen das Ziel ist, die populäre private Konkurrenz auszukontern. Spickmich ging vor drei Jahren online und hat nach eigenen Angaben mittlerweile rund 1,5 Millionen registrierte Nutzer, die bisher rund 30 Millionen Mal Noten an Lehrer verteilten. Über 140.000 Lehrer wurden von je mehr als zehn Schülern bewertet ( der eine oder andere mag sich auch selbst gelobt haben) - erst dann werden die Ergebnisse freigeschaltet.

Entsprechend gelassen beobachtet man in der Kölner Spickmich-Zentrale den NRW-Vorstoß. "Das ist überhaupt keine Konkurrenz für uns", sagte Mitgründer Tino Keller SPIEGEL ONLINE. Er freue sich sogar über das Umdenken: "Bisher wurden Lehrerbewertungen ja als Teufelszeug verdammt, nun sehen die Kulturministerien, dass Feedback doch eine gute Idee ist."

Pseudo-Webzwonull: "Das wird Schüler frustrieren"

Ist aber auch die Umsetzung mit Sefu eine gute Idee? Sommer frohlockte, dass das Portal dem Bedürfnis der Schüler entspreche, "sich über ihre Erfahrungen in der Schule auszutauschen". Allein: Sie können die Bewertungen ihrer Mitschüler gar nicht einsehen. Austausch? Welcher Austausch?

Den gibt es auch unter Lehrern nicht: Eigentlich könnten sich Lehrer via Sefu miteinander vergleichen, denn die Daten werden an der Uni Jena gespeichert. "Ein Vergleich ist technisch möglich, die Option müsste nur frei geschaltet werden", sagte Christof Nachtigall SPIEGEL ONLINE. Allerdings hätten die - wenigen - Teilnehmer in Thüringen und Sachsen gar nicht wissen wollen, ob sie von ihren Schülern besser oder schlechter bewertet worden seien als Lehrer des gleichen Fachs oder der gleichen Schule. Und in Nordrhein-Westfalen habe man bewusst auf diese Option verzichtet.

"Vergleich ist nicht in unserem Sinne - ganz und gar nicht", sagte ein Sprecher des Kultusministeriums SPIEGEL ONLINE. Man sei optimistisch, dass Sefu den Unterricht verbessern werde: "Schüler und Lehrer sollen vor allem ins Gespräch kommen."

Spickmich-Gründer Keller glaubt nicht, dass das gelingen wird. "Dass Lehrer selbst entscheiden, ob sie mitmachen, und dass nur sie die Ergebnisse einsehen können, sind große Zugeständnisse an die Lehrergewerkschaften." Dieser Kanal führe "ins Leere. Das wird Schüler frustrieren."

Eine Lehrerin klagt durch alle Instanzen

Unter Lehrern sieht man das freilich anders. "Ein Ranking hat immer einen faden Beigeschmack", sagte Peter Silbernagel, Vorsitzender des NRW-Philologenverbandes, SPIEGEL ONLINE. Gerade weil Sefu keine Vergleichsmöglichkeiten biete, sei es ein gutes Projekt. "Eine Kultur der Rückmeldung gehört eigentlich zum Unterricht dazu", so Silbernagel. Er halte Sefu für sinnvoll, schließlich sei es auch als Gegenentwurf zum "Wildwuchs an Lehrerbewertungen" im Internet gedacht.

Die Empfindlichkeit gegenüber Bewertungsportalen ist unter deutschen Lehrern hoch. In den USA oder Kanada gehören "Rate my teacher"-Seiten zum Schulalltag. In Frankreich wurde dagegen der Seite Note2be eine Lehrerbewertung verboten, da sie eine "Störung des Bildungsbetriebes" bedeute.

In Deutschland sind bis dato alle Versuche, Spickmich aus dem Netz zu klagen, gescheitert. Zuletzt entschied der Bundesgerichtshof im Juni 2009, dass die Bewertung eines Lehrers ohne dessen Zustimmung zulässig ist. Geklagt hatte eine Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, die an einem Gymnasium in Moers Deutsch und Religion unterrichtet. Sie wurde auf spickmich.de in Kategorien wie "guter Unterricht", "cool und witzig", "menschlich" und "faire Noten" bewertet - und kam auf eine Gesamtnote von zwischenzeitlich 4,3.

Nach der Entscheidung des BGH zog die Lehrerin vor das Bundesverfassungsgericht. Dort lagert nun ihre Klage mit dem Aktenzeichen 1BvR1750/09. Ein Verhandlungstermin ist noch nicht angesetzt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 18 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
08.02.2010 von hjm: Tite

Wie schön. Endlich wieder ein Strang, in dem die allseits beliebten Strohmänner ausgepackt und aufgestellt werden können. Gleich der erste Beitrag wie aus dem Lehrbuch. Könnte man direkt von hier [...] mehr...

07.02.2010 von doublebass: 1

dem kann ich nur zustimmen arbeite im sozialen bereich, und leider fehlt auch hier eine kultur der kritik des feedbacks und der kritikfähigkeit mehr...

05.02.2010 von Grämlich: mit Titel, mir fällt aber keiner ein

Mit meinem Zitat, auf das Sie hier eingehen, meine ich den Sozialismus, in dem man seinen Arbeitsplatz auch unabhängig von seiner Leistung behält. Es ging mir nicht um das Mitteilen von Gehältern. Mit "AT" meinen Sie [...] mehr...

05.02.2010 von anders_denker: angewiedert

bin ich vor allem von all denen, die einem schüler das recht absprechen, diejenigen bewerten zu dürfen und noch schlimmer zu können, die ihn fürs leben prägen. ein schüler, scheint für viele leider kein mensch, zumindest kein [...] mehr...

05.02.2010 von Newspeak: ...

So sind sie halt, viele Lehrer...prinzipiell wollen sie schon aus ihren Schülern aufgeklärte, kritische Menschen machen, aber wenn die Kritik auf sie zurückfällt, dann passt es ihnen plötzlich doch nicht. Dabei hat ein guter [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen
alles zum Thema Lehrer

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Schulfächer-Quiz

ddp
Schüler ächzen unter zu viel Stoff - geht es nach Politikern und Lobbyisten, darf's gern noch etwas mehr sein: Sie fordern immer neue Fächer. Entdecken Sie im Quiz, welche absurden Wünsche schon wucherten. mehr...


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...




TOP



TOP