SPIEGEL ONLINE: Herr Krämer, Rheinland-Pfalz hat wie andere Bundesländer ein spezielles Ausbildungskonzept für Amokläufe entwickelt. An einer Berufsschule in Ludwigshafen kam es jetzt zum Ernstfall. Wie beurteilen Sie den Einsatz Ihrer Kollegen?
Krämer: Es waren junge Beamte, die der Einsatztaktik gemäß gut vorgegangen sind. Sie sind in Formation gegangen, und die Festnahme verlief für Täter und Polizisten glücklich.
SPIEGEL ONLINE: Der Ex-Schüler hatte eine Schreckschusspistole und ein Messer bei sich. Wie schnell zieht ein Polizist in einer solchen Lage die Waffe?
Krämer: Die Kollegen haben nicht geschossen und den Täter festgenommen. Das ist also sehr gut verlaufen. Aber unter der hohen Anspannung und bei der Lage wäre den Kollegen ein Schusswaffeneinsatz nicht vorzuwerfen gewesen - es gab zu diesem Zeitpunkt Verletzte, später auch einen Toten. Der Täter hatte eine Waffe und er hat mit der Schreckschusspistole auch noch geschossen.
SPIEGEL ONLINE: Der Täter hat mit Platzpatronen auf die Beamten gefeuert. Hat er Glück gehabt, dass er noch am Leben ist?
Krämer: Ein Täter, der auf Polizeikräfte schießt, hat im Regelfall schlechte Karten.
SPIEGEL ONLINE: Bekommt jeder Streifenpolizist in Rheinland-Pfalz die Spezialausbildung für Amoklagen?
Krämer: Ja. Das Konzept heißt "Notzugriff und Amok". Bis Ende des Jahres sollen alle Einzeldienstkräfte für diese sehr extreme Einsatzsituation vorbereitet sein, damit im Ernstfall dann alles automatisch abläuft. Die Kollegen gehen in einer Formation vor und gehen bei Hinweisen auf den Täter im Kontaktmodus vor...
SPIEGEL ONLINE: ...was heißt das?
Krämer: Wir versuchen schnellstmöglich, den Täter handlungsunfähig zu machen oder ihn zu binden. Das heißt: Wir zwingen ihn, aufzugeben, sich zu verstecken oder zurückzuziehen. Die Devise ist: Stellen und handlungsunfähig machen. Beim Einsatz in Ludwigshafen hat er sich ergeben. Hätte er weitergemacht, wäre er wahrscheinlich beschossen worden.
SPIEGEL ONLINE: Wie bilden Sie aus?
Krämer: Das Amok-Einsatztraining dauert zwei Tage, mit Theorie und Praxis. Auf die Angst und den psychischen Stress in der sehr gefährlichen Situation gehen wir in der Theorie und Praxis ein. In der Praxis beginnen wir mit der Anfahrt. Am Einsatzort müssen sich die Besatzungen der Streifenwagen absprechen und eine Führung festlegen. Dann nähern sie sich möglichst schnell dem Gebäude, um reinzukommen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Beamte sind nötig?
Krämer: Kommen zuerst nur zwei Beamte an, gehen die zu zweit in die Schule rein. Sofort. Zwei Beamte können zwar keine Schule durchsuchen, aber wenn sie erste Hinweise haben, suchen sie so schnell wie möglich Täterkontakt. Beim Amoklauf in einer Schule ist es meist so, dass der Täter noch im Gebäude um sich schießt oder sich schon selbst hingerichtet hat. Grundsätzlich werden bei Amoklagen alle verfügbaren Polizeikräfte eingesetzt.
SPIEGEL ONLINE: Was macht den Einsatz in einer Schule aus?
Krämer: Sie kennen die Einsatzsituation nicht und wissen nicht genau, was Sie erwartet. Ist der Täter in der ersten oder zweiten Etage? Ist er auf dem Flur, versteckt er sich? Sie wissen nur: Irgendwo ist ein Täter, und der wird vermutlich seine Waffe gegen Sie einsetzen. Da spielt auch Angst um das eigene Leben mit rein.
SPIEGEL ONLINE: Wie trainieren die Polizeikräfte, damit umzugehen?
Krämer: Wir trainieren sehr realitätsnah. Trainer oder auch Studenten der Polizeihochschule mimen Verletzte und werden dafür sehr realistisch geschminkt. Aus Geräuschkonserven kommen sehr laute Schreie und Schüsse. Dazu kommt der Stress: Mit Farbmarkierungsmunition schießt der von einem Trainer gespielte Täter auf die Beamten.
SPIEGEL ONLINE: Sind alle, die mitmachen, diesem Druck gewachsen?
Krämer: Wir bauen die Trainingsintensität nach und nach auf. Die empfundene Eigengefährdung ist auch in der Simulation sehr hoch, darum haben die Leute echten Stress. Die Kollegen sind alle bereit, den Täter so schnell wie möglich zu stellen oder gar zu erschießen. Auch in Ludwigshafen sind die Kollegen schnell und sehr zielstrebig vorgegangen. Nach dem Einsatz kommt dann oft das Zittern, wenn sie über die durchlebten Gefahren nachdenken.
SPIEGEL ONLINE: Müssen Polizisten Verletze zunächst liegen lassen?
Krämer: Ja, die ersten Beamten sind Interventionskräfte, die den Täter so schnell wie möglich stoppen sollen. Alles andere gefährdet nur noch mehr Menschen. Erst danach beginnen Rettungsmaßnahmen. Der Drang zu helfen und Verletzte zu versorgen, die schreien, ist sehr groß. Aber wenn wir den Täter nicht gestellt haben, hat Helfen wenig Sinn.
SPIEGEL ONLINE: Was, wenn der Täter aufgespürt ist? Spricht man ihn an, feuert man Warnschüsse ab?
Krämer: Um die Lage bei Täterkontakt zu überblicken, bleibt vielleicht eine halbe Sekunde Zeit: Wo ist der Täter, wer ist der Täter und wer ist einfacher Schüler? Gibt es mehrere Täter? Normalerweise heißt es: Polizei, keine Bewegung. Aber die Erfahrung mit Amoklagen sieht anders aus. Entweder tötet der Täter noch, ist bereits tot oder bekämpft die Polizei.
SPIEGEL ONLINE: Wer beschossen wird, überspringt also die ersten Eskalationsstufen?
Krämer: Beim Amoklauf hat sich der Täter vorbereitet und steht völlig neben sich. Er will möglichst viele Menschen töten. Darauf muss man sich einstellen.
SPIEGEL ONLINE: Der Täter in Ludwigshafen war 23 Jahre alt, aber die Polizisten treffen bei Amokläufen mitunter auf Minderjährige - wie bringt man jemandem bei, dass er eventuell auf ein Kind schießen muss?
Krämer: Auf einen Menschen schießen ist immer eine enorme Belastung. Wenn es ein 16- oder 17-jähriger Schüler ist, potenziert sich das. Aber man muss sich sagen: Ich habe diese Situation nicht verursacht. Und wenn ich über Verletzte und Tote steigen muss, um den Täter zu stellen, ist diese Hemmung doch stark reduziert - so haben es mir Kollegen aus Echteinsätzen erzählt. Ich selbst musste so etwas zum Glück noch nicht erleben.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Kollegen aus Ludwigshafen jetzt betreut?
Krämer: Wir haben eine gute Krisenintervention, Notfallseelsorger und unsere Polizeipsychologen wurden schon angefordert. Mit den Kollegen wird jetzt intensiv und lange über das Erlebte gesprochen.
Das Interview führte Christoph Titz
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