SPIEGEL ONLINE: Eine große Zahl von Schulabgängern landet im Übergangssystem, das Jugendliche ohne Ausbildungsplatz auffangen und qualifizieren soll. Was taugt dieses System?
Solga: Der Ausbildungspakt sieht vor, dass jeder ausbildungswillige und -fähige Jugendliche einen Ausbildungsplatz bekommen soll. Der Pakt wird jedes Jahr erfüllt - nur fragt man sich, wieso die Zahl der Jugendlichen im Übergangssystem so hoch ist. Das System dient vor allem der Politik und der Wirtschaft, denn darin landen auch Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz bekommen konnten, obwohl sie ausbildungsfähig sind. So tauchen sie aber nicht in der Statistik auf - und gefährden somit die Erfüllung des Pakts nicht.
SPIEGEL ONLINE: Das Übergangssystem ist also gut für die Statistik. Ist es auch gut für die Jugendlichen?
Solga: Viele Studien zeigen, dass es nicht viel bringt. Das Problem wird nicht gelöst: Die Jugendlichen machen eine Schleife nach der anderen, werden demotiviert. Zudem sind die einzelnen Maßnahmen nicht aufeinander abgestimmt, so dass die Chancen auf einen Ausbildungsplatz kaum steigen. Das System müsste so funktionieren, dass den Jugendlichen ein Ausbildungsplatz garantiert wird, wenn sie die Maßnahmen erfolgreich durchlaufen haben. Denn dann sind sie ja ausbildungsfähig.
SPIEGEL ONLINE: Unternehmen klagen, dass die Jugendlichen zu wenige Kompetenzen mitbrächten und darum Ausbildungsplätze unbesetzt blieben. Hapert es an den Schulen?
Solga: Was Hauptschulen heute leisten, ist sehr viel mehr als etwa Gymnasien. Sie haben die schwierigsten Schüler. Hauptschulen sind extrem kreativ und die Lehrer sehr engagiert. Aber ein Lehrer kann nicht für 20 Problemschüler ein Elternersatz sein. Es ist wichtig, dass in Schulen mehr Sozialpädagogen arbeiten, die mit Problemen der Schüler besser zurechtkommen, bei der Ausbildungsplatzsuche helfen, die mal mit ihnen in einen Betrieb gehen und Kontakt knüpfen. Dann würden Betriebe das Gefühl haben: Da kümmert sich jemand - und wenn wir dem Schüler trotz schlechter Noten eine Chance geben, bleiben wir nicht allein mit ihm.
SPIEGEL ONLINE: Aber muss sich nicht auch an den Lehrplänen etwas ändern, um die Schüler besser auf das Berufsleben vorzubereiten?
Solga: Sie finden kaum noch eine Hauptschule, die keine Kooperation mit Unternehmen hat oder Betriebspraktika anbietet. In Niedersachsen gibt es zum Beispiel Berufsstarterklassen für akut abschlussgefährdete Jugendliche. Die gehen zwei Tage in der Woche in Betriebe und das über ein bis zwei Jahre. Die Quote der Schüler, die direkt nach der Schule in eine Ausbildung wechseln und später nicht abbrechen, ist im Vergleich extrem hoch: 43 Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Viele Bildungspolitiker sehen das längere gemeinsame Lernen als bestes Rezept, schwache Schüler zu fördern. Kann eine Verlängerung der Grundschulzeit die Zahl der Risikoschüler senken?
Solga: Es ist ein guter Ansatz. In Berlin gibt es Hauptschulen, in denen seit Jahren kein Abgänger in eine Ausbildung gekommen ist. Dass das nicht motiviert, ist doch logisch. Es wäre für schwache Schüler wichtig, gute Schüler in der Klasse zu haben. Außerdem gäbe es pro Klasse weniger Problemschüler, um die sich Lehrer intensiver kümmern könnten.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Anforderungen der Unternehmen an ihre Azubis gestiegen?
Solga: In der Tat sind die Anforderungen in manchen Berufen gestiegen. Oftmals sind sie höher als das, was die Arbeit eigentlich fordert. Die Deutsche Bahn zum Beispiel testet Bewerber im Assessment Center. Die Latte wird dabei so hoch gehängt, dass Hauptschüler keine Chance haben - unabhängig davon, was die Azubis bei der Bahn später wirklich machen.*
SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Ausbildungsmarkt und den Chancen von Jugendlichen. Über "Risikoschüler" wurde schon viel geredet und geschrieben - nimmt die Politik das Problem ernst genug?
Solga: Erschreckend ist, dass sich nicht viel tut. Eine Reihe von Studien zeigt, dass Schüler in Deutschland weniger Kompetenzen haben als in anderen Ländern. Nun werden sie ja nicht dümmer geboren. Was passiert? Man schimpft reihum: Die Berufsbildung - einschließlich Arbeitgeber - schimpft auf die Schulen, die Schulen schimpfen auf die Kindergärten, die Kindergärten auf die Eltern. Wenn wir aber alles auf die Eltern zurückführen, werden wir das Problem nicht lösen.
* Anmerkung der Redaktion: Nach Angaben der Deutschen Bahn trifft es nicht zu, dass Bewerber für Ausbildungsplätze im Assessment Center getestet werden. Die Auswahl erfolge ausschließlich anhand von Vorstellungsgesprächen, sagte ein Sprecher des Konzerns.
Das Interview führte Birger Menke
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und Argumente schon gleich gar nicht, muss man halt "Rechtschreibfehler" bemängeln. Verstehe ich voll und ganz. Damit versuchen Sie den Intellekt ihres gegenüber zu diskreditieren in der Annahme das dann auch dessen [...] mehr...
Es gab eine Zeit, in der die Hauptschule sehr wohl fundiertes Wissen vermitteln konnte und mit dem man das Berufsleben beginnen konnte. Seit den Siebzigern ging es allerdings stetig bergab. Denke eine Mischung aus destruktivem [...] mehr...
Ja, da ist er wieder, der rote Quoten-Schreihals, der keine Ahnung hat, aber dafür umso mehr das Maul aufreisst um mit diffamierenden Parolen ungefragt jedem seine verquere Weltsicht ins Gesicht zu klatschen. Ich habe mehrere [...] mehr...
....denn keine Sorgen? Es sollte um die Substanz des Beitrages gehen - und nicht um den krümeligen Buchstaben. Vielleicht sehen Sie sich Ihren Beitrag unter diesem Aspekt auch noch mal an. mehr...
Ich habe nicht den Eindruck, dass sich daran in den letzten Jahren etwas geändert hat - trotz Geburtenknick. Von der Hauptschule zum Berufsbildenden Jahr zum Amt. mehr...
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