Aus, Schluss, vorbei. Klappe nach vier Jahren gemeinsamer Zeit. Ein letztes Klassenfoto, ein letztes Fußballmatch am Schulhof, dann geht es hinaus aus dem bunten Haus mit dem kleinen Schild "Grundschule" drauf.
Es war Sommer, das Gymnasium lag vor mir. Ich war froh, dass ich weg war. Ich war zehn. Und klar war ich stolz darauf, jetzt Gymnasiast zu sein. Wie meine Geschwister. Wie schon meine Eltern, damals.
Maximilian und ich waren zusammen in einer Klasse in einer Montessori-Grundschule im bayerischen Passau. Vier Jahre lang, wie alle Grundschüler. Wir waren richtig gute Freunde, Maximilian war oft bei mir zu Besuch und ich bei ihm. Es hätte ewig so weitergehen können.
Aber mit unserer Freundschaft war es rasch vorbei, wir wechselten auf unterschiedliche Schulen - und hätten uns beinahe nie wieder gesehen. Obwohl wir in derselben Stadt lebten, einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern, wo man sich eigentlich ständig trifft. Obwohl unsere Schulen nur ein paar hundert Meter Luftlinie auseinander lagen. Von seinem Klassenzimmer aus konnte Maximilian den Hügel hinabsehen, unten saß ich im Flachbau und paukte.
Tastet jemand das Gymnasium an, sind Eltern sofort auf der Zinne
Zufall ist es nicht, dass unser Kontakt so jäh abbrach. Ich habe keinen alten Freund aus der Grundschule noch mal gesehen, der nicht auf das gleiche Gymnasium gewechselt ist. Keinen einzigen. Und damit bin ich nicht allein.
Die Dreigliedrigkeit des Schulsystems hat Tradition, das Gymnasium gilt als sakrosankt in Deutschland. Es ist zusammen mit Österreich das einzige Land in Europa, das die Schüler bereits mit zehn Jahren trennt. So ist es in fast allen Bundesländern, und so wird es wohl noch lange bleiben. Wo sich eine Regierung an eine neue Schulstruktur herantraut, sind Eltern von Gymnasiasten und von Kindern, die es werden sollen, sofort zornesrot auf allen Zinnen - und brechen, wie gerade in Hamburg, einen Kulturkampf los, der Landesregierungen erschrocken zurückweichen lässt.
Solche erbittert geführten Kulturkämpfe gab es schon in den siebziger Jahren um die Gesamtschule, die konservative Bildungspolitiker damals wie heute gern als "Einheitsschule" schmähen. Nun gibt es sie erneut. Viel Kluges ist darüber geschrieben worden, welches Schulsystem das bessere ist. Lange wurde erörtert, ob Kinder in homogenen oder heterogenen Gruppe besser lernen können; ob die frühe Auslese oder etwa der skandinavische Weg mit längerem gemeinsamen Lernen und individueller Förderung größere Erfolge bringt; ob sich der Übergang in die weiterführenden Schulen gerecht vollzieht oder eher Lottocharakter hat.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern
Sicher ist das alles wichtig. Wichtig ist aber auch, was dem deutschen Sondermodell Gymnasium so gründlich gelingt: Es trennt die Lebenswege. Und zwar nachhaltig. Selbst in einer überschaubaren Kleinstadt wachsen die Haupt- und Realschüler und die Gymnasiasten weitgehend getrennt voneinander auf.
Woran liegt das?
Klar: Wenn Kinder auf eine weiterführende Schule wechseln, strömt enorm viel Neues auf sie ein. Über Nacht stecken sie in einer neuen Klasse voller neuer Kontakte. Gymnasiasten finden es plötzlich viel netter, mit ihresgleichen zu verkehren. Alle anderen halten die Gymnasiasten für Streber. Zudem schauen Teenager in die Zukunft. Sie schließen das Fenster nach hinten und konzentrieren sich auf das, was vor ihnen liegt. Erwachsenwerden passt mit alten Grundschulfreunden einfach nicht zusammen.
Der wahre Grund für das Abreißen der Freundschaften ist all das aber nicht. Mit zehn oder zwölf Jahren weiß noch kein Kind, dass es später mal Jura studieren wird. Aber vielleicht sehen die Eltern ihren Jungen schon in der Anwaltsrobe oder ihr Mädchen im Zahnarztkittel. Sie sind es, die alles daran setzen, dass ihr Kind auf ein Gymnasium wechselt, nicht etwa auf die verrufene Hauptschule. Und akademisch geprägte Eltern sehen es gern, wenn ihr Kind bitte auch außerhalb der Schule seine Zeit mit Gymnasiasten verbringt: Lern und spiel nicht mit den Schmuddelkindern.
Milieubildung heißt das - obere Schichten grenzen sich nach unten ab. Die Trennung der Schüler mit zehn Jahren bedeutet, dass der Staat einen tiefen Graben zwischen Akademikerkinder und Arbeitersprösslinge treibt. Die gleiche Gesellschaft, die sich schon so lange und so ausdauernd Chancengleichheit für alle auf die Fahnen schreibt, schreibt die gesellschaftlichen Milieus schon im frühen Kindesalter fest.
Der letzte Grundschulkick, es war ein epochales Match
Und es gibt kaum ein Entrinnen, denn das traditionelle Schulsystem kennt allenfalls Durchlässigkeit nach unten, kaum aber nach oben. Das große Sortieren nach der Grundschule prägt die gesellschaftlichen Schichten ein Leben lang. Die meisten Akademiker kommen mit Hauptschülern nur in Berührung, wenn sie mit ihnen verwandt sind, sich die Reifen wechseln oder ihre Haare schneiden lassen wollen.
Das letzte Fußballspiel am Hof vor der Grundschule - es war ein epochales Match. Es brauchte eine amerikanische Erfindung, um Maximilian und mich wieder zusammenzubringen. Neun Jahre lang dauerte es. Neun Jahre nach dem letzten Match in der Grundschule traten wir beide Facebook bei, und Maximilian schrieb mir eine Nachricht: "Bist du nicht...?" Ich schrieb zurück, wir beschlossen, uns zu treffen.
In München schlendern wir einen Tag lang durch die Stadt. Maximilian und ich - wir hätten gute Freunde bleiben können. Wir unterhalten uns ewig und stellen fest, dass uns viele Interessen einen. Hätte man uns beide nur länger auf der gleichen Schulbank sitzen gelassen.
Jetzt sitzen wir in einem Café in München. "Wieso in aller Welt haben wir uns bloß nicht früher getroffen?", fragt Maximilian. Klar, natürlich könnten alle Zehnjährigen weiter in den gleichen Fußballclub gehen und so in Kontakt bleiben. Aber Menschen ändern sich, ich habe lange schon nicht mehr Fußball gespielt, Maximilian mag sowieso lieber Basketball. Er ging nach der Fachoberschule für einige Monate nach Australien. Als wir in München im Café sitzen, erzählt er mir vom Gespräch mit einem schwedischen Mädchen, das er dort traf. "Ich konnte ihr einfach nicht erklären", sagt Maximilian, "warum in Deutschland schon Zehnjährige in dreierlei Schichten eingeteilt werden."
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Herr Raphael Geiger lebt auf einem anderen Stern. Ich, Jahrgang 1943, Arbeiterkind, Vater Alkoholiker,besuchte ab 1956 (siebente Klasse) auf Empfehlung der Klassenlehrerin das Gymnasium zusammen mit einem Klassenkameraden der [...] mehr...
Eine der unbedingt zu erfüllenden Anforderungen wäre allerdings, so einfache Sätze wie den von AberHallo richtig zu deuten, weil der nämlich sehr einfach und eindeutig ist: Zitat von AberHallo: "Die [...] mehr...
Und alle Länder, die bei PISA hinter D liegen, haben auch Gesamtschulsysteme... mehr...
Kommt drauf an. Wenn Mahmut in Berlin-Neukölln wohnt und ich in Berlin-Marzahn, dann wohnen wir zwar in der gleichen Stadt, aber bestimmt nicht in der selben. ;-) mehr...
Das muss man leider unterschreiben. Eine Mischung aus Trändendrüsendrücken und gehaltloser Polmik. Wenn jemand ähnlich plump und peinlich für das dreigliedrige Schulsystem argumentiert hätte, wäre das nie publiziert worden. [...] mehr...
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