Von Markus Verbeet
Einen Tag lang rang er mit sich, dann entschied Hartmut von Hentig: Ja, er wolle sich den drängenden Fragen stellen, er wolle nicht schweigen zu den schlimmen Vorwürfen. Der große alte Mann der Reformpädagogik, eine Koryphäe, ein Idol, manche sagen: ein Guru, forderte den SPIEGEL auf: "Fragen Sie, was Sie fragen wollen oder müssen."
Es sind viele, schreckliche, intime Fragen, die man dem 84-Jährigen in diesen Tagen stellen muss. Sein Lebensgefährte Gerold Becker war Leiter der Odenwaldschule, von 1972 bis 1985, er war der Leiter, dem nun immer neue Missbrauchsvorwürfe gemacht werden. Der Mann, der die deutsche Schule zu einer besseren gemacht hat, lebt mit einem Mann zusammen, der - so erzählen es ehemalige Schüler - Kinder geschändet hat.
Was hat Hentig gewusst, was hätte er wissen müssen? Und ist seine Pädagogik mitverantwortlich? Ein Reporter der Süddeutschen Zeitung hat ihm am Freitag ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt, nachdem er ihn besucht hatte: "Hentig leugnet, verdrängt und bagatellisiert." Danach hat sich Hentig wieder von der Welt abgeschottet. "Nicht ich verfolge irgendwelche Nachrichten - ihre Macher verfolgen mich, so dass ich das Telefon nicht mehr abnehme, meine Wohnungstür nicht mehr öffne."
Die jetzige Schulleiterin sei "im Begriff, die Aufklärung zu versäumen"
Gegenüber dem SPIEGEL aber hat er sich ausführlich geäußert. Ein Faxgerät besitzt er offenbar nicht, E-Mails schreibt er nicht. Ein Bote hat den Brief mit den Fragen vorbeigebracht und einen Tag später sieben Blätter voller Antworten abgeholt. Hentig schreibt von "erstaunlichen Unterstellungen" und betont immer wieder, dass nichts bewiesen sei: "Die Beschuldigungen müssen geklärt worden sein, bevor man anfangen kann, einen Zusammenhang mit irgendeinem pädagogischen Programm herzustellen oder zu leugnen." Noch aber sei nichts geklärt; bisher seien "nur Aussagen gesammelt, nicht aber geprüft" worden.
Die jetzige Leiterin der Odenwaldschule kritisiert er darum in deutlichen Worten. Sie sei "im Begriff, die Aufklärung zu versäumen, wenn nicht gar zu verderben, indem sie von vorneherein Aussagen der Beschuldiger, deren Erinnerung an lang Zurückliegendes, zum Teil durch bloße Mutmaßungen wie Fakten behandelt hat". Er finde es ja richtig, dass sie ernst nehme, was ihr die Schüler sagen. "Aber solange sie nicht auch andere ehemalige Schüler, Erwachsene, Eltern angehört und nicht auch Verbindung zu den Beschuldigten wenigstens gesucht hat, sollte sie sich der rechtsstaatlich gebotenen Vorbehaltsklauseln bedienen."
Kein Zweifel, keine Kritik, sondern "Bewunderung" für seinen Lebensgefährten
Über seinen Lebensgefährten verliert er kein einziges böses Wort, nicht mal ein zweifelndes ist auf den sieben Blättern zu finden. Hentig schreibt vielmehr von der "Bewunderung" für dessen Pädagogik und dem "Neid, wie gut es diesem Mann gelang, auf Kinder einzugehen, ihnen etwas zu erklären, sie durch Ablenkung oder geduldiges Zureden von einem Unfug abzuhalten".
Nein, er mache sich keine Vorwürfe, dass er etwas hätte bemerken müssen: "Die könnte ich mir doch nur machen, wenn es einen Anlass dazu gegeben hätte - eine Verdacht erregende Wahrnehmung, ein Misstrauen, ein mir zugetragenes Gerücht."
Den vollen Wortlaut des schriftlichen Interviews lesen Sie hier.
Auf anderen Social Networks posten:
Gegen den Artikel von Brumlik ist nichts einzuwenden. Sie versäumen allerdings sein Fazit zu zitieren: "Folgt nun aus dieser sehr deutschen Geschichte, die vor allem einen missglückten Ausweg aus der sexuellen Repression [...] mehr...
Vielleicht ist es für Sie "etwas zu hoch", dass eine ganze Reihe Täter längst überführt sind und ihre Schuld auch eingestanden haben. Sehen Sie, da kommen wir doch zu Kern Ihrer seltsamen Beiträge. Es ist bei [...] mehr...
Nein, aber das ist das zum Teil, was ich seit Anfang Februar eine Hasskampagne, eine Massenhysterie nenne. Und dazu stehe ich 100 % gegen all die Alt-Schüler, die nie Anzeige erstattet hatten. Ich verweise in der Tat auf die [...] mehr...
Tatbeschreibungen gibt es reichlich. Dass Sie die entsprechenden Quellen nicht zur Kenntnis nehmen wollen, ist Ihre Entscheidung. Über die Motive kann man nur spekulieren. Das ist eine Unverschämtheit. Nach Vertuschung und [...] mehr...
Meine Güte. Wir diskutieren hier nur darüber. Die Anklagen kommen nicht von mir - einen ersten Überblick verschafft Ihnen z.B. http://www.fr-online.de/top_news/2388381_Im-Wald-Skandal-an-der-Odenwaldschule.html Wenn Sie das [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Wissen | RSS |
| alles zum Thema Sexueller Missbrauch von Kindern | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH