ThemaArbeitsplatz SchuleRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.04.2010
 

Pädagogen-Pisa

Wehe, wenn der Mathelehrer rechnen muss

Von Christoph Titz

Mathelehrer an deutschen Gymnasien sind Weltspitze - aber sonst sieht es manchmal ziemlich dunkel aus, zeigt eine Vergleichsstudie aus 17 Ländern. Einige können nicht mal die Aufgaben lösen, die sie ihren Schülern stellen.


Deutschlands junge Mathematiklehrer sind international nur Mittelmaß. Im Vergleich mit anderen Industrienationen schneiden sie schlecht ab, wenn man alle Schultypen zusammennimmt. Das ist ein Ergebnis von "Teds-M", einer internationalen Vergleichsstudie in 17 Ländern unter Berufsanfängern im Lehrerberuf für das Fach Mathematik. Auch wenn nur die Lehrer an weiterführenden Schulen berücksichtigt werden, erreichen deutsche Gymnasial-, Real- und Hauptschullehrer international lediglich einen Platz im oberen Mittelfeld.

Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Deutschlands junge Gymnasiallehrer sind im Matheunterricht Weltspitze - und Grundschullehrer ebenfalls, sofern sie Mathematik als Fach studiert haben. Dagegen bleiben Grundschullehrer ohne diese Ausbildung sowie Haupt- und Realschullehrer weit hinter Lehrern anderer Länder zurück.

Die Studie, deren Zusammenfassung SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigt die fachliche und didaktische Kompetenz junger Mathematiklehrer aus 17 Ländern. Für Deutschland ist das Bild sehr ambivalent, die Unterschiede zwischen den Schulformen sind extrem: Die deutschen Gymnasiallehrer zeichnen sich "im internationalen Vergleich durch herausragende mathematische und mathematikdidaktische Kompetenzen aus".

Jeder zweite Hauptschul- und Realschullehrer auf unterstem Teds-M-Niveau

Dramatisch schlecht sind dagegen zum Teil die Leistungen der deutschen Mathelehrer an Haupt- und Realschulen. Manche Lehrer sind laut Teds-M-Studie nicht in der Lage, komplexere Aufgaben zu lösen, die sie eigentlich ihren Schülern stellen sollten. Sie hätten "Schwierigkeiten, mathematische Nichtstandardaufgaben zu lösen, die auf dem Kompentenzniveau der zu unterrichtenden Schüler liegen". Fast die Hälfte der deutschen Hauptschul- und Realschullehrer habe nur ein mathematisches und mathematikdidaktisches Wissen, das "dem untersten Teds-M-Kompentenzniveau entspricht", heißt es in der Zusammenfassung der Studie.

Die Fähigkeiten klaffen an den unterschiedlichen Schultypen vor allem deshalb auseinander, weil Ausbildung und Attraktivität des späteren Berufs sich deutlich unterscheiden. Mathematiklehrer für Gymnasien hätten oft selbst einen Mathe-Leistungskurs besucht und deutlich bessere Abiturnoten als Bewerber für die anderen Schularten, sagte Studienautorin Sigrid Blömeke SPIEGEL ONLINE. Weil der Gymnasialdienst besser bezahlt ist, drängten die besten Abiturienten in diese Richtung. Obendrein erhielten Gymnasiallehrer die bessere Ausbildung, ihr Studium dauere ein Jahr länger, "darum können auch mehr Inhalte vermittelt werden", so Blömeke.

Studien-Autoren: Matheausbildung für Grundschullehrer erforderlich

Ein Rekrutierungsproblem sieht Blömeke, Bildungsforscherin an der Humboldt-Universität Berlin, nicht. Auch die Bewerber auf das Lehramt an Haupt- und Realschulen haben laut Blömeke einen Notendurchschnitt von 2,6 und damit ordentliche Abiturnoten. Das Lehrerstudium ist demnach vor allem für gute und sehr gute Schulabgänger interessant. Ziel müsse eine Aufwertung des Haupt- und Realschullehramts sein. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Bezahlung sollten sich Gymnasium und die anderen Schulformen angleichen.

Besonders heikel ist die Lage auch bei den stufenübergreifend ausgebildeten Grund-, Haupt- und Realschullehrern ohne Mathematik als Studienfach. "Mit ihrem überwiegend aus der Schule stammenden Wissen werden sie möglicherweise nur schwer kognitiv anregenden Mathematikunterricht durchführen können, wie ihn die Bildungsstandards der Grundschule fordern", sagt Gabriele Kaiser, Mathedidaktikerin der Uni Hamburg und Co-Leiterin der Teds-M-Studie. In Taiwan oder Singapur, die an der Spitze der Leistungsverteilung stehen, ist es nicht möglich, ohne das Studium der Mathematik und ihrer Didaktik in den Grundschullehrerberuf einzutreten.

In der Grundschullehrerausbildung schnitten vor allem die Bundesländer gut ab, die reine Grundschullehrer ausbilden. Einen besonderen Schwerpunkt auf Mathematik legten dabei Thüringen und Sachsen-Anhalt, sagte Blömeke. Dort hätten die angehenden Grundschullehrer die Wahl zwischen "viel oder noch mehr Mathematik".

Die Studienautoren gehen davon aus, dass sich die Qualität des Matheunterrichts bald verbessern wird. Die Einstellung der jungen Lehrer zu ihrem Fach sei ganz anders als bei älteren Kollegen. Von "einer neuen Generation von Mathematiklehrern" sprach Blömeke gegenüber SPIEGEL ONLINE.

In der Studie heißt es zur neuen Begeisterung der Mathelehrer für ihr Fach: "Einen Zusammenhang von Überzeugungen und Unterrichtshandeln vorausgesetzt, deutet sich hier ein Wandel in der Unterrichtskultur an, der Hoffnung weckt." Hier zeige der "Pisa-Schock" seine heilsame Wirkung, sagte Blömeke.

Kompetenzen deutscher Mathematiklehrer im internationalen Vergleich

Teds-M-Ergebnisse

DPA
Deutschlands junge Mathelehrer an Gymnasien sind weltklasse - auch Grundschullehrer mit spezieller Matheausbildung schneiden gut ab. Haupt- und Realschullehrer sind dagegen oft erschreckend schlecht. Die Ergebnisse von Teds-M im Überblick.

Mathematische Kompetenz angehender Grundschullehrkräfte

Mathematikdidaktische Kompetenz angehender Grundschullehrkräfte

Mathematische Kompetenz angehender Sekundarstufen-I-Lehrkräfte

Mathematikdidaktische Kompetenz angehender Sekundarstufen-I-Lehrkräfte

Mathematikdidaktische Kompetenz von Mathematiklehrern bis Klasse 10

Mathematikdidaktische Kompetenz von Mathematiklehrern bis Klasse 13

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 241 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.04.2010 von panda: Kann ich bestätigen....

... meine Hauptschüler waren eine Woche in Rom - nur wenige Wochen vor den Qualiprüfungen. Kurz nach den Faschingsferien, den Osterferien und kurz vor den Pfingstferien. Einfach ideal. mehr...

29.04.2010 von Hilfskraft: Wehe, wenn der Mathelehrer rechnen muss

ein Mathelehrer muß rechnen können? Ein Sportlehrer muß turnen können? Mein Sportlehrer saß immer mit der Trillerpfeife im Mund auf der Bank und ließ uns springen. Warum soll es bei Mathelehrern anders sein? Die müssen doch [...] mehr...

29.04.2010 von marit: .

Die produzieren jetzt alle Fragebögen für die Rundablage damit man so getan hat als würde man sich für die Schüler interessieren. Und für die nicht Lehrer: je nach Bundesland sind sehr viele Lehrer jetzt nicht primär mit [...] mehr...

29.04.2010 von panda: Ein großartiger Vorschlag.

Sehr wahrscheinlich sind die Lehrer auch schon fleißig dabei - wie sonst könnte man diese merkwürdige plötzliche Ruhe im Thread erklären können. Es gibt doch noch Einsicht - auch in der Schule. Dies macht Hoffnung. mehr...

29.04.2010 von Grämlich: noch etwas

Nach dem 1. Staatsexamen kann man rein formal auch fachlich promovieren. Es gibt sogar Professoren, die so angefangen haben. Dies sind in meinen Augen auch richtige Mathematiker, weil sie mit einer fachlichen Promotion gezeigt [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Wissen
alles zum Thema Arbeitsplatz Schule

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...





TOP



TOP