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09.09.2010
 

Bedrohtes Jugendkultur-Archiv

Lobbyisten der Jugend

Von Oliver Trenkamp

Gedächtnis der Jugend: Punks, Skins und "Bravo"
Fotos
Jörg Metzner

Porno-Gucker, Flatrate-Säufer, Aggro-Rapper - die Jugend hat einen schlechten Ruf, aber sie hat Fürsprecher: Klaus Farin und seine Leute zeigen Polizisten und Lehrern bei Punk- und Sprayer-Workshops, wie Jungs und Mädchen wirklich ticken. Doch jetzt droht seinem Archiv der Jugendkulturen das Aus.

Die Polizei, sagt der Mann im schwarzen Muskelshirt, kennt man ja sonst nur als Gegner. Deswegen arbeitet Klaus Farin, schulterlanges Haar, Drei-Tage-Bart, mit dem Gegner zusammen: Beamte aus Brandenburg lässt er nach Berlin-Kreuzberg kommen, zum Graffiti-Workshop. Dann fahren sie mit dem Mannschaftswagen in der Oranienstraße vor, gucken sich vollgesprühte Hauswände an und lassen sich von Sprayern die Gegend zeigen.

"Eine Maßnahme zur Deeskalation", nennt es Farin. Denn: "Wenn die Polizisten das nächste Mal einen Sprayer festnehmen, wird er vielleicht nicht gleich zusammengeschlagen."

Nicht nur Polizisten, auch Eltern, Lehrer, eigentlich alle Erwachsenen, sind die natürlichen Feinde eines Jugendlichen, egal ob er Punk ist, HipHopper oder Skinhead. Klaus Farin will im Konflikt Alt gegen Jung vermitteln, indem er den Alten erklärt, warum die Jungen sich die Haare färben, warum sie weite Hosen tragen oder sich die Köpfe kahl rasieren.

Mit 52 Jahren und einer Vorliebe für T-Shirt-Aufschriften wie "Commerzpunk" gibt er den Lobbyist den Jugend. Wenn Polizisten, Lehrer oder Journalisten wissen wollen, ob Bushido gefährlich ist, dann rufen sie bei Farin an, im Archiv der Jugendkulturen in Berlin. Farin hat es vor zwölf Jahren aufgebaut und leitet es bis heute. Denn hier konserviert er Jugendkulturen, es ist die Grundlage seiner Expertise. Jetzt muss er das Archiv vor dem drohenden Ende bewahren.


Mit 15 Jahren hat er angefangen, Flugblätter, Kassetten, Magazine aus der Punk-Szene zu sammeln. "Mädchen hören Musik", sagt er, "Jungs sammeln sie." Dann kamen andere Szenen dazu, Raver, Emos, Skins. Er hortet, was Jugendliche zeichnen, schreiben, sich an die Wand hängen. Dinge, die bei vielen Leuten in einem Karton im Keller landen. Mit denen man sich daran erinnert, dass es mal eine wildere, aufregendere Zeit im Leben gab - erste Konzerte, erster Sex, erste Drogen. Dinge, die man dann doch wegschmeißt, wenn man bei den Eltern auszieht.

700 Quadratmeter Subkultur: vom "Bravo"-Poster bis zum Skinhead-Heft

Farin hat früher als freier Journalist gearbeitet, vor zwölf Jahren hat er aus seinem Büro und der privaten Sammlung das Archiv in Kreuzberg gemacht, das einzige seiner Art. Mittlerweile ist es auf 700 Quadratmeter angewachsen, 30.000 Fanzines, Poster, alte "Bravo"-Hefte, 4000 LPs, CDs, DVDs und Videos, unzählige Flyer, 8000 Schülerzeitungen, wissenschaftliche Aufsätze. 29 Mitarbeiter, fast alle ehrenamtlich, sichten Skin-Hefte aus Singapur, veranstalten Rap- und Skateboard-Workshops, verlegen Bücher wie "Schwule und Lesben in der Bravo" und organisieren Ausstellungen zur Lebenswelt von Zuwandererkindern. Schulklassen kommen her und lernen Platten auflegen, Studenten wühlen sich durch Songtexte für ihre kulturwissenschaftlichen Abschlussarbeiten.

Doch jetzt droht dem Archiv das Aus, es fehlt Geld. Rund 5500 Euro Miete im Monat zahlt sein Verein, sagt Farin. Was durch Spenden und Buchverkäufe reinkomme, reiche meist nicht; bis zu 1500 Euro aus eigener Tasche schössen er und seine Leute zu. Bis Ende Oktober, wenn die Verlängerung des Mietvertrags ansteht, müsse er 100.000 Euro zusammenbekommen, um eine Stiftung gründen zu können. Gut ein Fünftel, also 20.000 Euro, ist bereits eingegangen, seit er die Aktion "Das Archiv der Jugendkulturen geht stiften" gestartet hat und unzählige Interviews gibt.

Dann, so hofft Farin, wird es einfacher; sonst müsse er zumachen. Zwar bekommt sein Verein viele Preise und Auszeichnungen, doch meist sind es undotierte - "Anerkennung, die nichts kostet", sagt er. Freundliche Briefe von Bundesjugendministerin Kristina Schröder (CDU) und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat Farin auf der Internetseite des Archivs veröffentlicht. Beide gratulieren zur Arbeit, sehen sich aber nicht in der Lage, das Archiv zu fördern.

Sozialpädagogischer Punk - geht das?

Wenn Farin dichtmachen würde, verlöre er auch Nika, 25. Sie hat Verwaltungswissenschaft studiert, Schwerpunkt Soziologie, und ihre Abschlussarbeit über "Punk im Wandel der Zeit" geschrieben. Sie gehört zu den "Teamern", jenen Honorarkräften, die an Schulen gehen, zusammen mit jemandem, der sich um politische Bildung kümmert. Seit zwei Jahren zeigt sie Kindern Punk-Videos, diskutiert mit ihnen Songtexte und versucht auf diesem Weg zu Themen wie Mobbing und Rechtsextremismus zu kommen. Eine Mischung aus Sozialpädagogik und Punk, das ist die Idee. Wenn die Schüler nach dem Workshop zu ihr kommen und Fragen stellen, dann empfinde sie das als Erfolg, sagt Nika.

Auch Klaus Farin sammelt und forscht noch immer, geht auf Nazi-Konzerte und spricht mit Gothic-Fans. "Was für mich interessant ist, spielt sich auf Lan-Partys, in Clubs oder bei Konzerten ab." Er komme eigentlich in jede Szene rein, die Jugendlichen fänden es gut, dass sich ein Erwachsener für sie interessiert. Aber er sagt auch: "Ich bin kein so guter Beobachter mehr." Zu viele Jugendszenen habe er schon erlebt, und seit den neunziger Jahren mische sich alles nur neu. Manche Details fallen ihm nicht mehr auf. "Ethnografisch ist der erste Blick auf eine Jugendkultur der Beste", sagt er. Seine Teams seien deshalb "intergenerativ und interkulturell", also jung und alt gemischt und nicht alle aus derselben Szene. Denn Jungs zum Beispiel würden oft gar nicht merken, wenn bei einem Hardcore-Konzert kaum Mädchen sind - "die finden das normal".

Über die Jahre hat Farin seine Lobbyarbeit für die Jugend professionalisiert. Seine Vorträge, mit denen er Geld verdient, beginnen jetzt bei den Wandervögeln von 1907, der ersten eigenen Jugendkultur, wie er sagt. Er kommt dann über Swingkids, Rock'n'Roller, Punks schnell zu der "bravsten Generation" seit langem: der Jugend von heute, die zwar als Generation der Porno-Gucker und Koma-Säufer gilt, die aber später Sex hat, weniger raucht und nicht krimineller ist als ihre Vorgänger.

Er kennt die Zahlen, Statistiken, Studien. Und er wundert sich, dass die Erwachsenen dieser Jugend immer weniger vertrauen und immer weiter aufrüsten mit Verboten und Kontrollen. "Jugendschutz ist die am stärksten boomende Branche", sagt Farin, und er klingt nicht, als fände er das richtig. Auch wenn er dazu sagt, dass es in Einzelfällen sicher gerechtfertigt sei, ein Konzert zu verbieten oder eine Party.

Zu den tolerantesten Erwachsenen gehören laut Farin Polizisten. Da die Polizei jedes Jahr neue Leute einstelle, verliere sie den Kontakt zur Jugend nicht. Er habe schon Beamte kennengelernt, die früher selbst gesprüht haben. Zu dem Graffiti-Workshop seien sie trotzdem gekommen.

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Die neuesten Beiträge:
10.09.2010 von lukeserious: @ The Who?

Es war keineswegs meine Absicht, Sie in irgendeiner Form anzugreifen oder ihren Musikgeschmack zu beleidigen, wenn das dennoch so rüberkam, dann entschudlige ich mich hiermit dafür. Mir ging es auch garnicht so sehr um die [...] mehr...

10.09.2010 von The Who?: Hip Hop ?!?

Guten Tag werter herr Ich bin 20 Jahre alte und nach ihrer Aussage ein ,,Hopper'' und nun bin ich hier habe mich extra für sie Angemeldet!Ich fühle mich von ihren Persönlichen Aussagen angegriffen ich merke gleich zum Anfang [...] mehr...

09.09.2010 von gis: belanglos

Jugendkultur ist doch nur der durchkommerzialisierte Zeitvertrieb gelangweilter Jugendlicher in Überflußgesellschaften. In ärmeren Ländern gibt es diese Zeitspanne gar nicht. Da hast du mit 16 Verantwortung und kein Geld für [...] mehr...

09.09.2010 von Mocs: Woran erinnert mich das nur...

Woran erinnert mich das nur... Ach ja - an DAS : http://www.youtube.com/watch?v=MybMB8-RTNI Kulturell voll wertvoll... mehr...

09.09.2010 von Weihnachtskind: .

Es gibt verschiedenen HipHop. Bushido, Azad und wie sie alle heißen, klar, sind nicht gerade die Krone der Evolution. Aber selbst ihnen müssen sie eine gewissen Sprachgewandtheit zusprechen. Mein Lieblingslied immer noch nach [...] mehr...

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Zur Person

Archiv der Jugendkulturen
Klaus Farin, 1958 geboren, gründete 1998 gemeinsam mit Journalisten und Wissenschaftlern das Archiv der Jugendkulturen in Berlin, dessen Leiter er bis heute ist. Farin hat zahlreiche Bücher zu jugendlichen Subkulturen veröffentlicht. Zudem arbeitete er für Zeitschriften, drehte Filme und produzierte Radio-Features.


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