SPIEGEL ONLINE: Schüler meckern regelmäßig über ungerechte Noten. Sie überprüfen jetzt, ob ein Computerprogramm Klausuren besser bewerten kann als ein Lehrer. Tun sie den Pädagogen damit nicht Unrecht?
Schlomske: Lehrer lassen sich beeinflussen. Etwa durch eine schöne Schrift oder wenn sie erst eine besonders gute Arbeit gelesen haben und danach eine weniger gute - die wird dann meist härter bewertet als nötig. Lehrer kennen diese Effekte, aber wenn man unter Zeitdruck 20 Klausuren am Stück korrigiert, lässt sich das nicht immer vermeiden. Darauf fällt eine Software nicht rein.
SPIEGEL ONLINE: Woher weiß eine Software, was ein guter Aufsatz ist?
Schlomske: Ich verwende ein Programm, das Texte analysiert und die Zusammenhänge darin erkennt. Die Kernbegriffe und Zusammenhänge lassen sich dann zum Beispiel als Mindmap darstellen. Solche Auswertungen lassen sich automatisch vergleichen, so dass man sofort weiß, wie nah der Text eines Schülers an die Musterlösung des Lehrers herankommt.
SPIEGEL ONLINE: Die können sich das zeitaufwendige Korrigieren künftig sparen und müssen nur noch einmal klicken?
Schlomske: Ich mache keine Lehrer arbeitslos. Die Software soll sie dabei unterstützen, möglichst objektive Noten zu vergeben. Erst mal funktioniert das auch nur für Texte, in denen Schüler Wissen reproduzieren sollen - nicht bei freien Aufsätzen, in denen sie sich eigene Gedanken machen sollen. Ich versuche jetzt mit einer Studie zu belegen, dass das System wirklich funktioniert. Denn die von mir eingesetzte Software "T-Mitocar" hat Pablo Pirnay-Dummer von der Universität Freiburg eigentlich dazu entwickelt, Wissens- und Lernprozesse zu visualisieren und zu analysieren - nicht direkt zur Leistungsbewertung von Klausuren.
SPIEGEL ONLINE: Noch werden die meisten Klausuren mit der Hand geschrieben. Wie kommen die Arbeiten in den Computer?
Schlomske: Das wird sich weiterentwickeln. Für meine Studie habe ich tatsächlich 180 mit der Hand geschriebene Klausuren erst abgetippt und dann ausgewertet. Da macht es dann garantiert keinen Unterschied mehr, ob jemand nun eine schöne Handschrift hat oder nicht.
SPIEGEL ONLINE: Lehrer müssten dann zusätzlich eine Musterlösung ausformulieren, wo ihnen vorher vielleicht Stichwortlisten gereicht hätten.
Schlomske: Ja, es muss ein Vergleichstext her. Aber dann gibt es in Sekundenschnelle Ergebnisse, sozusagen eine zweite Meinung. Eigentlich wäre es wünschenswert, dass jede Arbeit von zwei Lehrern bewertet wird. Für die Objektivität. Dazu fehlt oftmals einfach die Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Lehrer vom Kollegen Computer?
Schlomske: Es gibt natürlich Kritiker, die sich auch um ihre eigene Zukunft sorgen. Aber es ist ja als Hilfsinstrument gedacht, nicht als Ersatz für Lehrer. Andere hingegen finden es spannend und wollen nun wissen, wann es endlich losgeht. Vorher muss ich leider noch die Arbeiten von 100 Schülern durch das Programm vergleichen lassen und prüfen, ob die Ergebnisse stimmen. Wenn alles klappt, könnte das die Uni- und Schullandschaft ganz schön verändern.
Das Interview führte Ole Reißmann
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