02. November 2009, 16:18 Uhr

Schul-Amokläufe

Forscher arbeiten an Frühwarnsystem

Auf Amokläufe folgt stets die Frage: Hätte man die Gefahr erkennen können? Oft gab es Warnsignale, sagen Berliner Wissenschaftler und wollen Lehrer und Schulleiter stärker sensibilisieren. Es ist eine Gratwanderung - denn ein "Klima der Kontrolle" wollen die Forscher unbedingt vermeiden.

Georg R. hatte auf einer Art Kalenderblatt unter dem 17. September das Wort "Apokalypse" geschrieben. Es war der Tag seines Amoklaufs in Ansbach, bei dem er mit einem Beil, Messern und Molotowcocktails ein Gymnasium stürmte. Tim K. bekam laut Staatsanwaltschaft von seinen Eltern gewaltverherrlichende Videospiele und Filme geschenkt und berichtete in einer Sitzung mit seiner Psychotherapeutin gar von Tötungsfantasien, die er später blutig umsetzte: In Winnenden erschoss der 17-Jährige 15 Menschen und anschließend sich selbst.

Was nach den Amokläufen bekannt wurde, macht eines deutlich: Die Täter handelten nicht spontan, sie sendeten Signale aus. Ihr Umfeld hätte auf die Gefahr aufmerksam werden können. Die Freie Universität Berlin startet nun ein bundesweit einzigartiges Projekt, um die Früherkennung in Schulen zu verbessern. "Wir wissen, dass die Täter im Vorfeld immer Spuren hinterlassen haben", sagt Rebecca Bondü vom Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie der FU Berlin.

Von Amokläufen sprechen die Experten nicht, sondern von "School Shootings", Schießereien an Schulen - weil die Täter nicht unüberlegt oder im Affekt handeln. Das Projekt soll vor allem Lehrer und Schulleiter für das sensibilisieren, was Bondü und ihre Kollegen "Leaking" nennen: das "Durchsickern" von Signalen. Dazu kann beispielsweise gehören, dass die Jugendlichen Informationen über frühere Täter sammeln, Gewalt verherrlichende Zeichnungen anfertigen, sich viel mit Waffen beschäftigen oder bei Mitschülern ankündigen, einen bestimmten Lehrer töten zu wollen.

Bundesweite Telefonnummer für Schüler, Lehrer, Eltern

Network Against School Shootings (NETWASS) heißt das Projekt. "Die Idee ist, Lehrer zu sensibilisieren, bei den Schülern auf bestimmte Signale zu achten", sagt Herbert Scheithauer, Projektleiter und Psychologieprofessor. "Dadurch sollen sie die Möglichkeit haben, frühzeitig einzugreifen - und nicht erst, wenn die Tat kurz bevor steht." So soll die Zahl der Taten zumindest minimiert werden.

Das Bundesbildungsministerium fördert das Forschungsprojekt mit rund 1,1 Millionen Euro. Damit können in den kommenden drei Jahren mehr als sieben Hochschulmitarbeiter Schulungen und Befragungen durchführen sowie die Forschungsergebnisse auswerten. Zuerst wollen sie rund 120 Schulen in Berlin, Brandenburg und Baden- Württemberg einbeziehen. Später könnte das Projekt auf andere Länder übertragen werden. Außerdem ist eine bundesweite Telefonnummer geplant, unter der Lehrer, Schüler, Eltern und Bekannte ihre Beobachtungen mitteilen können.

Wichtig ist bei dem Projekt aber von Anfang an auch, dass die Lehrer nicht allein gelassen werden. An jeder teilnehmenden Schule soll es daher einen Beauftragten geben, bei dem Infos zu den Schülern zusammenlaufen, so Bondü: "Es passiert immer wieder, dass verschiedene Lehrkräfte Auffälligkeiten bei einem Schüler bemerken, das aber für sich behalten." Werden die Informationen jedoch an einer Stelle gebündelt, könnten Risiken früher erkannt werden.

"Wir wollen keine Hysterie oder Panik"

Die Schulbeauftragten und Direktoren sollen außerdem lernen, zusammen mit anderen Experten wie Schulpsychologen und Polizisten bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen richtig einzuschätzen. Denn nicht jeder auffällige Schüler sei wirklich eine Gefahr: "Wir müssen aufpassen, einzelne Schüler nicht durch vorschnelle Verdächtigungen zu stigmatisieren und auszugrenzen", sagt Bondü, die derzeit zum Thema School Shootings promoviert.

Denn das ist nicht das Ziel des Forschungsprojekts. "Wir wollen keine Hysterie oder Panik und auch kein Klima der Kontrolle", betont die Psychologin. "Stattdessen wollen wir die Chance nutzen, bestimmte Probleme rechtzeitig zu erkennen und den Jugendlichen zu helfen - lange bevor sie in einem School Shooting den letzten Ausweg sehen."

Schon im September hatte ein Expertengremium, das nach dem Amoklauf von Winnenden eingesetzt worden war, auf die Warnsignale hingewiesen, die den Taten vorausgingen. "Es ist wichtig, diese Signale zu erkennen und darüber aufzuklären. Es gilt, eine Kultur des Hinschauens zu entwickeln", sagte der Vorsitzende des Gremiums, Udo Andriof. Insgesamt hatten die Experten 83 Empfehlungen gegeben, um Amokläufe künftig so weit wie möglich zu verhindern.

Auch der US-Psychologe Peter Langman, Autor des Buches "Amok im Kopf. Warum Schüler töten", forderte im Interview mit SPIEGEL ONLINE eine hohe Aufmerksamkeit und empfahl, "bei Verdacht einen Psychologen einzuschalten". Forscherin Bondi sieht allerdings gewisse Unterschiede zu den USA: In Deutschland hätten sich die Täter meist selbst umgebracht, bei vielen unbekannteren Vorfällen in den USA nicht. Zudem seien in Deutschland lange Zeit fast durchweg Lehrer die Opfer gewesen; erst seit einigen Jahren zielten die Täter bewusst auch auf Gleichaltrige. Als charakateristisch für deutsche Schul-Gewalttäter sieht Bondü auch, dass sie fast immer Sorgen wegen Leistungsproblemen gehabt hätten und auch einige ehemalige Schüler bewaffnet in ihre früheren Schulen gekommen seien.

bim/Aliki Nassoufis, dpa


URL:

FORUM:


Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH