1000 Fragen: Können Stiere rotsehen?

Ein doofer Spruch, ein schiefer Blick: Wer gereizt ist, geht beim kleinsten Anlass an die Decke und sieht rot - eine Redensart, die aus dem Stierkampf stammt. Aber erkennt ein Rind überhaupt, womit der Matador wedelt? Oder werden Stiere aus ganz anderen Gründen aggressiv?

Sie werden gefeiert, sie werden gehasst. Stierkämpfer gelten, je nach Sichtweise, als Tierquäler in kitschigem Ornat oder als stolze Matadore - was wörtlich übersetzt Töter heißt. Vor einiger Zeit sorgte der elfjährige Stierkämpfer Michelito Lagravere Peniche aus Mexiko für Aufsehen, weil er sechs Jungstiere in einem einzigen Kampf tötete.

Das wahrscheinlich berühmteste Accessoire dieser blutigen Shows ist das rote Tuch des Matadors, mit dem er den Stier reizt - oder besser: zu reizen scheint. Denn welche Farbe das Stück Stoff hat, mit dem der Stierkämpfer wedelt, ist ziemlich egal.

Zwar ist das "rote Tuch" längst zum geflügelten Wort für alles geworden, was einen reizt oder aggressiv macht. Doch beim Stierkampf täte es auch ein hellblaues, grünes oder rosafarbenes Stück Stoff. Auf jede Farbe würde das Tier ähnlich reagieren.

"Stiere können nach dem heutigen Stand der Forschung die Farbe Rot gar nicht wahrnehmen", sagt Cornelia Deeg vom Institut für Tierphysiologie an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Beim Menschen ist das anders: Er verfügt über drei Farbrezeptoren - für rotes, grünes und blaues Licht. Aus ihrem Zusammenspiel ergibt sich das gesamte Farbspektrum. Das Farbsehvermögen von Rindern könne man in etwa mit einer Rot-Grün-Farbenblindheit beim Menschen vergleichen, erläutert Deeg. Rindern fehle, wie den meisten Säugetieren, der Farbrezeptor für rotes Licht: "Sie erkennen ein blau-grünes Farbspektrum."

Wie intensiv die Tiere die Farben sehen und welche Nuancen des Farbspektrums sie wahrnehmen, darüber weiß die Forschung bisher wenig. "Das Farbsehvermögen lässt sich biochemisch nur schwer untersuchen", sagt Tiermedizinerin Deeg. Und auch mit Experimenten, bei denen man die Reaktionen auf bestimmte Farben beobachtet, komme man bei Rindern nur schwer weiter.

Als gesichert gelte aber, dass es nicht das Tuch ist, das die Stiere in der Arena reizt: "Die Tiere haben Angst, sie werden mit Lanzen gepiesackt, sie haben Schmerzen und werden deshalb aggressiv", sagt Deeg. Was der Matador vor ihrer Nase herumschwenkt, spielt da keine Rolle mehr.

otr/ddp

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