1000 Fragen: Warum bleiben Zugvögel nicht im Süden?

Wenn der Herbst naht, machen sich die Zugvögel auf den Weg in den Süden. Dort finden sie Nahrung und Lebensraum, sie müssen keinen frostigen Winter überstehen. Aber warum bloß sind sie Pendler und kommen immer wieder zurück, wo es doch im Süden so behaglich ist?

Winterlager nur als Notlösung: Zu Tausenden entfliehen Schneegänse der kalten Jahreszeit Zur Großansicht
AP

Winterlager nur als Notlösung: Zu Tausenden entfliehen Schneegänse der kalten Jahreszeit

Es ist die größte Reisewelle auf unserem Planeten: Milliarden Zugvögel machen sich im Herbst auf den Weg in ihre Winterquartiere - der nahende Winter treibt Kranich, Storch und Co. in den Süden. Hier finden sie Nahrung und Lebensraum, bis es sie im nächsten Frühjahr wieder zurück in den Norden zieht.

Doch warum nehmen die Zugvögel diese Reisestrapazen auf sich - warum bleiben sie nicht einfach für immer im Süden?

"Der Norden bietet den Vögeln im Sommerhalbjahr viel Nahrung und optimale Bedingungen zur Aufzucht der Jungen", sagt Vogelexperte Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Um den Zusammenhang zu veranschaulichen, zieht er einen Vergleich zum Reiseverhalten des Menschen: "Manch einer denkt an einem warmen Urlaubsstrand, hier könnte man doch für immer bleiben. Aber der Broterwerb und die gemütliche Wohnung treiben uns dann schließlich doch wieder ins Heimatland."

In den Winterquartieren sind die Lebensbedingungen für die gefiederten Wintergäste oft gar nicht so optimal. Hier leben bereits viele Vögel das ganze Jahr über - die Zugvögel müssen also mit den ansässigen Arten um Nahrung und Lebensraum konkurrieren.

Der europäische Sommer bietet dagegen paradiesische Verhältnisse: Während in manchen Winterquartieren Hitze und Trockenheit einziehen, gibt es im Sommerhalbjahr des Nordens Nahrung und Nistplätze im Überfluss. Etwa 200 europäische Vogelarten sind deshalb Pendler - das Winterquartier ist nur ihre Notlösung.

Sogar Deutschland ist ein Überwinterungsland für Zugvögel: "Zum Beispiel der Seidenschwanz, der im Sommer in Skandinavien und Sibirien lebt, verbringt den Winter bei uns, bis es ihn wieder in den hohen Norden zieht", sagt Heiermann. Vögel sind nicht versessen aufs Reisen - wenn es sich anbietet, vermeiden sogar einige Arten die weite Reise. "Der Star ist beispielsweise ein solcher Teilzieher, der sein Zugverhalten den Umständen anpasst", sagt Heiermann. Manche Starenpopulationen fliegen im Winter nicht in den Süden, sondern ziehen stattdessen in unsere Großstädte, wo sie ebenfalls Nahrung und gemütliche Quartiere finden.

fro/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Oft diskutiert...
Populist 14.11.2010
Als ich Anfang der 80er Jahre in Saudi Arabien als Firmenlehrer arbeitete, beobachtete ich auch einige Jahre den dortigen Vogelzug durch die arabischen Wüsten, Die Zieher stammten vermutlich meistens aus den eurasischen Gebieten. Ich bekam damals Besuch von dem bekannten deutschen Vogelforscher Prof. W. Wiltschko, der die Orientierung der Zugvögel am Erdmagnetfeld beim Rotkehlchen entdeckte, eine Entdeckung, die heutzutage fast auf alle Tierarten als Navigationshilfe ausgeweitet wurde. Schon damals fragten wir uns, warum die Vögel diese riesgen Strapazen auf sich nehmen.. Neben der hiuer gemachten Erklärung ist aber auch möglich, dass einige Arten aus dem Süden stammen und sich zur Brutzeit aufgrund des Populationsdrucks nach Norden begaben, um dann im Winter wieder zurück zu ziehen. Nicht vergessen darf man aber, dass die Zugvögel eine verschieden starke Zugunruhe genetisch bedingt zur Zugzeit befällt, die sie praktisch zwingt, in eine vorgegebene Richtung abzufliegen. Es ist daher nicht unbedingt Intelligenz, die den einen Vogel weiter als den anderen fliegen lässt. Zudem muss man wissen, dass nicht wenige Vögel in die "falsche" Richtung ziehen, wobei sie dann sterben und diese Richtung nicht weiter vererben können. So hat sich bei einer Art (Gartengrasmücke?) aufgrund der Klimaerwärmung auch eine nördliche Zugroute über Britannien entwickelt, weil die Zieher ja nun nicht unbedingt absterben. Man sieht also, das Thema ist wesentlich komplizierter, als es auf den ersten Blick zu sein scheint.
2. Länge des Tages
kaksonen 14.11.2010
Ein wichtiger Gesichtspunkt ist bisher nicht erwähnt worden: Je weiter die Vögel nach Norden ziehen, umso länger haben sie Tageslicht und umso länger können sie Futter für ihre Brut sammeln. Das heißt, dass die nach Norden ausweichenden Vögel mehr Nachwuchs großziehen können und deshalb gegenüber "Bleibern" einen Evolutionsvorteil haben. Ich glaube, dass dies der entscheidende Faktor bei der Ausbildung der Zugvogelarten war. Da ich in Finnland lebe und mehrere Vogelarten auf meinem Grundstück brüten, kann ich beobachten, dass sie wirklich bis zu 18 Stunden am Tag ihre Brut mit Futter versorgen.
3. Weitere Gesichtspunkte
Populist 14.11.2010
Zitat von kaksonenEin wichtiger Gesichtspunkt ist bisher nicht erwähnt worden: Je weiter die Vögel nach Norden ziehen, umso länger haben sie Tageslicht und umso länger können sie Futter für ihre Brut sammeln. Das heißt, dass die nach Norden ausweichenden Vögel mehr Nachwuchs großziehen können und deshalb gegenüber "Bleibern" einen Evolutionsvorteil haben. Ich glaube, dass dies der entscheidende Faktor bei der Ausbildung der Zugvogelarten war. Da ich in Finnland lebe und mehrere Vogelarten auf meinem Grundstück brüten, kann ich beobachten, dass sie wirklich bis zu 18 Stunden am Tag ihre Brut mit Futter versorgen.
In Deutschland betrug die Mortalitätsrate bei Stand- wie auch Zugvöglen ca 50% , war also meist gleich groß. Aufgrund der wärmeren Winter und der Winterfütterung besitzen manche Jahres- bzw. vagabundierende Arten einen Vorteil, weil sie die Nistplätze vor den ankommenden Ziehern besetzen können. Daher leidet z.B, der Trauerschnäpper, weil sein "Kontrahent", die Meise, dadurch einen Vorteil hat. Die nördl. Arten ziehen auch verstärkt, da eine Überwinterung sehr viel riskanter ist, zudem können sie ihre Nistplätze erst später besetzen. Die längeren Tageszeiten im Sommer sind da eher ein Ausgleich als ein wirklicher Standortvorteil...Im Laufe der Zeit haben sich eben verschiedene Strategien durchgesetzt, die das Überleben sichern... Manches ist allerdings nicht unbedingt besonders vorteilhaft. So ziehen die Mauersegler unabhängig der jeweiligen Witterung und des Nahrungsangebots stur nach der Tageslänge. Wenn diese einen bestimmten Wert unterschreitet, wird abgeflogen..andere Arten sind da wesentlich flexibler.
4. hm
benG 14.11.2010
Wenn die, ich nenn sie mal deutsche Vögel, im Sommer zurück kommen, da es Futter im Überfluss gibt, warum fliegen die sibirischen Vögel nach dem Winterquartier in Deutschland wieder zurück? Oder hab ich da was falsch verstanden. Rein logisch müsste es ja so sein. (Obwohl mir klar ist, dass das wahrscheinlich von der Vogelart abhängt)
5.
Sleeper_in_Metropolis 14.11.2010
Zitat von benGWenn die, ich nenn sie mal deutsche Vögel, im Sommer zurück kommen, da es Futter im Überfluss gibt, warum fliegen die sibirischen Vögel nach dem Winterquartier in Deutschland wieder zurück? Oder hab ich da was falsch verstanden. Rein logisch müsste es ja so sein. (Obwohl mir klar ist, dass das wahrscheinlich von der Vogelart abhängt)
Vermutlich werden es die selben Gründe sein, weswegen unsere "deutschen" Vögel heimwärts ziehen : Nahrungs- und Brutplatzkonkurrenz mit einheimischen Arten und im Verhältnis zu große Hitze&Trockenheit im Sommer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema 1000 Fragen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
Fotostrecke
1000 Fragen: Stimmt das wirklich, und warum ist das so?

Fotostrecke
1000 Fragen: Stimmt's wirklich, und warum ist das so?

Dein SPIEGEL digital
Social Networks