28 Jahre illegaler Unterricht: Mein Kind geht auf die Geheimschule

Von Markus Flohr und Jan-Philipp Hein

Sie misstrauten dem Staat - darum tricksten Bremer Eltern fintenreich die Behörden aus und betrieben eine illegale Geisterschule. 28 Jahre lang. Jetzt flogen sie auf, die Aufregung ist groß, die Strafe gering: Den Kindern hat's offenbar nicht geschadet.

Im Bremer Steintor-Viertel zwischen Innenstadt und Weserstadion kennt man sich. Die Straßen sind schmal, die Häuser stehen eng. Beim Bäcker begrüßen die Menschen einander mit dem Vornamen. Die eine Hälfte der alten Bürgerhäuser ist schick und geputzt, die andere bunt angemalt. Dazwischen Cafés, Restaurants, Kneipen, Bars, Öko-Läden, Boutiquen.

Illegale Schule am Körnerwall: Ein Paralleluniversum
DPA

Illegale Schule am Körnerwall: Ein Paralleluniversum

Und eine illegale Schule.

Mittendrin, in einer weißen Villa, gab es bis zum Mai dieses Jahres eine Grundschule, von der die Bremer Bildungsbehörde nach eigenen Angaben nichts wusste. Und zwar seit 1979, also fast drei Jahrzehnte. Links-alternative Eltern gründeten damals einen Verein für eine Kombination aus Kindergarten und Grundschule. Den Kindergarten gibt es heute noch: "Picobello" am Körnerwall.

Die Eltern, in der Mehrzahl Akademiker, trauten dem staatlichen Schulsystem nicht. Sie zogen ihr eigenes Ding auf. Es gab Diskussionen und politische Querelen, genau wie heute - und die ganze Zeit über wurden Grundschulkinder am Körnerwall unterrichtet. Am Ende wollten die Eltern ihr Projekt als Schule anerkennen lassen. 1993 gründeten einige von ihnen die "Bremer Kinderschule", heute eine staatliche Schule. Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können.

Aber es ging noch einmal 14 Jahre lang weiter. Neben der nun anerkannten "Bremer Kinderschule" blieb auch die rebellische Zwergschule bestehen. Denn einige Eltern fanden, jede Zusammenarbeit mit dem Staat verwässere ihr pädagogisches Konzept. Also wurde das Wissen um das Schülchen am Körnerwall von Eltern zu Eltern im Steintor-Viertel weitergegeben, wie das Rezept eines Zaubertranks. Bis im vergangenen Jahr die Luft immer dünner wurde, weil die Behörden ihnen langsam auf die Schliche kamen und auch in den eigenen Reihen Eltern vorschlugen, lieber den offiziellen Weg zu gehen.

"Wir wollten die Eltern nicht in Handschellen abführen"

Erst im Februar erfuhr der damalige Bildungssenator Willi Lemke (SPD) laut Bildungsbehörde, dass es die Schule gibt. Nach den Meldungen der vergangenen Tage geschah dies angeblich durch das Abgleichen von Meldedaten zwischen Niedersachsen und Bremen, tatsächlich gab es aber wohl einen Informanten aus dem Umfeld der Schule.

"Damit wir die Eltern nicht in Handschellen abführen müssen", habe er dann versucht, zusammen mit den Eltern einen positiven Weg in die Zukunft finden, sagte Lemke heute in einer aktuellen Stunde der Bremer Bürgerschaft. Das Ergebnis des Mediationsverfahrens: Die zuletzt noch acht Schüler der Zwergschule wurden geräuschlos auf reguläre Schulen verteilt. Die Eltern mussten ihre Tricks offen legen, zahlten eine Art Bußgeld von 200 Euro pro Kopf, das sie an Kinder- und Jugendeinrichtungen spendeten.

Verkehrssünden können bisweilen teurer sein. Im Übrigen vereinbarte man Stillschweigen. Das dürfte auch im Interesse von Willi Lemke gewesen sein, denn in Bremen wurde im Mai eine neue Bürgerschaft gewählt - und die Geisterschule wäre für CDU und FDP ein hübsches Thema im Wahlkampf gewesen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...