ABC-AG: Platz da, die Privatschule-Kette kommt

Von Carola Rönneburg

Erst Berlin, dann die ganze Republik: Mit ihren Privatschulen zielt die Phorms AG auf Kinder ehrgeiziger Mittelschichtseltern - bald bundesweit. Die Gründer haben viel investiert, denn am Ende wollen sie mit Bildung gutes Geld verdienen. Ein Schulbesuch bei polyglotten Pionieren.

Am Gartenplatz in der Ackerstraße wirkt der Berliner Bezirk Wedding wie eine trostlose Brandenburger Kleinstadt. Nur wenige Anwohner sind auf den Gehsteigen unterwegs, vor den blickdicht zuplakatierten Schaufenstern eines Supermarktes trinken ein paar Männer Dosenbier, an der Bushaltestelle warten drei Fahrgäste geduldig auf die Linie 247.

Plötzlich bringt eine Gruppe aufgeregt schnatternder Kinder Bewegung: Begleitet von zwei Frauen, stellen sich die Kleinen artig in Zweierreihen auf, marschieren über die kopfsteingepflasterte Straße und verschwinden durch den mächtigen Torbogen in einer alten Fabrik aus Backstein. Hier gehen sie zur Schule. Zu bedauern sind die Kinder jedoch nicht: In umgebauten Hallen des früheren AEG-Gebäudes sind eine Phorms-Grundschule und das erste Phorms-Gymnasium untergebracht.

Phorms-Schulen - der Name steht für eine Melange aus Form und Metamorphose - gibt es auch in Frankfurt am Main, Köln und München. Hannover und Hamburg sollen folgen. Schwerpunkt ist die Sprachkompetenz: Schon Erstklässler werden in englischer Sprache unterrichtet. Wenn alles gut läuft, machen sie später ihr Abitur sowie das International Baccalaureate Diploma und werden außerdem "Weltbürger". Am Ende einer Phorms-Schullaufbahn jedenfalls sollen die Schüler sowohl in Deutsch wie Englisch auf muttersprachlichem Niveau parlieren und "wie ein Simultandolmetscher voraussehen können, was der Gesprächspartner sagen wird", schwärmt Musiklehrerin Kathy Andrews.

"Kleine Menschen, große Optimisten"

Die modern eingerichteten Räume sind beschriftet, wie es nur an bilingualen Einrichtungen üblich ist - überall Hinweise und Unterrichtsmaterial in beiden Sprachen. Und genauso selbstverständlich unterhalten sich die Gymnasiasten in der Pause mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Sie wechseln durchaus von einer in die andere Sprache, aber nie mitten im Satz. Im Unterricht funktioniert das wohl nicht immer, wie ein blaues Blatt Papier zeigt: "English, please!" steht darauf. Es landet auf den Tischen von Schülern, die im englischsprachigen Unterricht deutsche Worte verwenden. Die 13- bis 14-Jährigen haben es aber auch schwerer als ihre jüngeren Mitschüler, weil sie erst seit dem letzten Sommer zweisprachig unterrichtet werden.

Der Phorms-Philosophie zufolge sind Kinder "kleine Menschen", die "große Optimisten bleiben" sollen. Goethe entliehen, konstatiert eine weitere griffige Formel, sie benötigten dafür "Wurzeln und Flügel" - mit Kuschelpädagogik hat die Schulkette nichts am Hut. Das zeigt sich etwa, wenn Englischlehrer Germar Kriesing seine Siebtklässler im Gebrauch des Konditional schult. Sie sind noch etwas träge vom Mittagessen - im sechsten Stock versorgt eine Kantine der Technischen Universität Studenten und Schüler. Also wirft er zunächst einen Mini-Football in die Runde. Wer ihn fängt, muss seinen Satz ergänzen: "If I were a superstar ..."

Dann wären Kriesings Schützlinge immens reich und hätten viele Freunde, stellt sich heraus, doch damit ist die Arbeit nicht getan. Nach der Aufwärmphase folgen schriftliche Übungen, spielerische Wiederholungen, erneutes Training. Das Tempo ist hoch, die Gruppe muss sich konzentrieren. Und einer, der nebenher vor sich hin malt, wird sofort ermahnt.

Der Trend geht zum Schul-Separatismus

Gerade jetzt, "in ihrem schwierigen Alter", sollen die Gymnasiasten Eigenverantwortung entwickeln, sagt Schulleiter Richard Hengelbrok. Er bezeichnet sich selbst als "Mittelstufenlehrer by choice" und plädiert entschieden dafür, dass die ewige Schülerfrage "Warum lerne ich das?" beantwortet gehört. Sein Kollegium begleite die Schüler den ganzen Tag lang, auch am Nachmittag, "beim Lernen und beim Aufwachsen".

Zum Erwachsenwerden gehöre die Möglichkeit, nach dem eigenen Willen zu verfahren - aber auch die Folgen zu tragen: "Deine Entscheidung, deine Konsequenzen", bringt es Hengelbrok auf den Punkt. Von wahrem Ärger mit Pubertierenden ist er allerdings meilenweit entfernt und weiß das auch: Ein einziges Mal hat der Direktor bisher mit einem Schüler ein ernstes Wort reden müssen.

Der Aufbruch der Phorms-Schulen markiert ein besonderes Kapitel in der deutschen Bildung. Der Trend geht zu Privatschulen, die inzwischen sieben Prozent aller deutschen Schüler beherbergen und großen Zulauf verzeichnen. Davon profitieren bisher drei Schultypen: Der Geldadel schickt seine Sprösslinge gern in die klassischen Internate irgendwo auf dem Lande im In- oder Ausland. Mittelschichtseltern auf der Suche nach traditionellen Werten geben ihre Kinder verstärkt in die Obhut konfessioneller Schulen, wo die Bildungswelt noch in Ordnung scheint. Hinzu kommen pädagogische Alternativmodelle - Waldorfschulen zum Beispiel oder einige selbst gebastelten Schulen von Elterninitiativen, die auf mehr Freiräume und weniger Frontalunterricht für ihre Kinder bauen.

Der Schul-Separatismus bricht sich Bahn. Wer es sich leisten kann und dem Staat nicht vertraut, nimmt Reißaus von staatlichen Schulen und bringt sein Kind so früh wie möglich in eine gute Startposition. Phorms füllt eine Pionierrolle: Ehrgeizige und besorgte Mittelschichtseltern in den Großstädten sind die Kernkundschaft, man setzt auf den Kettengedanken, will eine Bildungsmarke werden - und bekennt sich als Start-up unbekümmert zum Geldverdienen. Die Gründer legten sich von Beginn an auf ein vermarktungsfähiges Schulkonzept fest, ihre Idee soll bundesweit ein gutes Geschäft werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
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1. Interessant, jeder Schulplatz spart dem Staat 40%
timto 13.06.2008
Wie in dem Artikel auch erläutert, erhalten Privatschulen einen "Zuschuß" von 60% dessen, was ein Schulplatz an einer öffentlichen Schule kostet. D.h. jeder Schüler, der eine Privatschule besucht, reduziert die staatlichen Bildungskosten um 40%. Kann mir jemand vor diesem Hintergrund den Schlußsatz erklären: "Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden." Mir scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein.
2. Politikerkinder sollten nur in Staatliche Schulen gehen dürfen
Gehirnstein, 13.06.2008
der letzte Satz sagt alles. "Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden." Auch ich würde ich mein Kind auf solche Schule schicken wenn ich es mir leisten könnte. Die normalen Schulen in Berlin sind leider das letzte. Und solange Politikereltern und deren Lobbyistenfreunde die Möglichkeit haben ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken wird sich daran auch nichts ändern.
3. Darf ich mit investieren?
prophiler 13.06.2008
Das gestörte Vertrauen in staatliche Grund- und Oberschulen kann ich nur zu gut nachvollziehen, denn diese einkommensstarke Mittelschicht hat in der Vergangenheit selbst miterlebt, wie ihr eigenes Potential in 35 Personenklassen nicht voll ausgeschöpft wurde. Danke, dass der Autor nicht das Pseudoargument der Überforderung von den Kindern und Jugendlichen an dieser QuasiGanztagsschule aufgreift. Auch das generelle Lehrkonzept wird dem Grunde nach bejaht. Und über die kritischen Gedanken zur Steuerfinanzierten Elitenförderung lässt sich vortrefflich streiten. Diese Ängste könnte ich als potentieller Arbeitsloser vielleicht teilen, jedoch würde ich selbst bei geringem Einkommen versuchen mein Kind in dieser Einrichtung unterzubringen. Welche objektiven und vor allem "fairen" Auswahlmethoden von den Entscheidungsberechtigten gewählt werden, wird die Zukunft zeigen. Wenn aber nicht aktiv um Sprösslinge bildungsfernerer Schichten geworben wird, könnte dieser Schultyp tatsächlich ein weiterer "Elfenbeinturm" mit wenigen praxisnahen Fallbeispielen wirtschaftlichen Misserfolgs werden, deren Eltern wenigsten jetzt versuchen ihnen die wichtigen Startchancen einzuräumen.
4. Ausbildung statt Bildung
Jandokar, 13.06.2008
Was soll an der Schule nun herauskommen? Allesbesserwisser, arrogante Schnösel oder doch die besseren Menschen, pardon Schulabgänger? Oder ist es doch nur ein Kapitalunternehmen, das die Löcher wegen zurückgehender staatlicher Bildungskompentenz ausfüllt und damit zuerst Geld verdienen will? Noch wissen wir es nicht, aber sicher ist, es ist ein weiterer Schritt zu Gesellschaftsverhältnissen wie in den USA und ein Beitrag zur fortschreitenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Man sieht schon vom Ansatz, daß diese Schule andere Ziele verfolgt, als Schulen mit alternativen pädagogischen Ansätzen: Es geht wohl mehr um Ausbildung als Bildung. Denn diesen Unterschied kennen die Aufbereiter marktgerechten Humankapitals nur unzureichend. Bleibt zu hoffen, daß bei den jungen Menschen nach dem Verlassen dieser Ausbildungsstätte noch ein paar Ecken und Kanten übrig geblieben sind.
5. Gute Idee
digitalturbulence, 13.06.2008
1. Werden damit die Bildungskosten staatlicher Einrichtungen erheblich reduziert. 2. Bekommen wir leichter eine neue Elite 3. Werden auch ärmere Eltern sich diese Schulen leisten können, denn je mehr Schulen es gibt, desto mehr werden die Schulen gezwungen seien Kosten zu reduzieren.
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