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Abi-Tagebuch: Keine Schule, aber achtmal in die Prüfung

Im Mai fliegen andere Abiturienten schon durch die Partyzone. Auf Lenya Bock, 19, warten dagegen noch acht mündliche Prüfungen. Sie gehört zu Freiburgs fröhlicher Selbstlern-Brigade - zehn Schüler, die sich ihr Abitur auf eigene Faust abseits jeder Schule organisieren.

Das Feiern gehört zum Abitur wie das Bibbern vor der Prüfung. Bei der Geschichte-Klausur haben einige schon nach der Hälfte der Zeit abgegeben, um endlich die Korken knallen lassen zu können - und einmal ungestraft auf dem Schulhof laut Musik aufzudrehen. Für alles war gesorgt: Plastiksektgläser, Bierkisten und Ghettoblaster. Es schien, als sei die Aufregung vor der Prüfung schon mindestens zur Hälfte Vorfreude auf das Feiern danach gewesen.

Ich war nach der Prüfung bei einer Freundin zum Essen eingeladen. Wir Selbstlerner, die "externen Abiturienten", waren zwar auch alle erleichtert, ein bisschen stolz, dass wir die Prüfungen hinter uns hatten. Aber die Euphorie der normalen Abiturienten auf dem Schulhof, die konnten wir nicht so richtig teilen.

Für uns waren die letzten Monate sehr anstrengend, sehr außergewöhnlich - verglichen mit unserem alten Lebensrhythmus aus der zwölften Klasse. Wir haben selten gefeiert. Und wenn, dann musste es schon etwas Besonderes sein. Der Sinn dafür, "einfach die Sau raus zu lassen", ist uns ein wenig abhanden gekommen. Man könnte fast sagen: Wir haben das Partymachen verlernt.

Wir waren froh, uns still und leise in gemütlicher Atmosphäre zu treffen, während die anderen Abiturienten lärmend durch Freiburg zogen. Für sie mag es wie der Zieleinlauf nach einem Wettrennen gewesen sein, für uns eher die erste übersprungene Hürde.

"Wir haben ein Recht zu feiern - die nicht"

Denn wir haben erst das erste Drittel geschafft. Als "externe Abiturienten" müssen wir in den nächsten Wochen noch einen echten Marathon aus acht mündlichen Prüfungen überstehen. Die anderen machen eine oder zwei - sofern sie in die Nachprüfung gehen.

Auch wenn es komisch klingt: Das Abitur ist nicht das eigentliche Ziel unseres Projekts. Jeder einzelne hat seine eigene Motivation. Was uns verbindet, ist ein großer Idealismus. Den könnte nur das Ziel "Abitur" niemals rechtfertigen. Ich war erstaunt, wie wenig mir im Endeffekt die Prüfungen bedeutet haben.

Nach dem gemütlichen Essen wollten wir zumindest ein wenig raus, feiern, mit unseren ehemaligen Klassenkameraden. Mit den Freunden und Bekannten, mit denen wir noch in der zwölften Klasse zusammen gelernt hatten. Leider regnete es - ja, auch in Freiburg passiert das mal. Und alle Abiturienten der Stadt und ihrer Umgebung drängelten sich auf einer Abi-Party. Ich war spät dran und musste vor dem Eingang mit einer größeren Menge Abiturienten darauf warten, dass der Türsteher uns reinließ.

Es wurde gedrängelt und geschubst. Einer schrie: "Sollen doch die rauskommen, die kein Abitur geschrieben haben. Wir haben ein Recht zu feiern - die nicht." Blöder Spruch, aber irgendwie hatte er ja auch recht. Wir konnten einfach nicht verstehen, dass der Türsteher uns aussperrte und nur willkürlich einzelne Leute durchließ.

Im wartenden Pulk immer die gleichen Fragen: "Auf welche Schule gehst du? Was ist euer Motto?" - "Auf gar keine, kein Motto." Irritierte Blicke kamen zurück. Viele Abiturienten waren so stolz auf ihr Motto, dass sie sich sogar T-Shirts damit bedrucken lassen haben.

Ich dachte da in der Schlange vor der Party: Vielleicht ist unser Abitur - abgesehen von den Prüfungen - weniger anstrengend als das der anderen. Der ganze Klimbim fällt weg. Wir müssen uns nicht um eine Abi-Zeitung kümmern, für die man Sponsoren auftreiben muss, keinen Abi-Ball organisieren, keine Abi-Feten, keinen Abi-Streich - und keine T-Shirts.

"Selbstbestimmtes Lernen"? Druckt man nicht auf T-Shirts

All das nicht zu haben, gibt uns Freiheit. Wenn wir Lust auf einen Ball haben, dürfen wir bei unseren alten Klassenkameraden mitfeiern. Wir haben "echte" Zeitungen, um unsere Nachrichten loszuwerden. Ein Motto? Nein. Eigentlich nicht. Vielleicht: "Selbstbestimmtes Lernen". Aber das druckt man ja nicht auf T-Shirts.

Ich kann verstehen, warum man solche Sachen wie Abi-Zeitung, einen Ball oder einen Tag hat, an dem das normale Schulleben auf den Kopf gestellt wird - das Abitur ist eine sehr große Anstrengung, die erste wirklich große Prüfung im Leben, vielleicht der Beginn des Lebens als Erwachsener.

Wir Abiturienten wollen nach dieser Strapaze auf uns aufmerksam machen und sagen: Schaut her, das haben wir geschafft. Bei unserem Projekt war von Anfang an die Aufmerksamkeit da. Das einzige, was wir manchmal wirklich vermissen, ist ein Medium, in dem die lustigen Versprecher und Sprüche von Schülern und Lehrern den Moment überdauern können. Darum werden die ja auch in jeder Abi-Zeitung penibel notiert.

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