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Kritik an Abi-Zensuren: "Diese Noteninflation ist nicht zufällig"

Heinz-Peter Meidinger: Der Vorsitzende des Philologenverbandes spricht von einer Bestnoten-Zertifikatsflut Zur Großansicht
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Heinz-Peter Meidinger: Der Vorsitzende des Philologenverbandes spricht von einer Bestnoten-Zertifikatsflut

Früher war alles besser? Das gilt nicht für die Abiturnoten, denn mit denen geht es aufwärts. Den Gymnasiallehrern gefällt das nicht. Der Vorsitzende des Philologenverbandes Meidinger vermutet: Die Noteninflation hat Methode.

Der Deutsche Philologenverband sorgt sich um das Abitur: Was ist es noch wert, wenn so viele Schüler so gute Noten bekommen, fragt sich die Berufsvertretung der deutschen Gymnasiallehrer. Ihr Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger sagte jetzt der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Diese Noteninflation ist nicht zufällig, sie hat Methode."

Besonders die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) sei von einigen Landesregierungen dazu benutzt worden, durch "softere" Beurteilungsmaßstäbe die Akzeptanz der verkürzten Schulzeit zu erhöhen. Auch an Grundschulen und Universitäten sei diese Entwicklung sichtbar - und führe zu einigen Verlierern: Die wirklich guten Schüler leiden seiner Meinung nach, weil deren Leistung angesichts einer Masse von Einserreifezeugnissen nicht mehr erkennbar sei. "Aber auch das Abitur an sich, weil die Bestnoten-Zertifikatsflut Hochschulen und Wirtschaft zu eigenen Auswahlverfahren zwingen wird." Dadurch, kritisierte Meidinger, werde das deutsche Abitur massiv entwertet. Die Bildungsgerechtigkeit werde abnehmen.

Tatsächlich ist die Abiturnote in vielen Bundesländern im Mittel leicht gestiegen, das zeigt eine Dokumentation der Kultusministerkonferenz, sie berücksichtigt die Abiturergebnisse an Gymnasien, integrierten Gesamtschulen sowie beruflichen Schulen. So lag das Notenmittel in Bayern beispielsweise im Jahr 2006 bei 2,43 und im Jahr 2012 bei 2,35. Die Abiturnoten in Nordrhein-Westfalen stiegen im Mittel von 2,66 auf 2,51, in Thüringen von 2,33 auf 2,19.

Die Kritik daran ist nicht neu: DER SPIEGEL berichtete erst Anfang des Jahres von einer Analyse mehrerer Wissenschaftler. Sie hatten die Qualität der Abiturklausuren in einem Schulfach innerhalb eines Bundeslandes über Jahre verglichen. Die Autoren stellen Hamburg darin ein schlechtes Zeugnis aus: "Von 2005 bis 2013 gibt es einen klaren Abstieg in den Anforderungen", schreiben sie. Die Politik setze auf Quantität statt Qualität, sagt einer der Autoren, der Stuttgarter Mathematiker Wolfgang Kühnel. "Keiner traut sich mehr, anspruchsvolle Aufgaben zu stellen." Man fürchte den Protest der Eltern und hohe Durchfallerquoten.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: November 2015

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fln/dpa

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Die Noten werden besser, die Schüler werden schlechter
frankfurt1970 17.07.2014
Neben der Noteninflation ist mir als Hochschulmitarbeiter noch ein weiterer Aspekt aufgefallen. Die Studenten sind heute wesentlich weniger leistungsfähig als noch vor zehn und insbesondere vor 20 Jahren. Mathe, Deutsch und methodisch-kritisches Herangehen an Probleme haben stark abgenommen. Dies war auch Konsens unter den Kollegen. Es gibt heute also bessere Noten für schlechtere Leistungen. Am Ende wird es wie im Artikel beschrieben dazu führen, dass Noten irrelevant werden und Beziehungen, Herkunft (Wohngebiet, Familie), persönliches Auftreten und Blendertum statt Leistung über das Weiterkommen der Schüler und Studenten entscheiden werden.
2. Man will im OECD-Ranking aufsteigen
Tr1ple 17.07.2014
Ganz einfach. Ekelhaft aber dein eingachste weg. Weg mit dem BA/MA und zurück zum Humbolt- System... Mit einem Abitur in dem der Schüler sich im 12 und 13 Jahr Spezalisieren kann von mir aus auch In ganz Deutschland einheitlich. Ist Teuer aber lohnt sich in der Zukunft. Ich zahle auch gerne mehr Steuern dafür!
3.
frosch1992 17.07.2014
@frankfurter1970 Die Frage die ich mir als Studenten stelle: Wann werden wir denn zum kritischen Denen angeregt? Während in der Schule noch diskutiert wurde und die eigene Meinungsbildung im Vordergrund stand, erhalten wir im Studium eine vorgekaute Meinung. Kritik? Selbststandiges Denken? Fehlanzeige! Lernt man für die Klausuren nicht Wort für Wort die Meinung des Dozenten, sondern möchte differenziert eine eigene Meinung bilden, erhält man die Konsequenz in Form einer schlechten Note. Schlechte Note = Kein Masterplatz = Schlechte Jobchancen!
4. Aber, aber....
wie_weiter_? 17.07.2014
...da ist doch bestimmt noch Luft bei der Notenvergabe. Solange es nicht die Einheitsnote 1 gibt ist jede Bewertung diskriminierend. Welche Note in Deutsch hatte denn z.B. der Spiegelautor der bei Johnny Winter von einer "heißeren Stimme" schrieb ? Mir fallen in letzter Zeit immer mehr solcher Fehler auf. Da schreibt in einer Zeitung ein Journalist von einer Gradwanderung. Vergisst aber anzugeben um wieviel Grad. Der Beispiele sind viele und deshalb sollten wir das von der Bewertung her nicht so schlimm sehen und die Notenspanne komprimieren auf einen Notenpunkt.
5. Homeschooling ftw
propagare 17.07.2014
Woran scheitert es? Am Menschenbild. Sehr bedenklich, besonders seitens der Regierung.
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