Reform der Reifeprüfung: Das kleine Wunder von Wittenberg

Von Christoph Titz

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Schüler bei der Reifeprüfung: Abiturleistungen künftig vergleichbarer?

Die Kultusminister gleichen die Abituraufgaben an - doch der Weg dahin ist lang, und verbindlich wird die Regelung nicht sein. Doch angesichts der 16 streitlustigen Landesminister ist auch dieser kleine Schritt schon ein großer Erfolg.

Ein Abitur, einheitlich und am gleichen Tag geschrieben, von Rügen bis zum Bodensee - das wäre wohl ein deutsches Zentralabitur. Das zentralistische Frankreich kennt das. Und im von Peking aus zentral orchestrierten China gibt es mit dem Gaokao eine landesweit einheitliche und gefürchtete Zulassungsprüfung für die Hochschulen. Kein Wunder, dass die Fragen zur nationalen Zentralprüfung ein Staatsgeheimnis sind, das findige Schüler auszuspähen versuchen. So führen Pannen und Betrugsversuche dort und anderswo immer wieder zu landesweiten Skandalen.

Deutschland hingegen ist föderal organisiert, die Hoheit über die Schulpolitik haben die Bundesländer. Und die machen, wie Lehrer und Eltern nur zu gut wissen, mit Schulen und Schülern gerne, was sie für richtig halten. Vor diesem Hintergrund darf es als großer Schritt gewertet werden, wenn in vier Jahren die Abituraufgaben vergleichbarer werden. Darauf nämlich haben sich die Kultusminister am Donnerstagabend nach zweijährigem Gerangel geeinigt und den Entschluss am Freitag in der Lutherstadt Wittenberg als Erfolg präsentiert.

Die Idee, einen einheitlichen Aufgaben-Pool fürs Abitur zu bilden, verfolgen einige Bundesländer schon länger: Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern forderten bereits 2011 einen länderübergreifenden Staatsvertrag, mit dem die Bundesländer untereinander vergleichbare Aufgaben verbindlich beschließen sollten. Von Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hieß es dazu: "Bildung aus der Berliner Zentrale ist der falsche Weg." Was Spaenle damals fürchtete, nämlich Aufgaben die in Berlin geprüft, gesammelt und vereinheitlicht werden, wird nun wohl kommen:

  • Die 16 Bundesländer wollen ab sofort ihre Abituraufgaben sammeln und vom ländereigenen Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der HU Berlin bewerten lassen.

  • Ab dem Abitur 2017 steht die Aufgabensammlung für die Kernfächer Deutsch, Mathematik sowie in der fortgeführten Fremdsprache (zum Beispiel Englisch und Französisch) bereit, aus deren Pool sich die Länder bedienen können, aber nicht müssen.

  • Auch der Prüfungsablauf soll nach bundesweiten Kriterien geregelt werden. Welche Literatur gehört zum Deutsch-Abitur? Welche Taschenrechner sind in Mathematik erlaubt, welche nicht? Dafür gibt es bislang 16 verschiedene Regeln, die bundeseinheitlicher werden sollen.

Verbindlich ist der gesamte Beschluss freilich nicht. Für einen Staatsvertrag wie ihn Bayern, Sachsen und Hessen weiterhin fordern, bräuchte es die Zustimmung aller Bundesländer.

Keine Belege für ein bayerisches Super-Abi

Um die Aufgaben überhaupt ähnlich zu machen, haben die Bundesländer das IQB der Humboldt-Universität Berlin beauftragt, im "Best-Practice-Verfahren" von den Bundesländern Aufgaben einzusammeln, die besten auszuwählen und die Anforderungen zu vereinheitlichen. Dabei, so KMK-Präsident Stephan Dorgerloh, entscheiden Wissenschaftler und Ländervertreter gemeinsam. Die als gut befundenen Musteraufgaben können dann von den Ländern aus dem Pool ausgewählt werden. Allerdings können die jeweiligen Landesministerien die Aufgaben auch noch nach ihren Vorstellungen abändern. Für die kommenden zwei Jahre stellen die Bundesländer für das Verfahren 15 Millionen Euro bereit.

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G8 und G9: Bayerische Turbo-Abiturienten scheitern am häufigsten (Für die ganz Grafik bitte auf das Bild klicken)

Baut Kraftwerke, lautete früher ein Bildungsbonmot, und nutzt endlich das Bildungsgefälle zwischen Land A und B zur Energiegewinnung. Damit wurde darauf angespielt, dass das Abitur in manchen Bundesländern vermeintlich kinderleicht, in anderen eine echt harte Allgemeinwissensprüfung sei. Auch das Gerede vom bayerischen als dem härtesten aller Abiture hört man heute noch - empirisch erwiesen ist die Überlegenheit des bayerischen Gymnasialwesens allerdings bislang nicht. "Das kann im Moment keiner belegen", sagt auch KMK-Präsident Dorgerloh zur Frage, welches der deutschen Abiture derzeit das beste ist.

Einen vagen Anhaltspunkt für die hohe Güte der süddeutschen Reifeprüfung liefert zwar das Statistische Bundesamt, demzufolge bei den akademischen Abschlüssen acht Jahre nach Ende der Schullaufbahn die bayerischen Abiturienten vorne liegen - allerdings gilt das auch für jene aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen Schleswig-Holstein und, ausgerechnet, Berlin.

Den Kultusministern dürfte diese so lange und leidenschaftlich geführte Debatte aus einem Grund sehr recht sein: Überdeckt sie doch, wie miserabel die meisten von ihnen die Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium organisiert haben. Das Turbo-Abi hat vor allem in den westlichen Flächenstaaten zu viel Ärger und Frust bei Lehrern, Eltern und Schülern geführt. Und gerade im vielgepriesenen Bayern zeigt sich, dass das dortige Abi im Schnelldurchlauf die meisten Abiturwiederholer produziert hat. Außerdem ist der Notendurchschnitt im Süd-Abitur mit der beste in ganz Deutschland, obwohl dem Klischee nach Einser-Abiture vor allem im Norden der Republik nahezu verschenkt werden.

Heinz-Peter Meidinger, bayerischer Oberstudiendirektor und Chef der Gymnasiallehrervertretung Philologenverband, warnt vor einer Angleichung "nach unten" und fürchtet Schaden für das bayerische Abitur. Er betonte aber auch, das Abitur dürfe nicht "zu unterschiedlichen Preisen zu haben sein". Übersetzt heißt das: Alle sollen so hart wie Bayern prüfen. Das Klischee lebt in diesen Worten fort. Dies zu überprüfen, wäre vielleicht ja eine Aufgabe für die Berliner Bildungsforscher am IQB.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Grundgesetzwidrig
Friedrich Hattendorf 21.06.2013
Durch die sehr unterschiedlichen Lehrpläne der einzelnen Länder wird de facto die Freizügigkeit - jedenfalls für Eltern schulpflichtiger Kinder - ausser Kraft gesetzt. Warum hat noch keine Eltern, die deshalb auf einen eigentlich attraktiven Arbeitsplatzwechsel verzichteten, in Karlsruhe geklagt?
2. Kultur Hoheit abschaffen
dervolksanwalt 21.06.2013
Der beste Weg, zumal sie aus der Zeit der Besatzung stammt.
3. Bildung im ungebremsten Fall
Antaris 21.06.2013
Ich hatte das Glück im letzten Jahr Teil dieses Bildungssystems zu werden und viele der unausgereiften und selten durchdachten Reformen zu erleben. Die Vorbereitung aufs Abitur ist in zwei Schulen in einer Stadt schon oft nicht zu vergleichen. Teilweise nicht mal in zwei Kursen in einer Schule. Eine Gleichschaltung aller Abiturprüfungen kann somit nur einen erheblichen Qualitätsverlust darstellen, falls die Bundesregierung nicht vorhat, in einigen Bundesländern das Abitur zu streichen. Es geht immer weiter bergab. In NRW wurde versprochen, das nach dem wegfallen des Doppeljahrganges keine Lehrerstellen abgebaut werden, um die Klassen zu verkleinern und eine bessere Bildung zu ermöglichen. In den Schulen lässt sich jetzt sehen, dass ausscheidende Lehrer nicht ersetzt werden und Landesweit Vertretungsstellen gestrichen werden. Wohin geht das Geld, was da eingespart wird? Ich weiß nicht an welchem Schulsystem sich hier im Moment orientiert wird. Der Hintergrund scheint klar zu sein: Ein Dummes Volk lässt sich leichter regieren!
4. Wenn schon zentral, dann richtig
passiflore 21.06.2013
Zitat von AntarisDer Hintergrund scheint klar zu sein: Ein Dummes Volk lässt sich leichter regieren!
Meine Güte, diese Uralt-Ideologie vom dummen Volk, das sich angeblich leichter regieren lässt, kann ja kein Mensch mehr hören. Welches hochentwickelte Industrieland kann wohl ein Interesse an bewusst dumm gehaltenen Bürgern haben? Das ganze Land quillt über von Bildungsangeboten, die meisten davon kostenfrei - und dann soll da irgendwo eine hinterhältige anonyme Macht verborgen sein, die die Leute dumm halten will? Es wäre oftmals aber wünschenswert, dass man am Ende seiner Schullaufbahn wenigstens den Dreisatz beherrschen möge, denn sonst wird man (nicht vom bösen hinterhältigen Staat), sondern vom Handwerker oder Marktschreier um die Ecke locker betuppt und merkt's nicht einmal. Da scheint mir das größere Problem zu liegen. Aber abgesehen davon, wenn man, wie in Frankreich, ein Zentralabitur einführen möchte, muss auch der Rest -von der Lehrerausbildung bis zum Unterrichtsstoff - zentralsiert werden, sonst gibt es keine objektiven Ergebnisse. Das kann ich mir aber für Deutschland beim besten Willen nicht vorstellen.
5. !
discipulus_neu 21.06.2013
Zitat von Antaris... In NRW wurde versprochen, das nach dem wegfallen des Doppeljahrganges keine Lehrerstellen abgebaut werden, um die Klassen zu verkleinern ...
Die politische Führung von NRW setzt das um, was Bildungs-"Experte" Prof. Dr. Wilfried Bos, Gesamthochschule Dortmund, bezüglich kleiner Klassen in sogenannten Studien nachzuweisen versucht hat. TU Dortmund - Fakultät 12 - Bos, Wilfried (http://www.fk12.tu-dortmund.de/cms/de/home/Personen/ifs/Bos__Wilfried.html) Professoren Bos und Prenzel präsentieren Studien-Ergebnisse - MSW NRW Bildungsportal (http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulsystem/Qualitaetssicherung/Schulleistungsstudien/Pisa-Tagung/)
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