Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Abitur-TÜV in NRW: Die reife Prüfung

Von

Der "Oktaeder des Grauens" und andere Abi-Pannen machten Schüler und Lehrer in Nordrhein-Westfalen 2008 wütend. Für eine halbe Million Euro ließ die Schulministerin jetzt die Klausuren von Experten checken - "die bestgeprüften Aufgaben, die es in Deutschland je gegeben hat".

Am Dienstag beginnen im bevölkerungsstärksten Bundesland die Klausuren des Zentralabiturs. Mit Deutsch geht es in Nordrhein-Westfalen los, mit Chemie enden die Prüfungen am 8. Mai. Schon die schieren Zahlen sind imposant: 76.000 Abiturienten, 80 Fächer, 1150 Aufgaben - und schon am Montag werden die ersten 13.500 Seiten Papier dafür bedruckt, nachdem die Schulleiter die Aufgaben aus dem Internet heruntergeladen haben.

Abi-Prüfung in Essen: Dieses Jahr ohne Pannen?
DDP

Abi-Prüfung in Essen: Dieses Jahr ohne Pannen?

Diesmal will Schulministerin Barbara Sommer (CDU) auf Nummer sicher gehen und eine erneute Pannenserie vermeiden - Pannen wie den "Oktaeder des Grauens", eine nahezu unlösbare Mathe-Aufgabe beim Zentralabitur 2008. Auch andere Fehler sorgten für Frust bei Schülern und Lehrern der betroffenen Gymnasien und Gesamtschulen, vor allem im Fach Mathematik. Gleich reihenweise scheiterten Schüler auch an einer Textaufgabe zu Freiwürfen von Basketballer Dirk Nowitzki.

Es war der Beginn eines langen Hin und Hers zwischen Schulministerin und Schülern: Wer darf wann, wie, warum und unter welchen Bedingungen seine Abi-Prüfung wiederholen? Und wer trägt die Schuld an dem Chaos?

Bei zentralen Prüfungen häufen sich die Pannen

Beim dritten NRW-Zentralabitur soll dieses Jahr alles anders, alles besser werden. Zur Sicherheit hat Schulministerin Sommer rund 1150 mögliche Abi-Aufgaben von einer Kommission prüfen lassen. 105 Bildungsforscher, Fachwissenschaftler und Lehrer untersuchten Richtigkeit, Verständlichkeit und Einsatzreife - eine Art "Abi-TÜV", wie Sommer es nennt, bundesweit einmalig.

Schulministerin Sommer: Persönliches Interesse an reibungslosem Abi
DPA

Schulministerin Sommer: Persönliches Interesse an reibungslosem Abi

In allen Bundesländern, in denen Abiturienten zeitgleich antreten müssen, steht die Schulbürokratie stets vor ähnlichen Problemen: Falsch gestellte oder missverständliche Aufgaben betreffen nicht nur einzelne Schulen, sondern alle zugleich - das Pannenrisiko ist enorm. Und hinzu kommt die Gefahr, dass einzelne Aufgaben vorzeitig durchsickern und die Ergebnisse verfälschen.

So entsteht oft genug ein großes Tohuwabohu, wie zuletzt in Hessen. Oder 2008 in Niedersachsen: Dort musste noch während der laufenden Prüfung an Fachgymnasien eine Mathematik-Aufgabe korrigiert werden.

Zu ähnliche Pannen kommt es auch bei Vergleichstests. So mussten in Berlin 28.000 Zehntklässler einen Mathe-Test noch einmal schreiben, weil einige die Aufgaben schon vorher kannten. Und in Baden-Württemberg sagte das Kultusministerium einen zentralen Vergleichstest für 34.000 Achtklässler ab - weil ein Lehrer die Aufgabe Schülern verraten hatte.

"Dicke Hunde sollten nicht mehr drin sein"

In Nordrhein-Westfalen protestierten im vergangenen Jahr zahlreiche Schüler, forderten von der Ministerin eine Entschuldigung und eine unbürokratische Chance, die Prüfung zu wiederholen. Diplomatisch geschickt verhielt Barbara Sommer sich nicht gerade und erklärte Aufgaben trotz Fehlern für lösbar, falsche Formulierungen zu Lapalien. Beim "Oktaeder des Grauens" gab sie gar Lehrern die Schuld - denn denen hätte auffallen können, wie kompliziert die Aufgabe sei, sagte Sommer und entfachte so auch bei Fachlehrern Zorn.

Um die Peinlichkeit des letzten Jahres zu vermeiden, engagierte die Schulministerin für den aktuellen Durchlauf eine Expertenrunde, hochkarätig besetzt und ziemlich teuer. Die Kosten belaufen sich auf eine halbe Million Euro jährlich.

Dafür haben die Reifeprüfungsprüfer die Aufgaben durchgerechnet, die Rechtschreibung korrigiert, inhaltlich und logisch gecheckt und getestet, ob sie sich bewältigen lassen. "Dicke Hunde sollten eigentlich nicht mehr drin sein", sagte der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, der der Expertenrunde vorsitzt. "Das sind die bestgeprüften Abituraufgaben, die es in Deutschland je gegeben hat."

Auch Sommers Tochter schreibt mit

Dafür bildeten die Prüfer 21 Fachgruppen - für die Fächer Mathematik und Informatik jeweils zwei. Die Fehlerquote sei je nach Fachgruppen sehr unterschiedlich gewesen, sagt Bos: "zwischen nichts und einem Viertel der Aufgaben". Dabei habe es keinen Unterschied zwischen sprachlichen und mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern gegeben.

Die rot-grüne Opposition im Land warf der Schulministerin vor, sich mit dem Abi-TÜV von der Verantwortung für korrekt gestellte Aufgaben freikaufen zu wollen. Sommer wies dies zurück. Die Kosten für einwandfreie und qualitativ hochwertige Aufgaben lägen umgerechnet bei 6,58 Euro pro Abiturient: "Diese Summe sollten uns unsere Abiturienten wert sein."

Sollten sich doch Fehler eingeschlichen haben und nicht entdeckt worden sein, versprach Ministerin Sommer, dass Abiturienten keine Nachteile erleiden.

Dass ihr in diesem Jahr erst recht am reibungslosen Ablauf gelegen ist, hat neben politischen auch persönliche Gründe: Nora, die jüngste Tochter von fünf Kindern der Ministerin, zählt zu den 76.000 NRW-Abiturienten; ihre wichtigsten Prüfungsfächer sind Mathematik, Biologie und Englisch. "Das wird doppelt spannend", sagte Sommer.

Diesen Artikel...
Forum - Zentralabitur - eine gute Idee?
insgesamt 392 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
anin, 14.04.2008
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Das Zentralabitur ist der erste Schritt hin zu einem einfachen "multiple choice test". Eine bundeseinheitliche Prüfung bei zugleich hohem Niveau läßt sich gar nicht durchhalten. Damit ist das Ende der "abgangsbezogenen" Prüfungen in Deutschland eingeleutet. Zukünfig wird nur noch "eingangsseitig" z.B. in den Universitäten geprüft werden. Nach Bachelor und Master wieder ein konsequenter Schritt zur "Demontage" unserer Gymnasialausbildung und der Entmündigung der dort Lehrenden.
2. Kein Fortschritt
Severine1985, 14.04.2008
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Ich denke nicht, daß es sich da um einen Fortschritt handelt. Außerdem dürften die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer noch immer ziemlich voneinander abweichen. Vermutlich wird man sich da also auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, und wie soll damit ein hohes Niveau gehalten oder erreicht werden?
3.
Peter-Freimann 14.04.2008
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Zentralabitur ja, aber man sollte den Maßstab schon so anlegen, dass die Bildungspolitik fortschrittlicher Bundesländer wie Bremen, Hamburg, NRW oder Berlin zugrundegelegt wird. A: Deutschabitur: wie war die Zeit von 33-45 für Deutschland a) irgendwie nicht so prickelnd b) teils-teils, immerhin wurden Autobahnen gebaut Erörtere das Thema! B) Mathematik: ein/e MaurerIn arbeitetet acht Stunden und fügt in einer Stunde zwanzig Steine aufeinander. Wieviele MaurerInnen sind an der Baustelle beschäftigt? Gebe die Lösungsmenge an, suche Dir ein/e Schüler/in aus einer anderen Ethnie und diskutiere mit ihr/ihm das Ergebnis.
4. Wenigstens ein Anfang!
freeopinion 14.04.2008
Nachdem ich meine eigene und die Schulzeit meines Sohnes nicht wegen, sondern trotz der jeweiligen KultusministerInnen überstanden habe, kann ich es eigentlich kaum fassen, dass in diesem Bereich die Vernunft greifen könnte. Dass tatsächlich fünf Bundesländer einheitliche Abiprüfungen in zwei Fächern einführen wollen, führt allerdings auch zu der Frage: Geht es nur in Mathe und Deutsch und wenn ja, warum? Aber auch dieser zaghafte Schritt in die richtige Richtung sollte nicht davon ablenken, dass mindestens genauso dringend der generelle Systemfehler im Bildungswesen behoben werden muss. Und der liegt darin, dass sich bei uns Lehrer wie Hochschullehrer im geschützten Biotop statt im Wettbewerb befinden. Solange deren Engagement, Wissensvermittlungs- und soziale Kompetenz ihren Arbeitgebern egal sind, wenn nur der Stellenschlüssel stimmt (oder auch nicht), werden wir hier weiterhin Professoren haben, die 20 Jahre alte Skripte austeilen, und Gymnasiallehrer, die sich für die Gartenarbeit besser anziehen als für den Unterricht...
5.
Emmi 14.04.2008
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Einheitliche Prüfungen machen nur Sinn bei einem einheitlichen Lehrplan und gleichen Voraussetzungen. Das soll kein Plädoyer gegen das Zentralabitur sondern gegen die Kleinstaaterei im Bildungswesen sein. Emmi
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks