Ächzende Schulkinder: Was darf ein Ranzen wiegen?

"Höchstens zehn Prozent des Körpergewichts", so lautet die Faustregel für das Gewicht eines Schulranzens. Manche Wissenschaftler halten das für Mumpitz. Die Gelehrten streiten sich, ob ein schwerer Ranzen den Rücken eines Kindes wirklich verbiegt - oder sogar trainiert.

In fast allen Bundesländern sind die Sommerferien vorbei, pünktlich zum Beginn des Schuljahres warnten wieder reihenweise Experten vor zu schweren Schulranzen. So weit, so alt. Doch dieses Jahr widersprachen Wissenschaftler der Universität Saarbrücken: "Alles nur Mythen", hieß es in ihrer Studie. Und das Deutsche Institut für Normung, auf deren Norm für Schulranzen sich bisher alle Ratschläge beriefen, stellt nun die DIN58124 auf den Prüfstand. Wie viel verkraften also Kinderrücken?

Bepackter Erstklässler: Vielleicht doch einfach mal das Kind fragen?
AP

Bepackter Erstklässler: Vielleicht doch einfach mal das Kind fragen?

In der DIN-Norm heißt es bislang: "Als Faustregel gilt für normalwüchsige, gesunde Kinder, dass das Gewicht des zu tragenden, gefüllten Schulranzens zehn Prozent des Körpergewichts des Kindes nicht übersteigen sollte." Da dies natürlich kein Kriterium sein kann, ob Schulranzen der Norm entsprechen, steht es aber nicht in der eigentlichen Norm, sondern nur in angehängten Empfehlungen.

Organisationen von TÜV bis zu den Krankenkassen wiesen Eltern von Schulanfängern alljährlich auf die Zehn-Prozent-Grenze hin - bisher jedenfalls. Denn: "Die Norm wird überarbeitet", berichtet Daniela Cronenberg vom Deutschen Institut für Normung. Allerdings beziehe sich die Überarbeitung nicht speziell auf die Gewichtsempfehlung. "Was konkret geändert wird, ist noch offen", sagt Cronenberg.

"Über ungeeignete Schulstühle verliert keiner ein Wort"

Experten eines Projektes an der Uni Saarbrücken kritisieren die Obergrenze. Selbst eine Belastung mit 17 Prozent des Körpergewichts verändere die Haltung von Kindern nicht, sagt Oliver Ludwig, wissenschaftlicher Leiter der Aktion "Kid-Check". An einer Studie der Aktion nahmen 60 Grundschüler teil. Die Grenze von zehn Prozent sei nicht nur unbegründet, sondern sogar "hochgefährlich", sagt Ludwig. Denn einzelne, schwache Kinder könnten auch schon mit weniger überfordert sein. In diesen Fällen täusche eine solche Empfehlung eine falsche Sicherheit vor.

Das Problem seien nicht zu schwere Schultaschen, sondern immer schwächere Kinder und völlig ungeeignete Schulstühle, warnt Ludwig. "Da verliert keiner ein Wort darüber." In der Studie heißt es sogar, ein kurz getragener, schwerer Ranzen könne die Schüler trainieren. Sind die Ranzen also zu schwer - oder die Kinder zu schwach?

"Ich bin ein Gegner der Meinung, dass schwere Schulranzen ein Training für die Kinder sein können", widerspricht Patrik Reize. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Orthopädie am Klinikum Stuttgart hat den Zusammenhang von Ranzengewicht und Rückenproblemen vor einem Jahr in einer Studie untersucht. "Ich halte das Gewicht der Schulranzen für maßgeblich bei Rückenschmerzen von Kindern", fasst er das Ergebnis zusammen.

Ständiges Sitzen führt zu Rückenproblemen

Natürlich gebe es mehrere mögliche Ursachen für Rückenschmerzen. Aber ab einem Ranzengewicht von 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts verändere sich die Haltung der Kinder, stellte Reize fest. Und vor allem hätten Schüler mit einer schwereren Tasche angegeben, dass Rückenschmerzen aufgetreten seien. Je nach Alter des Kindes und Länge des Schulwegs sei daher ein Maximalgewicht von 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts für Schulranzen zu empfehlen, sagt Reize.

"Die Zehn-Prozent-Grenze ist keine Berechtigung für Eltern, den Lehrern wegen zu schwerer Atlanten Vorwürfe zu machen", meint dagegen Professor Fritz-Uwe Niethard. "Logischerweise gibt es eine Obergrenze", räumt der Direktor der Klinik für Orthopädie am Uniklinikum Aachen zwar ein. "Aber die Grenze kann man nicht generell mit den 10 Prozent festlegen - sie ist sehr individuell." Die Ursachen von Rückenproblemen seien schwer auszumachen, da viele Faktoren dabei eine Rolle spielten. "Die Kinder sitzen zu viel - das ist das Problem", sagt Niethard. Es gebe jedenfalls keine Nachweise über langfristige Folgen zu schwerer Schultaschen.

Schüler und Eltern sollten allerdings beachten, dass schwere, in der Tasche herumrutschende Schulsachen die Bewegungssicherheit einschränken. Dagegen helfe aber richtiges Packen und Anschnallen des Ranzens, rät Niethard.

Für die Überarbeitung einer Norm rechnet das Institut für Normung übrigens mit einer Dauer von drei Jahren. Besorgte Eltern stehen weiter vor der Frage, wie schwer der Ranzen denn nun sein darf. Vielleicht hilft es ja, das Kind zu fragen. Oliver Ludwig hält es jedenfalls für die einfachste Lösung für Eltern, den Schulweg mit abzugehen und die Haltung des Kindes zu beobachten.

Von Samuel Heller, AP

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