Schule im Faktencheck: Überall fehlen Lehrer - oder doch nicht?

Von Heike Sonnberger

Bildungsexperten warnen, dass bald die Lehrer ausgehen könnten, denn die Pädagogen sind überaltert, eine Pensionierungswelle stehe bevor. Das klingt nach rosigen Aussichten für Lehramtsstudenten. Aber stimmt die Klage über zu alte Lehrer?

Stets pünktlich zum Schuljahresbeginn das Gleiche: Schreckensmeldungen über Lehrermangel. Hessen suche dringend Physiklehrer, Nordrhein-Westfalen brauche Sonderpädagogen und in Berlin fehlten Deutsch- und Mathelehrer. So lauteten einige der Klagen von Gewerkschaften, Elternvertretern und Bildungspolitikern zum Ende der vergangenen Sommerferien.

Das Problem: Seit Jahren warnen Experten davor, dass im Lehrerberuf eine Pensionierungswelle durchs Land rollt. Der Vodafone-Stiftung zufolge berichtete jeder zweite Lehrer an weiterführenden Schulen, dass in seiner Schule Pädagogen fehlen. Doch wie schlimm ist der Mangel wirklich?

Das zeigen die Zahlen:

Insgesamt gibt es an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland gut 670.000 Lehrer. Und die Statistiken über deren Altersverteilung sind erschreckend: Im Schuljahr 2010/2011 war fast die Hälfte der Lehrer in Deutschland 50 Jahre oder älter. Das liegt daran, dass in den siebziger Jahren sehr viele Lehrer eingestellt wurden, als die Babyboomer-Generation der Nachkriegsjahre in die Klassenzimmer einzog und die Schülerzahl sprunghaft anstieg.

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Die Lehrer, die damals anfingen, gehen jetzt und demnächst in den Ruhestand und hinterlassen große Löcher im Personalbestand der Schulen. 2011 wurden 20.900 verbeamtete Lehrer pensioniert. Das sind fast dreimal so viele wie 1993, als das Statistische Bundesamt diese Daten zum ersten Mal erhob. Die angestellten Lehrer sind in dieser Rechnung nicht enthalten, bundesweit machen sie etwa ein Viertel aller Lehrer aus. Die Bildungsgewerkschaft GEW hat berechnet, dass sich bis 2020 jährlich um die 30.000 Pädagogen aus dem Schuldienst verabschieden.

Wann einzelne Lehrer gehen, ist unterschiedlich. In den meisten Bundesländern müssen sie bis 65 arbeiten. 2011 lag das durchschnittliche Pensionsalter bei 62,9 Jahren, jeder fünfte verbeamtete Pädagoge ging wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig in den Ruhestand.

Insgesamt unterrichten Lehrer heute deutlich länger als früher: 2001 hörten die Beamten im Schnitt schon mit 59,7 Jahren auf zu arbeiten, jeder zweite wurde wegen Dienstunfähigkeit pensioniert. Seither müssen Lehrer, die vorzeitig in den Ruhestand gehen, finanzielle Abschläge hinnehmen - was dazu beigetragen hat, dass das Pensionsalter gestiegen ist.

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Ob genug Lehramtsabsolventen bereitstehen werden, um die Pensionäre zu ersetzen? 2011 wurden gut 27.000 fertige Referendare in den öffentlichen Schuldienst eingestellt, 2000 mehr als im Jahr davor und 7000 mehr als 2005. Fachleute warnen jedoch unisono: Es reicht nicht.

Das sagen Experten:

"In bestimmten Fächern ist ein deutlicher Lehrermangel zu erwarten", so der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann. Denn natürlich lassen sich nicht alle Lehramtsabsolventen - selbst wenn genügend rechtzeitig fertig würden - gleichmäßig auf die freien Stellen verteilen. Die Fächerkombination, die Schulform und das Bundesland schränken die Bewerber bei ihrer Stellensuche ein wie in kaum einem anderen Beruf - auch wenn sich das nun bessern soll.

Für welche Fächer Lehrer gesucht werden, hängt stark von der Region und der Schule ab. "Mathematik, die Naturwissenschaften, Informatik und technische Fächer sind meistens schwer zu besetzen", sagt die Bildungsforscherin Mareike Kunter aus Frankfurt. Das liege auch daran, dass sich überwiegend Frauen fürs Lehramt entschieden, die seltener die sogenannten MINT-Fächer wählten als männliche Studenten. Außerdem gebe es für Absolventen dieser Studiengänge am Arbeitsmarkt hervorragende Alternativen, fügt Wößmann hinzu.

Wer also Lehrer werden will, sich für MINT-Fächer begeistern kann und schnell studiert, hat gute Aussichten. Wenn der Bedarf dann allerdings gedeckt ist, sieht es für Neueinsteiger erst mal düster aus: Die Kultusministerkonferenz hat berechnet, dass die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen bis 2025 bundesweit um 2,1 Millionen auf knapp 9,6 Millionen sinkt - und damit schrumpft auch die Zahl der benötigten Lehrer.

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In einer fünfteiligen Serie geht SPIEGEL ONLINE gängigen Annahmen über den Lehrerberuf nach und deckt auf, was davon Fakt und was Mythos ist. Dies ist der vierte Teil, demnächst folgen Antworten auf die Frage: Fallen dauernd Stunden aus? Lesen Sie auch den ersten Teil über Lehrer und Freizeit, den zweiten über Lehrergehälter und den dritten Teil über den Mythos der kleinen Klassen.

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insgesamt 95 Beiträge
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1. Erkenntnisgewinn?
dickebank 04.04.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBildungsexperten warnen, dass bald die Lehrer ausgehen könnten, denn die Pädagogen sind überaltert, eine Pensionierungswelle stehe bevor. Das klingt nach rosigen Aussichten für Lehreramtsstudenten. Aber stimmt die Klage über zu alte Lehrer? http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/alte-lehrer-schulen-droht-hohe-zahl-an-pensionierungen-a-884599.html
Doller, Sinn befreiter Artikel. aber das ifo-Institut wird ja auch nicht von Sinn verantwortet. Schön wäre der Vergleich mit der Altersverteilung in anderen akademischen berufen gewesen. Wegen der Babyboomer sind also vor 40 Jahren verstärkt Lehrer eingestellt worden, die jetzt in pension gehen, aha. Gleichzeitig sinken die Schülerzahlen und es werden weniger jüngere lehrer eingestellt. Ansonsten zeigt die Totrte, dass die in 10-Jahres -Clustern erfassten lehrerkohorten so ziemlich gleich mäßig verteilt sind. Lediglich die Gruppe der 50- bis 60-jährigen ist überrepräsentiert, da in den 70-ern eingestellt (s.o.) die Ränder unter 30 und über 60 sind natürlich unterrepräsentiert, sie bilden ja auch keine vollständigen Altersgruppen über 10 Jahre. - Warum nur? Interessant wäre doch zu sehen, wer von den in den 70-ern eingestellten Lehrern heute noch in der gleichen Besoldungsgruppe ist wie am Tag seiner Ernenenung. Das interessante am Lehrerberuf ist doch das EDEKA-Prinzip - am ersten Tag schon am Ende der Kariere. Ich meine hier wirklich "Lehrer" (Primarstufe und Sekundarstufe I) und keine "Studienräte" (Sekundarstufe I+II).
2. Frühpensionierung mit 50
tschephu 04.04.2013
war in der 2000 Wende üblich und sie bestätigen in Ihrem Artikel, dass 50% wegen Dienstunfähigkeit (was Berufsunfähigkeit bedeutet) den Dienst frühzeitig beenden. Und dies bei einer Freizeit von Ferien- Beweglichen- Schulausfluf und Hitzefrei- Tagen ein knappes halbes Arbeitsjahr bedeutet. Jedoch solange dies vorwiegend von Psychiatern bestätigt und von den Aufsichtsbehörden (sind ja auch Beamte) toleriert wird...wenn wunderts das unsere Kinder keinen Respekt vor dieser Berufsklasse hat.
3. Arbeitszeit
dorkar 04.04.2013
Sehr geehrte(r) Herr/Frau "tschephu", jetzt interessiert es mich aber doch mal: Wie können Sie um 09.31Uhr online sein und den "wunderbaren" Artikel hier kommentieren? Sie sind doch nicht etwa während Ihrer Arbeitszeit online, oder?
4. Chance nutzen
mekeil 04.04.2013
Alle schreien immer Inklusion, warum nutzt man dann nicht die Chance wenn es weniger Schüler werden, mehr Lehrer einzustellen um die Betreuung und die Individuelle Förderung zu gewährleisten? Das wäre doch mal ein sinnvoller Schritt um das Großprojekt Inklusion auch wirklich meistern zu können. Ist ja nicht so, als würde es wenige frische Lehrer geben die auf Stellensuche sind.
5. #2@tschephu: Wen wundert es noch...
michaelkaloff 04.04.2013
...wenn ahnungslose low-performer ihre Vorurteile und falsche Zahlen unreflektiert posten.
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