Asbest-Alarm: Schule kann krankmachen

Aus Furcht vor fiesen Fasern hat Hamburg über hundert Turnhallen geschlossen, der Sportunterricht fällt aus, Gesundheitsbehörden beruhigen besorgte Eltern. In ganz Deutschland ist das krebserregende Asbest in Schulen verbaut. Bundesweite Asbest-Stichproben sind aber nicht geplant.

Asbestgefahr (an einer Hamburger Grundschule): Hunderte Schulen mit ähnlicher Heizung Zur Großansicht
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Asbestgefahr (an einer Hamburger Grundschule): Hunderte Schulen mit ähnlicher Heizung

Nach der Sperrung von mehr als hundert Sporthallen wegen Asbest-Gefahr prüft die Hamburger Schulbehörde, ob weitere Gebäude belastet sein könnten. Die Untersuchung der Luft in den Turnhallen wird voraussichtlich noch bis zu den Herbstferien Mitte Oktober dauern.

Am Donnerstag meldeten sich zahlreiche besorgte Hamburger Eltern bei den Behörden. Die städtische Telefonhotline für Umweltmedizin werde seit dem frühen Morgen "stark frequentiert", sagte ein Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde. Die Eltern wollten wissen, wie groß die Gefährdung ihrer Kinder sei und wie die Stadt nun weiter vorgehen wolle. "Es gibt keine Panik, aber Informationsbedarf", betonte er.

In der Hamburger Peter-Petersen-Schule im Stadtteil Wellingsbüttel war in den vergangenen Tagen bei einer routinemäßigen Luftmessung festgestellt worden, dass der zulässige Höchstwert von 1000 Asbestfasern pro Kubikmeter Raumluft fast um das Doppelte überschritten wurde. Die krebserregenden Fasern waren über die baufällige Umluftanlage der Heizung verteilt worden.

Ute Pape, Schulleiterin in Wellingsbüttel, betonte, dass es eine akute Gefährdung der Schüler nicht gegeben habe, da die Heizung in den Sommermonaten ausgeschaltet gewesen sei. "Eltern und Lehrer sind bereits informiert, und im neuen Schuljahr hat noch kein Schüler die Halle betreten", erklärte sie.

Bundesländer sehen keinen Handlungsbedarf

Möglicherweise wurden jedoch aus dem in Wellingsbüttel 1972 installierten Heizungssystem schon seit vielen Jahren Asbestfasern herausgepustet. Vorsorglich gesperrt wurden weitere Hallen, die mit einer ähnlichen Heizungsanlage wie die betroffene Schule ausgestattet sind. Die Überprüfung von über hundert Hallen in Hamburg wird notwendig, weil die Stadt als Schulträger die Turnhallen in derselben Bauweise vom gleichen Architekten errichten ließ.

In anderen Bundesländern sehen die zuständigen Ministerien und Kommunen zunächst keinen Anlass, Schulen auf Asbestbelastung zu überprüfen. "Natürlich wird im Zuge von Baumaßnahmen immer wieder Asbest gefunden. Dieser wird dann nach bewährtem Verfahren entsorgt. Bekannte Asbeststellen an öffentlichen Gebäuden werden von den Bezirken kontinuierlich im Auge behalten", sagte Jens Stiller, Sprecher der Berliner Senatsverwaltung, SPIEGEL ONLINE.

In Bremen werden alle Schulen seit den neunziger Jahren in einem Asbest-Kataster mit Gefährdungsanalyse erfasst. In Flächenländern wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachen oder Brandenburg sind Asbest-Fälle Angelegenheit der Gemeinden und werden den Schulministerien nicht gemeldet.

Gefahr von Lungenkrebs

Im Großteil der in den sechziger und siebziger Jahren erbauten Schulen wurde die vermeintliche "Wunderfaser" Asbest verarbeitet. Damals galt das Material wegen seiner Feuer- und Säurebeständigkeit als ideale Bausubstanz in Dachplatten, Fassadenverkleidungen, Bremsbelägen oder Wasserrohren. Enthalten sein kann Asbest auch in älteren Haushaltsgeräten wie Elektrospeicheröfen, Toastern und Haartrocknern.

Solange Asbest in fest gebundener Form vorliegt, besteht keine Gesundheitsgefährdung. Doch die damals erbauten Schulen sind heute zum Teil sanierungsbedürftig. Durch Bearbeitung und Zerstörung asbesthaltiger Produkte, aber auch durch klimatische Einflüsse, Alterung und Zerfall kann Asbeststaub an die Atemluft abgegeben werden.

Erst Ende der achtziger Jahre gerieten asbesthaltige Materialien wegen zahlreicher Todesfälle in Verruf. Werden Asbestfasern eingeatmet, kann das zu einer chronischen Entzündung in der Lunge und zu Krebs führen. Das Risiko steigt, je länger und intensiver man den Fasern ausgesetzt ist. Wer mit Asbest in Kontakt kommt, hat nach rund zehn Jahren ein erhöhtes Risiko, an Asbestose zu erkranken. Eine geringe Menge eingeatmeter Fasern kann noch nach 30 Jahren Krebs auslösen.

Da der Stoff fast universell eingesetzt wurde, wird es noch dauern, bis alle Gefahrenquellen beseitigt sind. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war bekannt, dass das Einatmen von Asbeststaub krankmacht. Die Asbestose ist in Deutschland seit 1936 als Berufskrankheit anerkannt, seit 1993 ist die Nutzung des Stoffes verboten.

cpa/dpa

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