Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

DGB-Ausbildungsreport: Lehrlinge sind unzufrieden wie nie

Von und

Ausbildungsreport 2014: So unzufrieden sind Azubis heute Fotos
DPA

Angehende Industrie- und Bankkaufleute fühlen sich wohl, Maler und Hotelfachkräfte nicht: Laut DGB-Ausbildungsreport ist die Stimmung auf dem Lehrstellenmarkt so mies wie nie.

So hatten sich die angehenden Kaufleute ihre Ausbildung beim Discounter Aldi Süd ganz sicher nicht vorgestellt: Im Juni 2012 wurden mehrere Azubis in einem Lager in Mahlberg (Baden-Württemberg) mit Frischhaltefolie an Pfosten gefesselt und von anderen Mitarbeitern, darunter auch einem Vorgesetzten, mit Stiften im Gesicht beschmiert. Ein Auszubildender bekam dafür vor Gericht jetzt ein Schmerzensgeld von 500 Euro zugesprochen.

Ein krasser Einzelfall, natürlich. Im Mittel sind sowohl Kaufleute im Einzelhandel als auch Verkäufer einigermaßen zufrieden mit ihrer Lehrstelle. Wie es in der Breite mit der Arbeitszufriedenheit der Auszubildenden aussieht, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seinem Ausbildungsreport 2014 zusammengefasst, der am Donnerstag erscheint und SPIEGEL ONLINE vorliegt (hier als PDF). Die Ergebnisse: Der Betriebsalltag hat sich verbessert, trotzdem ist die Arbeitszufriedenheit insgesamt gesunken.

Positiv haben sich zwei Werte entwickelt:

  • Die Zahl der Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden machen müssen, ist von 42,2 Prozent (2009) auf 36,6 Prozent (2014) zurückgegangen. Nur 17,1 Prozent erhalten keinen Ausgleich für diese Mehrarbeit - 2010 hatte dieser Wert noch bei 20 Prozent gelegen.
  • Auch die Zahl der Übernahmezusagen für Azubis ist innerhalb der vergangenen fünf Jahre nach oben gegangen, von 23,6 Prozent auf aktuell 29,4 Prozent. Zwei Drittel wissen allerdings immer noch nicht, wie es nach der Ausbildung weitergeht.

Top-Jobs: Industriemechaniker, Industrie- und Bankkaufleute

Insgesamt sind 71,4 Prozent der Azubis mit ihrer Ausbildung "zufrieden" oder "sehr zufrieden" - vor fünf Jahren waren es noch 75,5 Prozent. Das sei zwar insgesamt noch "erfreulich, kann aber nicht über die bestehenden Probleme der anderen Auszubildenden hinwegsehen lassen", heißt es in dem Bericht. Der aktuelle Wert ist der niedrigste, der in den bisher neun DGB-Studien zum Thema ermittelt wurde.

Mehr als 18.300 Azubis waren für die Studie befragt worden, abgedeckt wurden die 25 beliebtesten Ausbildungsberufe in Deutschland. Zufrieden sind vor allem angehende Industriemechaniker, Industrie- und Bankkaufleute; Kritik am Arbeitsalltag kam vor allem von zukünftigen Malern, Hotelfachleuten und Fachverkäuferinnen im Lebensmittelhandwerk. Als Probleme benennt der Report in diesen schlecht bewerteten Berufen "permanent viele Überstunden, einen rauen Ton, den Eindruck, ausgenutzt zu werden und eine oftmals fachlich schlechte Anleitung".

Verpflichtend ist für jeden Betrieb, den Lehrlingen einen Ausbildungsplan zur Verfügung zu stellen, in dem die Lehrinhalte aufgelistet sind. Hier gab ein Drittel der befragten Azubis an, ihnen liege kein entsprechender Ausbildungsplan vor. Ausbildungsfremde Aufgaben erledigt darüber hinaus jeder fünfte Azubi manchmal, jeder zehnte häufig, einige davon sogar immer (3 Prozent). Generell haben es hier Auszubildende in Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern besser als Lehrlinge in Klein- oder Kleinstbetrieben.

Nicht zu viel Lob, bitte

Zu den Problemen zählt der DGB insbesondere, dass allein im Jahr 2013 bundesweit knapp 260.000 Jugendliche in Maßnahmen im Übergangsbereich zwischen Schule und Ausbildung gelandet sind - also in Qualifizierungsmaßnahmen, die als Warteschleife für eine Lehrstelle dienen. Außerdem hätten rund 286.000 bei der Bundesagentur für Arbeit registrierte Ausbildungsbewerber keinen Ausbildungsplatz erhalten.

Die Betriebe müssten deshalb größere Anstrengungen im Bereich der Ausbildung unternehmen - unabhängig davon, dass im Handwerk derzeit 24.000 Lehrstellen nicht besetzt sind. "Der Anteil der ausbildenden Betriebe ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken. 2012 haben nur noch 21,3 Prozent aller Betriebe überhaupt ausgebildet", heißt es in dem Bericht: "Diese Zahl ist nicht akzeptabel und wird der gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaft nicht gerecht."

Zu denken gibt auch eine andere Zahl: Wie schon der Name sagt, sind für die duale Berufsausbildung Betrieb und Berufsschule gleichermaßen wichtig. Doch während zwei Drittel der Lehrlinge die fachliche Qualität ihrer Ausbildung im Betrieb positiv bewerten, fällt die fachliche Ausbildung in den Berufsschulen deutlich ab: Sie findet nur gut die Hälfte (56 Prozent) der Azubis gut oder sehr gut.

  • SPIEGEL ONLINE
    Der gesetzliche Mindestlohn soll kommen - allerdings nicht für Praktikanten, Azubis und unter 18-Jährige. Jenny, 18, aus Esslingen und Denise, 17, aus Rommelshausen sind beide Bürokauffrau-Azubis. Sie und zehn anderen Jugendlichen haben dem Schulspiegel verraten, mit welcher Arbeit sie wie viel verdienen - und ob sie den Mindestlohn gerecht finden. mehr...
Alles, was Azubis Recht ist
Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
BMerkenswert 04.09.2014
Die Unzufriedenheit im Hotelgewerbe kann ich zum Teil nachvollziehen. Meine schwester muste schon in den 80er Jahren Überstungen und Wochenendschichten leisten, die über das Maß ihrer ehem. Schulkollegen in anderen Berufen weit hinausging. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist das auch kein Geheimnis und auch nie gewesen. Jeder sollte wissen worauf er/sie sich einläßt.
2. Nun ja,selber noch...
juergw. 04.09.2014
dreieinhalb Jahre Ausbildung gemacht.Später bis zum Handwerksmeister .Mit dem Wissen heute wäre ich lieber in das Bankenwesen oder mit Parteibuch in den Staatsdienst eingetreten.Mit eigenderhände Arbeit ist kein Geld mehr zuverdienen,mit abgebrochendem Studium in der Politik schon.Man darf nur nicht so gierig wie hadertauer sein...
3. Tja, früher
mali123 04.09.2014
hatte man viele Kinder und die Rente war sicher. Heute nicht. Die Alten meinen sie können die Jungen für Peanuts schuften lassen bis zum umfallen. Ich hoffe, dass der Generationenvertrag endlich aufgehoben wird. Ich z.B. finde keine Arbeit, weil ich so unglaublich teuer bin. Dabei verlange ich gerade mal die Hälfte von dem was die Alten früher bekommen haben, die noch im Job sind. Was soll das? Sich selbst die Gehälter erhöhen auf Kosten der Jungen? Ich hoffe, dass keiner mehr in die Lehre geht. Dann werden wir sehen, wie lange die Alten ohne die Jungen auskommen werden!
4. Kann ich nachvollziehen....
warndtbewohner 04.09.2014
schlechte Arbeitszeiten, geringer Verdienst, ja, man wird ganz schön ausgebeutet............
5. Naja
Flying Rain 04.09.2014
Kleinere Betriebe ( ich habe in nem größerem - 6000+ - gelernt) haben auch ihre Vorteile....man ist idR besser in die Umgebung eingebunden, es geht deutlich lockerer und familiärer zu, muss aber halt auch mehr ubd härter anpacken..... Und das Industriemechaniker am positivsten drauf sind kann ich verstehen, wenn man sich Berufsschulen wie zB Bad Aibling ansieht ( auch im Holzbereich) , kann man sowas auch verstehen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Weibliche Azubi unter Männern: Johanna und die 20 Kerle


Social Networks