Bayerns Kultusminister: "In NRW findet ein Bildungs-Staatsstreich statt"

Viele Länder schaffen die Hauptschule ab - Bayerns Kultusminister Spaenle stemmt sich gegen den Trend. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verdammt der CSU-Politiker die rot-grüne Schulpolitik und erklärt, wie er auf den Schülermangel und das Bildungschaos der Länder reagieren will.

Hauptschulklasse: Spaenle hält an der bei Eltern unbeliebten Schulform fest Zur Großansicht
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Hauptschulklasse: Spaenle hält an der bei Eltern unbeliebten Schulform fest

SPIEGEL ONLINE: Herr Spaenle, Sie haben in Bayern gerade die Mittelschule eingeführt, eine neue, der Hauptschule nahe Schulform. In anderen Bundesländern wurden oder werden derzeit ebenfalls neue Schulformen geschaffen. Warum wird das Bildungschaos unter den Ländern immer größer statt kleiner?

Ludwig Spaenle: Die Kompetenz in Bildungsfragen liegt nun einmal in den Ländern. Das halte ich für richtig, und den Bürgern geht es offensichtlich genauso. Ihnen ist es wichtig, dass die Kontrolle über die Schulen nah am Menschen ist. Sehen Sie sich die letzten Landtagswahlen an, da spielte die Schulpolitik eine manifeste Rolle im Wahlkampf. Die Mittelschule ist übrigens die Weiterentwicklung der Hauptschule.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Schulpolitik nah an den Betroffenen entscheiden soll, müsste man doch die Kompetenzen an die Kommunen geben, wie es die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen gemacht hat: Sie lässt die Gemeinden entscheiden, ob sie Gesamtschulen gründen wollen.

Spaenle: In NRW findet ein kalter Staatsstreich in der Bildungspolitik statt. Schulversuche in den Kommunen sind dafür geschaffen, bestimmte Dinge zu erproben. Dieses Instrument wird nun missbraucht, um die Einheitsschule in die Fläche zu tragen. Das sind doch keine Versuche mehr, sondern Veränderungen des Systems, hinter dem Feigenblatt des Elternwillens und der Bürgerbeteiligung.

SPIEGEL ONLINE: Aber unabhängig von den Inhalten ist die Strategie doch richtig.

Spaenle: Man kann sehr eng mit den Kommunen zusammenarbeiten. Das machen wir ja in Bayern: Mit der Einführung der Mittelschule übertragen wir Entscheidungen auf Schulleiter, Bürgermeister und Elternvertreter. Die gründen Schulverbünde und entscheiden, an welchem Schulstandort den Schülern welche Angebote unterbreitet werden. Beim Thema eigenverantwortliche Schule werden wir weiter gehen als jedes Land in der Republik.

SPIEGEL ONLINE: Beim Thema Schulstruktur verlassen manche Unionskollegen allmählich die Parteilinie und geben die klassische Hauptschule auf: In Niedersachsen hat etwa Kultusminister Althusmann das Zweisäulenmodell mit nur einer weiterführenden Schulform neben dem Gymnasium auf den Weg gebracht. Sie koordinieren die Schulpolitik der unionsgeführten Länder - kein leichter Job derzeit?

Spaenle: Ich weiß mich mit den Kollegen der CDU einig im Ziel, die individuelle Förderung im differenzierten Bildungswesen weiter auszubauen. Aber ich finde es faszinierend, dass die Debatte um die Einheitsschule jetzt wieder einen fröhlichen Einstand feiert. Für mich steht fest: Eine Einheitsschule bringt niemanden weiter. Wenn ich heißes und kaltes Wasser zusammenschütte, kommt laue Brühe heraus.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Ihrem Land steigt der Druck auf das dreigliedrige System: Vielen Hauptschulen droht durch den Schülerschwund das Aus. Ein CSU-Bürgermeister beantragte jüngst eine Gesamtschule, viele Kommunen wollen zumindest mehr Kooperation zwischen Real- und Hauptschulen.

Spaenle: Wir geben in Bayern auf den Geburtenrückgang und die Abwanderung in ländlichen Regionen mit der Mittelschule eine Antwort. Das Neue dabei ist unter anderem, dass wir die Einzelschule bestehen lassen, sie aber rechtlich unter ein neues Dach stellen: Mehrere Schulen können sich zusammenfinden in einem Verbund, der auch Klassen mit einer sehr geringen Schülerzahl bestehen lassen kann. Mit dieser Strategie konnten wir das Hauptschulsterben zuletzt nahezu zum Stehen bringen. Wir müssen die Schule im Dorf lassen.

SPIEGEL ONLINE: Halten wir fest: Jedes Land fährt eine andere Strategie, um die Schulen auf den Schülerschwund einzustellen. Wir müssen uns also mit der Unübersichtlichkeit zwischen den Ländern abfinden?

Spaenle: Es muss dem Problem begegnet werden, dass Kinder, wenn sie mit ihrer Familie in ein anderes Land ziehen, einen Nachteil erleiden. Da wird zumindest ein Grundrecht verletzt: das Recht auf Freizügigkeit und auf Mobilität. Deshalb hat die Kultusministerkonferenz (KMK) begonnen, inhaltliche Standards für die verschiedenen Schulformen zu definieren. Das ist jedoch nur ein erster Schritt. Wir brauchen auch Standards zur besseren Vergleichbarkeit der Abschlüsse. Da kommt das sogenannte Südabitur ins Spiel: Gemeinsam mit vier weiteren Ländern wollen wir normierte Aufgabenpools für die Abiturprüfungen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee eines länderübergreifenden oder gar bundesweiten Zentralabiturs ist nicht neu. Woran scheitert es bislang?

Spaenle: Es herrscht in den Ländern eine unterschiedliche Bereitschaft, sich einem solchen Prozess anzuschließen, ja vielleicht sogar ein gewisser Widerstand. Wenn die Schüler in manchen Ländern schlechter abschneiden als in anderen, wird es für diese Länder notwendig sein, dass sie mit den anderen Ländern in den Dialog treten und sich dem durchschnittlichen Leistungsniveau bei der Aufgabenstellung in Prüfungen annähern. Klar ist, dass der Ländervergleich schon durchaus eine Stunde der Wahrheit war. Aber eine deutlich bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse muss das Ziel sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern gar, die Bildungsstandards in einem neuen Staatsvertrag zwischen den Ländern festzuschreiben.

Spaenle: Der letzte Staatsvertrag stammt aus den Sechziger Jahren, umfasste zahlreiche Themen. Derzeit aktuell daraus ist im Wesentlichen noch die Ferienordnung. Die Leute wollen aber wissen, was passiert, wenn sie von Schwedt nach Kaiserslautern ziehen. Ein Staatsvertrag bringt mehr Rechtssicherheit, und weil er zugleich die Parlamente mit einbindet, würde er den Bildungsföderalismus stärken. Und wir leisten das, was die Bevölkerung will: dass die Länder ihre Kompetenz in nationaler Verantwortung wahrnehmen. Wenn uns das nicht gelingt, dann ist der Föderalismus tatsächlich seinem Ende nahe.

SPIEGEL ONLINE: In einem Punkt wurde an Ihrer Kompetenz in Bayern zuletzt gezweifelt: Sie mussten einräumen, tausende Lehramtsanwärter nicht einstellen zu können.

Spaenle: Wir haben in Bayern ständig aktualisierte Lehrerbedarfsprognosen, die jeder im Internet einsehen kann. In der Prognose aus dem Jahr 2005 steht, dass ab 2010 zu viele Realschul- und Gymnasiallehrer fertig werden und man mit Englisch, Geschichte, Deutsch und Geografie schlechte Anstellungschancen hat. Dagegen würden vor allem Lehrer mit den Fächern Mathematik, Physik oder Latein benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: die jungen Leute sind selber schuld, weil sie bewusst das Falsche studiert haben?

Spaenle: Nein, aber man muss doch jungen Leuten schon zumuten können, sich die Prognosen anzuschauen. Es zeigt aber auch, dass die Lehrerausbildung flexibler werden muss: Lehramtsstudenten sollten nicht nur ein Staatsexamen, sondern auch einen Master-Abschluss erwerben können, um sich auch anderweitig bewerben zu können.

SPIEGEL ONLINE: Für die Junglehrer wäre das Problem kleiner, wenn sie ohne Hürden in andere Länder gehen könnten. Bei der Umsetzung der Bologna-Reform haben die Länder die Hürden erhöht statt gesenkt, die Lehramtsstudiengänge wurden ganz unterschiedlich gestaltet. Warum gelingt hier kein Fortschritt?

Spaenle: Das Thema Lehrerausbildung ist eines, das die KMK mit Sicherheit noch beschäftigen wird. Aber zur Handlungsfähigkeit der KMK beim Thema Lehrer ein Beispiel: Aufgrund des Bologna-Prozesses liegt die Verantwortung vielfach bei den Hochschulen, die ganz unterschiedliche Vorgaben machen und sich in der Regel nicht absprechen.

Das Interview führten Birger Menke und Markus Verbeet

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insgesamt 154 Beiträge
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1. Standeskampf
SNA 25.01.2011
Zitat von sysopViele Länder schaffen die Hauptschule ab - Bayerns Kultusminister Spaenle stemmt sich gegen den Trend. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verdammt der CSU-Politiker die rot-grüne Schulpolitik und erklärt, wie er auf den Schülermangel und das Bildungschaos der Länder reagieren will. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,740949,00.html
Sogar in der Union haben die meisten begriffen, dass die Abschiebeschule Hauptschule vollkommener Unfug ist. Dass die Anhänger einer mittelalterlichen Standesgesellschaft das Söhnchen und Töchterchen des BMW Managers vor dem begabten Arbeiterkind - schlimmstenfalls mit Migrationshintergrund - zu schützen trachten, ist verständlich, kann sich dieses Land aber nicht leisten.
2. Betrifft nicht nur Lehramtsstudenten...
PeteLustig, 25.01.2011
Zitat von sysopViele Länder schaffen die Hauptschule ab - Bayerns Kultusminister Spaenle stemmt sich gegen den Trend. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verdammt der CSU-Politiker die rot-grüne Schulpolitik und erklärt, wie er auf den Schülermangel und das Bildungschaos der Länder reagieren will. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,740949,00.html
Die Antwort viel leider viel zu diplomatisch aus und hätte ehrlicherweise kurz und bündig mit "Ja!" beantwortet werden müssen.
3. .
PeteLustig, 25.01.2011
Zitat von SNASogar in der Union haben die meisten begriffen, dass die Abschiebeschule Hauptschule vollkommener Unfug ist. Dass die Anhänger einer mittelalterlichen Standesgesellschaft das Söhnchen und Töchterchen des BMW Managers vor dem begabten Arbeiterkind - schlimmstenfalls mit Migrationshintergrund - zu schützen trachten, ist verständlich, kann sich dieses Land aber nicht leisten.
Ich würde mein Geld in Privatschul-Fonds anlegen, falls das Rot/Grüne-Allgemeinverschlechterungsmodell Schule (sic) macht.
4. Immer noch nichts gelernt,
hoppeditz2 25.01.2011
Zitat von SNASogar in der Union haben die meisten begriffen, dass die Abschiebeschule Hauptschule vollkommener Unfug ist. Dass die Anhänger einer mittelalterlichen Standesgesellschaft das Söhnchen und Töchterchen des BMW Managers vor dem begabten Arbeiterkind - schlimmstenfalls mit Migrationshintergrund - zu schützen trachten, ist verständlich, kann sich dieses Land aber nicht leisten.
... aus 40 Jahren Bildungskatastrophe. Immer noch die gleichen Klassenkampfsprüche. Niemals der Realität ins Auge geschaut.
5.
garfield, 25.01.2011
Zitat von sysopViele Länder schaffen die Hauptschule ab - Bayerns Kultusminister Spaenle stemmt sich gegen den Trend. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verdammt der CSU-Politiker die rot-grüne Schulpolitik und erklärt, wie er auf den Schülermangel und das Bildungschaos der Länder reagieren will. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,740949,00.html
Schade, dass ich das Gesicht von Spaenle nicht sehen konnte, als er auf seine Bemerkung "die Kontrolle über die Schule (müsse) nah am Menschen (sein)" den SpOn-Konter erntete, dass das von ihm kritisierte NRW doch genau das tue, indem sie dort die Gemeinden über zu gründende Schulformen entscheiden lassen. Da war es dann plötzlich "ein kalter Staatsstreich in der Bildungspolitik". Noch unglaubwürder machte er sich, als er die Kleinstaaterei im Bildungssystem hochhielt (euphemistisch "Förderalismus im Bildungssystem" genannt) und kurz darauf die Schwierigkeiten von Familien mit Schulkindern schilderte, wenn sie in ein anderes Bundesland umziehen. Seine Lösung: weiteres Rumdoktorn am kranken zersplitterten System. Ein landesweit einheitliches Bildungssystem und diese Probleme hätten mit einem Schlag ein Ende!
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Zur Person
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Ludwig Spaenle (CSU), 49, ist seit 2008 Bayerns Kultusminister. Im letzten Jahr war er Präsident der Kultusministerkonferenz. Er studierte Geschichte und katholische Theologie, promovierte und arbeitete dann als Fernsehredakteur, ehe er in die Politik ging. Er ist CSU-Kreisvorsitzender von München Schwabing. Spaenle ist Vater von zwei Töchtern.
Schulreform in Bayern
Konzept gegen das Schulsterben
In den letzten Jahren wurden in Bayern hunderte Hauptschulen geschlossen. Zu schlecht ist das Ansehen, zu wenige Eltern wollen ihre Kinder noch auf die Hauptschule schicken. Das Konzept von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU): Hauptschulen zu Mittelschulen aufwerten. Die neue Schulform startete zum Schuljahr 2010/2011.
Die Mittelschule
Hauptschulen können sich um den Titel "Mittelschule" bewerben. Dazu müssen sie allerdings eine ganze Reihe von Kriterien erfüllen: Sie müssen mindestens 300 Schüler haben, Ganztagesangebote machen, eine Kooperation mit Firmen und Berufsschulen anbieten sowie über berufsorientierende Zweige verfügen. Ein gutes Drittel der rund 900 Hauptschulen sind groß genug, andere müssen Verbünde bilden. Für viele Hauptschulen heißt es allerdings im Ministerium: "Wir werden nicht alle retten können".
Neue Abschlüsse
Auf der Mittelschule sollen mehrere Abschlüsse angeboten werden: Der bisherige Hauptschulabschluss, ein neuer mittlerer Bildungsabschluss und ein "Praxisklassenabschluss" mit einem geringen theoretischen Anteil.
Kritik
Allen voran der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband befürchtet große Verwirrung unter Eltern, wenn sie durch die Mittelschule mit einer zusätzlichen Schulform und neuen Abschlüssen konfrontiert werden. Gefordert wird, weniger zu sortieren und nicht zu versuchen, mit der Mittelschule die Hauptschule zu retten.

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