Schul-Klischees im Faktencheck: Lehrer werden lohnt sich - oder?

Von Heike Sonnberger

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Lehrerin beim Unterricht: Lohnt sich der Stress im Klassenzimmer?

Sicherer Arbeitsplatz, ordentliches Gehalt: Wer Lehrer wird, hat ausgesorgt. Das jedenfalls denken viele Deutsche über Pädagogen im Klassenzimmer. Doch Lehrer haben kaum Aufstiegschancen - und die Fleißigen werden kaum belohnt.

Lehrer wird man, weil das ein sicherer Beruf ist. So denken noch immer viele junge Leute, die sich für eine Pädagogenlaufbahn entscheiden. Gut acht von zehn Erstsemestern, die 2009 mit einem Lehramtsstudium anfingen, war dieser Aspekt ihres künftigen Berufs wichtig oder sogar sehr wichtig. Keine andere Studentengruppe, die die Hochschul-Informations-System GmbH HIS befragte, legt so viel Wert auf Sicherheit.

Außerdem lockt die Aussicht auf ein sattes Gehalt viele junge Menschen in den Lehrerberuf: Sieben von zehn Lehramtsstudenten im ersten Semester strebten der HIS-Umfrage zufolge an, später einmal "gut zu verdienen".

Entsprechend viel Wert legen junge Lehrer denn auch auf den Beamtenstatus, der als Inbegriff einer sicheren und lukrativen Arbeitsstelle gilt. Wer verbeamtet ist, dem bleibt mehr Netto vom Brutto, er ist praktisch unkündbar und günstig privat krankenversichert. Denn der Dienstherr erstattet einen Teil der Arztkosten und den Rest deckt die Versicherung über spezielle Beamtentarife ab.

Eine Umfrage im Auftrag der Vodafone-Stiftung ergab: Zwei Dritteln der Berufseinsteiger ist eine Verbeamtung wichtig. Unter älteren Pädagogen nimmt diese Dringlichkeit ab, vermutlich weil mehr von ihnen den begehrten Status schon erreicht haben.

Andererseits behaupten manche Pädagogen auch, dass sie in der freien Wirtschaft viel mehr verdienen würden - und beklagen sich über ihr Gehalt. Lohnt es sich also, Lehrer zu werden?

Das zeigen die Zahlen:

Zum bundesweiten Durchschnittsgehalt hat die Kultusministerkonferenz (KMK) einen Schätzwert veröffentlicht. Demnach bekommen Lehrer, die an öffentlichen Haupt- und Realschulen unterrichten, am Berufsanfang durchschnittlich 45.000 Euro brutto, nach 15 Jahren im Dienst knapp 55.000 Euro und am Ende ihrer Laufbahn fast 60.000 Euro. Deutschland liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder, aber unter dem in Luxemburg und der Schweiz.

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Diese Statistik sagt allerdings nicht viel aus, denn die tatsächlichen Gehälter klaffen weit auseinander. Wie viel Beamte bekommen, variiert von Bundesland zu Bundesland. Für Angestellte gilt zwar derselbe bundesweite Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes. Doch es ist den Ländern freigestellt, in welche Gehaltsgruppe und -stufe sie ihre Lehrer einsortieren.

In Berlin bekommen angestellte Lehrer, die gerade in den Beruf einsteigen, zum Beispiel die höchste Tarifstufe, die man sonst erst nach mehreren Jahren im Job erreicht. Das sind für Grundschullehrer in der Tarifgruppe E11 3940 Euro brutto - statt der 2640 Euro, die für Einsteiger in dieser Gehaltsgruppe eigentlich vorgesehen sind.

Zwischen angestellten und verbeamteten Lehrern ist der Unterschied ähnlich krass. In Nordrhein-Westfalen beträgt er für ledige Berufseinsteiger netto mehr als 400 Euro:

So viel verdient ein Gymnasiallehrer in Nordrhein-Westfalen
  als Angestellter als Beamter
Berufseinsteiger, 27 Jahre, ledig, keine Kinder Brutto: 3206 Euro
Netto:  2196 Euro
Brutto: 3314 Euro
Netto:  2620 Euro
Nach zehn Berufsjahren, 41 Jahre, verheiratet, zwei Kinder Brutto: 4599 Euro
Netto:  3330 Euro
Brutto: 4469 Euro
Netto:  3775 Euro
Nicht berücksichtigt sind Weihnachtsgeld und Abzüge für Kranken- und Pflegeversicherung.
Quelle: GEW
Wie wahrscheinlich es für junge Lehrer ist, den ersehnten Beamtenstatus zu erreichen, hängt vom Land ab. So verbeamtet Berlin keine Pädagogen neu, in Sachsen werden grundsätzlich nur Schulleiter und ihre Stellvertreter verbeamtet, in Bayern und Nordrhein-Westfalen ist das hingegen für alle Lehrer die Regel. Im Jahr 2011 waren drei Viertel der Lehrer in Deutschland verbeamtet.

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Das sagen Experten:

Es geht auch ohne Verbeamtung: "Wenn man einmal im System drin ist und einen unbefristeten Vertrag unterschrieben hat, kann man sich sehr sicher fühlen, auch als Angestellter im Staatsdienst", sagt die Frankfurter Bildungsforscherin Mareike Kunter. Lehrer müssten dafür jedoch in Kauf nehmen, dass sie in ihrem Beruf wenige Aufstiegschancen haben, egal ob angestellt oder verbeamtet. Wenn sie im Schulbetrieb bleiben und nicht in die Lehrerbildung oder ins Ministerium wechseln wollten, könnten sie Rektor werden - aber wenig sonst.

Den Schulleiterposten finden viele Pädagogen allerdings nicht attraktiv. Die wichtigsten Gründe: Rektoren müssten zu viele Verwaltungsaufgaben erledigen, stünden zu selten im Klassenzimmer und würden nicht angemessen bezahlt bei all der Verantwortung, die sie trügen, fand die Vodafone-Stiftung heraus.

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Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß

Das Lehrergehalt mag zwar gemessen an dem, was Architekten oder Journalisten am Berufsanfang verdienen, ordentlich sein. Doch es gebe keine Luft nach oben für die, die sich besonders engagieren, kritisiert Erziehungswissenschaftler Norbert Grewe aus Hildesheim. "Das könnte man attraktiver gestalten - zum Beispiel mit Zuschlägen, die auf Leistung und nicht auf Dienstalter basieren."

Das sei gerechter als die Unterteilung in Beamte und Angestellte, die bei einem vollen Deputat mit einer Differenz von einigen hundert Euro monatlich zu Buche schlägt.

Manche Lehrer empfinden die Sicherheit, die eine Verbeamtung bietet, sogar als einengend. So sorgte der Französisch- und Geschichtslehrer Arne Ulbricht, 40, für einigen Wirbel, als er darum bat, wieder als Angestellter an seiner Wuppertaler Schule beschäftigt zu werden. "Der Beamtenstatus bedeutet für Lehrer meist beruflichen Stillstand", sagt Ulbricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die vielgelobte Sicherheit mache es fast unmöglich, sie wieder aufzugeben und noch einmal woanders neu anzufangen.

In einer fünfteiligen Serie geht SPIEGEL ONLINE gängigen Annahmen über den Lehrerberuf nach und deckt auf, was davon Fakt und was Mythos ist. Dies ist der zweite Teil. Lesen Sie den ersten Teil hier und demnächst mehr im SchulSPIEGEL.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 254 Beiträge
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1.
EH-DD 27.03.2013
Das Gehalt ist das eine - bei der Pension geht es weiter. Ein verbeamteter Gymnasiallehrer in Niedersachsen kann mit 2.800 Euro Pension rechnen - das ist mehr als mein Einstiegsgehalt BRUTTO!!! als Ingenieur war...
2. Lehrer - die Insel der Glückseeligen
tentonhammer 27.03.2013
Lehrer zu sein ist ein absoluter Traum! Es ist nicht nur die Sicherheit, das wahnsinnig gite Gehalt gemessen an der Ausbildung und dem Arbeitsmarkt, sondern vor allem!! die Arbeitszeiten und noch viel wichtiger die Ferienzeiten!! Welcher andere Arbeitnehmer kann es sich denn leisten 5 Wochen nach Australien zu fliegen oder insgesamt 12 Wochen im Jahr zu urlauben. Dazu kommen noch alle Privilegien der Verbeamtung wie bspw. die Möglichkeiten des Sabbatjahres. Für mich leben Lehrer in der heutigen Zeit auf einer Insel der Glückseeligen wenn man die deutsche Arbeitsmarkt mal betrachtet. Das wird eigentlich nur noch getoppt von EU Beamten, die wahrlich in einem paradiesischen Zustand ihr Leben leben dürfen. Ich beneide als selbständiger Rechtsanwalt Lehrer und EU Beamte - ich beneide sie jeden Tag meines Lebens.
3. Beamtentum als Zwangsjacke
StonyBrook 27.03.2013
Vielleicht mal zum Aufschreiben für die Beamtenhasser: Viele Lehrer hängen nicht am Beamtenstatus. Als Angestellte wäre ihr Arbeitsplatz ebenso sicher. Nur werden Angestellte Lehrer eben so viel schlechter bezahlt, dass die "Beförderung" zum Beamten attraktiv wird. Der Preis dafür ist u.A., dass man als beamteter Lehrer auch eigesperrt wird. Wer als Lehrer in einem Land verbeamtet ist, kann nicht in ein Beamtenverhältnis in ein anderes Land wechseln, wenn nicht beide Arbeitgeber zustimmen. Lehrer mit Mangelfächern können auf so eine Freigabe 10 Jahre warten. Alternativ müssten sie die Bezahlung auf Angestelltenniveau in Kauf nehmen, und zwar ggf. für immer, denn eine erneute Verbeamtung ist ja nur in jungen Jahren möglich.
4. Es hat sich nichs geändert.
finger_weg 27.03.2013
" ... acht von zehn Erstsemestern, die 2009 mit einem Lehramtsstudium anfingen, war dieser Aspekt ihres künftigen Berufs wichtig oder sogar sehr wichtig. Keine andere Studentengruppe, die die Hochschul-Informations-System GmbH HIS befragte, legt so viel Wert auf Sicherheit." Das sagt doch schon alles, oder?
5. Differenzierungsmanko
ruebenkatze 27.03.2013
Es gibt praktisch weder Luft nach oben noch nach unten. Die grössten Flaschen werden durchgeschleift und regelbefördert, die Leistungsträger - auch nur regelbefördert. Geredet über Leistungsanerkennung wird viel, getan praktisch nichts. Das Beamtentum setzt völlig falsche Anreize: Den besten Aufwands-Ertrags-Saldo erreicht man durch Wegducken. Die Engagierten müssen sich ihre Motivation aus dem Innersten nehmen. Das ist in einer materialistischen Gesellschaft, in der auch Bildung immer mehr zur Ware wird, nicht leicht. Meine Konsequenz, nachdem ich mich einem völlig inkompetenten Behördenleiter ausgeliefert sah, war, meinen Beamtenstatus aufzukündigen. Das Land liess mich, hochqualifiziert (drei Studienabschlüsse und Promotion) und mit den besten Zeugnisssen ausgestattet, gehen, ohne auch nur ein Gespräch mit mir führen zu wollen. Eine Beförderung nach A14 (ca. 55 T€) war ich nicht wert. Heute ist mein Einkommen sechsstellig und alle ehemaligen Kollegen beteuern mir, wie sehr meine Arbeit fehlt. Noch Fragen?
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