Benimm-Zeugnisse in NRW: "Kopfnoten sind wie Pickel"

Von Katrin Schmiedekampf

Nordrhein-Westfalens Schüler bekommen Zeugnisse, und diesmal müssen die Lehrer auch Zensuren für das Verhalten vergeben. Viele murren und knurren - einige Schulen planen eine stille Rebellion gegen die Kopfnoten.

Die Schulen in Nordrhein-Westfalen stehen Kopf. Grund dafür ist eine neue Regelung: Das Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler soll in die Halbjahreszeugnisse einfließen. Nicht nur der Landesschülerverband Nordrhein-Westfalen meint: "Kopfnoten sind wie Pickel." Auch viele Schulen üben Kritik. Der Hauptgrund: Sie finden es ganz schön umständlich, sechs zusätzliche Noten zu verteilen.

Kopfnoten: Sachsen führte sie wieder ein, NRW jetzt auch
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Kopfnoten heißen die Zensuren für das Betragen, weil sie früher ganz oben auf dem Zeugnis standen, noch über der Zwei in Mathe oder der Vier in Biologie. Im DDR-Schulsystem gab es bis 1989 vier Noten für Ordnung, Fleiß, Mitarbeit und Betragen. In Sachsen und Brandenburg kehrten sie inzwischen zurück.

In der Bundesrepublik verschwanden die Kopfnoten in den siebziger Jahren fast überall aus den Zeugnissen. Zur bildungspolitischen Aufbruchstimmung passten sie nicht mehr und galten als Instrument zur Disziplinierung, als Strafzensuren für aufsässige Schüler. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg dagegen hält man traditionell viel von dieser Regelung. Und allmählich wird sie auch in anderen Ländern wiederbelebt, etwa in Bayern. Im bevölkerungsstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen kam es vor anderthalb Jahren zur Änderung des Schulgesetzes. Dort werden kommenden Freitag Kopfnoten erstmals wieder in den Halbjahreszeugnissen stehen.

Darüber gab es in den letzten Monaten hitzigen Streit, viele Lehrer, Schüler und Eltern lehnen die Verhaltensnoten ab. Als "kontraproduktiv für das soziale Miteinander an Schulen" bezeichnete sie die Landesschülervertretung. Als der NRW-Landtag über Kopfnoten debattierte, rüffelte Schulministerin Barbara Sommer ihre unruhigen grünen Parlamentskollegen einmal: "Du Sylvia, Ewald oder wie auch immer, ihr stört die anderen. Der Lehrerin will doch auch der eine oder andere zuhören."

"90 Prozent verdienen die Note Gut"

Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit - all diese Punkte sollen die Lehrer nun bewerten. Dafür stehen ihnen die Noten von Eins bis Vier zur Verfügung. Fünfen und Sechsen gibt es nicht. Die Regelung gilt ab der dritten Klasse, auch im Abschlusszeugnis und im Abi müssen die Kopfnoten vorkommen.

Doch wie soll das eigentlich funktionieren? Was passiert, wenn der Informatiklehrer einen Schüler für leistungsbereit hält und ihm eine Eins gibt, der Deutschlehrer aber eine Vier verteilen möchte? Wann und wie lange sollen sie darüber miteinander reden?

An den NRW-Schulen murren und knurren Rektoren und Lehrer wegen der ungeliebten Regelung. Einige planen in einem stillen Protest einheitliche Noten für alle Schüler. In Krefeld, Wesel und Kleve hätten sich Gymnasien darauf geeinigt, generell von der Note "Gut" auszugehen und sich nur zu besprechen, wenn es davon Abweichungen gebe, berichtet die "Rheinische Post". Die Krefelder Gymnasien hätten dieses Verfahren auch in einem Schreiben an die Eltern angekündigt, in dem es heiße: "Wir gehen davon aus, dass unsere Schüler in der Regel die gestellten Anforderungen in vollem Maße (Notenstufe: gut) erfüllen."

Die Ansage des Schulministeriums ist eindeutig: Das Gesetz gilt, es gibt keinen Ermessenspielraum. "Mir sind keine Schulen bekannt, die wirklich nur eine Note vergeben wollen", sagte Ministeriumssprecher Andrej Priboschek SPIEGEL ONLINE. Für jeden Schüler solle es eine individuelle Note geben, die die Lehrer jederzeit begründen können. "Die Eltern werden früher oder später danach fragen", sagt er. Pauschalnoten seien nicht in Ordnung.

"Das Zeugnis bleibt ein Leben lang"

Dagegen glaubt Dieter van Eickels, Leiter des Gymnasiums Goch im Regierungsbezirk Düsseldorf, die Benehmensnote "Gut" verdienten an seiner Schule fast alle: "Das trifft auf etwa 90 Prozent zu." Schon in den letzten Jahren habe es dort "Bemerkungen" im Zeugnis gegeben. Die Lehrer schrieben Sätze wie "hat eine vorbildliche Arbeitshaltung" oder auch "Stört sich und seine Mitschüler durch ständiges Reinreden".

Burn, Zeugnis, burn: So verschwinden Kopfnoten garantiert
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Das neue System findet van Eickels aufwändig. "Wir haben jetzt Formulare eingeführt, auf denen Lehrer Eintragungen zu den Schülern machen. Die wandern dann an den Klassenlehrer. Dieser macht einen Notenvorschlag, der dann wieder zu den Fachlehrern wandert, zum Absegnen." Außerdem gebe es noch eine Klassenkonferenz, bei der ein letztes Mal über die Note diskutiert werde. Das sei auch deshalb nicht leicht, weil sich einige Themen überschneiden - zum Beispiel die Punkte Leistungsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit. "Vielleicht würden es auch zwei Noten tun: eine für das Arbeits- und eine für das Sozialverhalten", sagt der Schulleiter.

Auch Peter Silbernagel, Philologenverbands-Chef, ist für eine Beschränkung auf diese beiden Noten. Die Kopfnoten hält er in ihrer jetzigen Form für ein "Bürokratiemonster". Generell habe er aber nichts gegen sie, sagte er der "Rheinischen Post".

Einige Schulleiter sehen das anders. So hat Hans-Willi Winden von der Maria-Montessori-Gesamtschule in Krefeld nicht nur ein Bürokratie-, sondern auch ein "pädagogisches Problem" mit den Benimm-Bewertungen: "Ich weiß nicht, welchen Nutzen das für die Kinder bringen soll", sagt er. Vielen entstehe eher ein Schaden - besonders, wenn die Noten im Abschlusszeugnis stünden. "Die Jugendlichen ändern sich. Ihr Zeugnis aber bleibt ein Leben lang", so Winden.

Aufbegehren, aber kein offener Boykott

Seine Befürchtung: Die neue Regelung gebe es nur, weil die Wirtschaft dies begrüße - Firmen könnten Bewerbungen leichter durchforsten und Bewerber aufgrund ihrer Kopfnoten auswählen, vulgo: aussortieren. Diesem Wunsch zu entsprechen, findet Winden nicht richtig. Auch verstießen die Verhaltensnoten gegen das christliche Menschenbild. Dies gehe davon aus, dass jeder ein Individuum sei. "Standardisierte Verhaltensnoten halte ich für falsch."

Boykottieren wird Winden die Kopfnoten trotzdem nicht. "Wir leben ja in einer Demokratie, Beschlüsse müssen umgesetzt werden." Aus Protest allen Schülern eine Zwei geben will er auch nicht, das wäre ungerecht. Doch seine Schule drückt sich in diesem Halbjahr noch um die ungeliebten Noten - "weil das so kurzfristig nicht mehr machbar war". Und die Kirchen befänden sich in Verhandlungen mit dem Land. Man werde sehen, was dabei heraus komme, sagt Winden.

Eine Kölner Gesamtschule hatte ebenfalls vor, die Kopfnoten zunächst nicht zu verteilen. Auch sie gab an, das sei auf die Schnelle einfach nicht mehr möglich. Denn an der Schule lernen 1800 Kinder aus vielen sozialen Schichten. Und die Zeugnisvergabe ist ja schon kommenden Freitag. Doch nach einem Gespräch mit der Kölner Bezirksregierung lenkte die Schulleitung ein, auch dort soll es nächste Woche Kopfnoten geben.

Im Zeugnis stehen die Verhaltenszensuren übrigens inzwischen wesentlich weiter unten, manchmal sogar auf der zweite Seite. Doch Kopfnoten heißen sie immer noch, weil der Begriff sich eben so eingebürgert hat.

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