Berliner Problemkiez: Schule umgarnt Eltern mit Deutsch-Garantie

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Nur Kinder, die gut Deutsch sprechen, Ausländerquote, beste Ausstattung - mit diesen Versprechen will eine Grundschule im Problembezirk Wedding Eltern ködern. Bürgermeister Wowereit lobt den Plan - aber führt die Einrichtung solcher Sonderklassen direkt in den Bildungsseparatismus?

Berliner Versuch: Die Schule mit der "Deutsch-Garantie" Fotos
dpa

Karin Müller ist zuversichtlich. Das ist nicht selbstverständlich, denn bis vor einigen Monaten war die Leiterin der Gustav-Falke-Grundschule im Berliner Stadtteil Wedding eher verzweifelt als optimistisch gestimmt: Eltern hatten Initiativen gegründet - aus Angst, ihre Kinder müssten auf diese Schule gehen.

Die Gustav-Falke-Schule liegt in Wedding, unweit der Bernauer Straße, die so etwas wie eine demografische Scheidelinie ist: im Südosten Altmitte, ein Stadtteil geprägt von sanierten Altbauten, hübschen Cafés, bewohnt vor allem von deutschen Mittelschichtlern. Im Nordosten Wedding, wenig hip, hoher Migrantenanteil, über die Hälfte der Bewohner lebt von Transferleistungen. An der Gustav-Franke-Schule sind 90 Prozent der Schüler Kinder von Einwandererfamilien. Ihr Anteil kletterte in den letzten Jahren kontinuierlich.

Als die Bildungsbehörde ins Auge fasste, den Einzugsbereich ihrer Schule um Altmitte zu erweitern, seien viele Eltern aus dem hippen Südosten auf die Barrikaden gegangen, sagte Karin Müller SPIEGEL ONLINE. Denn in Berlin gilt das Wohnortprinzip, den Sprößlingen der bildungsbewussten Eltern hätte die Schule zugewiesen werden können.

Die Hälfte der Schüler soll deutscher Herkunft sein

"'Ich gebe meine Kinder doch nicht an so eine Problemschule', haben sie gesagt", erinnert sich Müller. Gemeinsam mit ihren Lehrern und anderen Schulen fasste sie einen Plan: eine Schule anzubieten, die für bildungsbewusste deutsche Eltern attraktiv ist und ein für allemal den Ruf einer Problemschule los wird. Also lud sie Eltern zu insgesamt drei Info-Abenden; jedes Mal seien mehr gekommen, sagt Müller. Die Schulleiterin fragte nach, sie wollte wissen, was sie denn bieten müsse, damit die Schule als attraktiver Lernort statt als Problemherd wahrgenommen wird.

Herausgekommen ist ein bis dato einzigartiges Modellprojekt: Ab dem Schuljahr 2010/2011 soll eine besondere Klasse starten. Wenn alles glatt geht, sitzen darin ausschließlich Schüler mit guten Deutschkenntnissen, maximal 24 statt der üblichen 28 Kinder. Und vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern soll diese Klasse eine "Top-Ausstattung" zur Verfügung haben, elektronische Tafeln inklusive. Zudem soll es bereits ab Klasse eins Englischunterricht geben.

Die "Deutsch-Garantie", wie Karin Müller es nennt, soll durch einen Sprachtest hergestellt werden: Wer in die Klasse will, muss ihn machen und zu mindestens 80 Prozent richtig liegen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Zusammensetzung der Klasse soll durch eine Quote geregelt werden - die Hälfte der Schüler soll deutscher Herkunft sein.

Ausgrenzung schon zum Schulbeginn?

Berlins Oberbürgemeister Klaus Wowereit (SPD) ließ mitteilen, er begrüße die "zukunftsweisende Initiative". Grüne, FDP und CDU halten sie ebenfalls für nachahmenswert. Der Landeselternausschuss empfiehlt das Konzept auch anderen Brennpunktschulen, damit sich die Schülerschaft sozial durchmische. Die Lehrergewerkschaft GEW schloss sich an: "Wenn es auf diesem Weg gelingt, Kinder mit besseren Deutschkenntnissen verstärkt auf die Schule zu bringen, dann ist das langfristig betrachtet ein sehr erfolgversprechender Weg", so Berlins GEW-Sprecher. Die Ausstattung bezuschussen will das Wohnungsunternehmen Degewo, das rund 5000 Wohnungen in Wedding besitzt und bei dem man um die Schule als mitentscheidenden Standortfaktor weiß.

Kritik kam vom Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowksy (SPD). Er sieht die Gefahr, dass bereits unter Grundschulkindern eine Auslese stattfinden könnte, wie er der "Berliner Morgenpost" sagte. Begünstigt eine Sonderklasse mit Auslese und besseren Lernbedingungen frühen Bildungsseparatismus? Schulleiterin Müller wiegelt ab: Die anderen Schüler könnten die verbesserte Ausstattung ebenso nutzen, außerdem habe sie die Unterstützung der Eltern, "die begrüßen das Konzept".

"Es soll keine Elite-Klasse werden", betont Müller. Trotzdem könnte es Gegenwind aus der Berliner Schulaufsicht kommen. Deren Chef Erhard Laube nennt es zwar wünschenswert, dass Projekte solcher Art die Heterogenität in Schulklassen steigern könnten. Die Zugangskriterien müssen jedoch "rechtlich geprüft werden", sagte er SPIEGEL ONLINE.

"Ein Inselprojekt, das Verlierer produziert"

Vor allem die Festlegung der Zusammensetzung einer Klasse nach Herkunft der Schüler widerspricht dem Schulgesetz. Denn Berlin hat Ausländerquoten an Schulen schon vor vielen Jahren abgeschafft - sie waren schlicht nicht mehr machbar in manchen Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil.

Sprachtest und Quotenregelung seien mit der Schulaufsicht abgesprochen, versichert Schulleiterin Müller. Sie hält eine Quote in Klassen für "generell sinnvoll". Das sei illusorisch und nicht durchsetzbar, kontert Laube: "Sie werden Eltern in Zehlendorf nicht dazu bewegen können, ihre Kinder nach Neukölln zu karren."

Der Berliner Soziologe Hartmut Häussermann empfahl kürzlich in einem Aufsatz zur "Segregation in deutschen Schulen", die soziale Mischung von Schulklassen per staatlicher Regulierung zu verändern. Die Grundidee der Franke-Schule sei ja richtig, sagte er SPIEGEL ONLINE. Und hält dennoch wenig davon: "Das ist ein Inselprojekt, das Verlierer produziert", so Häussermann. "Durch den Sprachtest werden doch die ausgeschlossen, die eine Förderung am nötigsten hätten. Wir wissen, dass Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, von Mitschülern mit besseren Kenntnissen profitieren können."

Im November wird Karin Müller sehen, ob ihre Modellklasse als Magnet für die Mittelschichtler funktioniert. Dann läuft die Anmeldung für Erstklässler. Am Donnerstag veranstaltete die Gustav-Falke-Schule einen Tag der offenen Tür, neugierige Eltern kamen, auch aus Altmitte. Müller ist zuversichtlich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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1. Normal
Hovac 16.10.2009
Das spart vielen Eltern Zeit, nach eben diesen Kriterien wählen sie ja eh die Schule, nur das sie es schwerer haben das an einer Schule zu identifizieren.
2. Garantie
Peter Sonntag 16.10.2009
So weit sind wir also schon, dass in Deutschland eine Deutsch-Garantie gegeben werden muss. Vielleicht merken wir langsam mal etwas ?
3. ....
LouisWu 16.10.2009
Zitat von sysopNur Kinder, die gut Deutsch sprechen, Ausländerquote, beste Ausstattung - mit diesen Versprechen will eine Grundschule im Problembezirk Wedding Eltern ködern. Bürgermeister Wowereit lobt den Plan - aber führt die Einrichtung solcher Sonderklassen direkt den Bildungsseparatismus? http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,655391,00.html
Wenn es um die eigenen Kinder des Bürgertums geht, relativiert sich deren evtl. vorhandene Gutmenschlichkeit in Bezug auf Migranten sehr schnell. Auf welche Schulen schicken eigentlich die ausgewiesenen Multi-Kulti Freunde unter den Politikern ihre Kinder? "Bildungsseparatismus" ist m.E. OK. Er bietet die Möglichkeit, die Hilfen für "Problemschüler" zu konzentrieren und es wird verhindert, dass diese die Anderen in der Lernentwicklung stören.
4. Inländerquote
burggen 16.10.2009
Zitat von sysopNur Kinder, die gut Deutsch sprechen, Ausländerquote, beste Ausstattung - mit diesen Versprechen will eine Grundschule im Problembezirk Wedding Eltern ködern. Bürgermeister Wowereit lobt den Plan - aber führt die Einrichtung solcher Sonderklassen direkt den Bildungsseparatismus? http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,655391,00.html
Wieso? Dann soll es eben auch Schulen geben, die damit werben, auf Deutsch kaum Wert zu legen, 95% Ausländeranteil in den Klassen vorzusehen, von der Ausstattung abzusehen -- klingt das besser? Natürlich haben wir längst diesen Bildungsseparatismus, weil wir alle aus PC heraus den Zuzug von Menschen mit Migrationshintergrund begrüßen, aber unsere Kinder natürlich nicht in eine ausländergeprägte Klasse geben wollen. Die Lösung? Auf den Misthaufen mit der political correctness und die Dinge beim Namen nennen. siehe Sarrazin
5. Bedenkenträger
lupusB 16.10.2009
man kann diese berufsmäßigen Bedenkenträger a la Häußermann oder Laube nicht mehr hören. Ja, es ist ein "Inselprojekt", aber nein, es "produziert" keine Verlierer. Die Verlierer werden bisher zu tausenden "produziert" und jetzt sollen einige dieser Kinder eine Chance bekommen. Könnte doch sein dass die Weddinger Kinder und Eltern nun einen Ansporn haben deutsch zu lernen um in eine gute Klasse zu kommen. Die Angst vor "Elitenbildung" ist doch ini diesem Fall wirklich grotesk.
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Schulreform in Berlin
Rot-rotes Mammutprojekt
DPA
Die Berliner Schulreform ähnelt den schwarz-grünen Plänen in Hamburg und ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: auf der einen Seite die SPD, die das Gymnasium erhalten und ein Probejahr einführen will. Auf der anderen Seite die Linke, die eine Gemeinschaftsschule für alle favorisiert. Die Reform soll zum Schuljahr 2010/2011 umgesetzt werden.
Grundschule
In Berlin gehen die Schüler bereits bis zur sechsten Klasse in die Grundschule. Dies soll beibehalten werden - ebenso wie die Ausnahme für rund 30 grundständige Gymnasien: Sie beginnen bereits ab Klasse fünf.
Sekundarschule
Durch die Reform wird das vielgliedrige System zu einem zweigliedrigen: Die Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen werden zu integrativen Sekundarschulen zusammengefasst. In den Sekundarschulen ist auch das Abitur nach Klasse 13, in manchen Fällen auch nach Klasse 12 möglich. Alle Sekundarschulen sollen Ganztagesschulen werden, die Klassen sollen nicht mehr als 25 Schüler haben.
Gymnasium
An Gymnasien wird wie bisher das Abitur nach Klasse 12 absolviert. In jedem Bezirk soll ein Gymnasium als Ganztagesschule laufen. Das erste Schuljahr am Gymnasien in Klasse 7 wird ein Probejahr sein: Sollte sich herausstellen, dass ein Schüler nicht mithalten kann, muss er auf die Sekundarschule wechseln.
Elternwille
Der Elternwille soll weiterhin maßgeblich sein. Zwar wird am Ende der Grundschulzeit ein Beratungssgespräch zwischen Schule und Eltern Pflicht sein, die Empfehlung der Schule muss jedoch nicht befolgt werden. Eltern sollen künftig nicht nur die Schulform, sondern auch die Schule selbst wählen können.
Quotenregelung
Sollten an weiterführenden Schulen mehr Anmeldungen als Plätze sein, sollen die Plätze nach einer Quote vergeben werden: Nach dem aktuellen Plan dürfen die Schulen mindestens 60 Prozent der Plätze nach eigenen Kriterien selbst vergeben, bis zu zehn Prozent bleiben für Härtefälle wie Behinderung oder eine familiär oder sozial besondere Lage. Mindestens 30 Prozent sollen verlost werden. Wie allerdings mit denjenigen verfahren wird, die kein Losglück hatten, ist noch unklar.

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