Berufsbildungsbericht: Konjunkturtief belastet Lehrstellenmarkt

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Azubi in Berlin: Konjunkturelle Abhängigkeit des hiesigen Systems

Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sank 2012 stärker als die Zahl der Bewerber, zeigt der aktuelle Berufsbildungsbericht. Erneut wurden Zehntausende in umstrittenen Warteschleifen geparkt, zugleich blieben mehr Stellen denn je unbesetzt.

Berlin - Auf dem deutschen Ausbildungsmarkt ist der positive Trend der Vorjahre ins Stocken geraten. 551.300 Ausbildungsverträge wurden 2012 neu abgeschlossen und damit 3,2 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Das geht aus dem aktuellen Berufsbildungsbericht hervor, den das Bundeskabinett am Mittwoch beschloss.

Einen ähnlich niedrigen Wert bei den Neuverträgen gab es seit der deutschen Einheit nur einmal, und zwar im Jahr 2005. Das könne daran liegen, dass sich die Konjunktur im zweiten Halbjahr 2012 abgeschwächt habe, heißt es in dem Bericht. Außerdem seien Ausbildungsplätze gezielt abgebaut worden, weil die Zahl der Bewerber demografisch bedingt zurückgehe. Die Bundesregierung warnte die Wirtschaft vor einer drohenden Fachkräftelücke.

Die duale Berufsausbildung steht derzeit wegen der relativ niedrigen Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland unter großer internationaler Beobachtung. Andere europäische Staaten, wie etwa Spanien, erwägen, das System mit seinem Zusammenspiel betrieblicher Ausbildung und staatlicher Berufsschule zumindest in Teilen zu kopieren. Im Februar fand auch US-Präsident Barack Obama lobende Worte für die duale Berufsausbildung.

Gleichwohl wird in der offiziellen Regierungsbilanz die konjunkturelle Abhängigkeit des hiesigen Systems deutlich. Das Lehrstellenangebot von Unternehmen und Verwaltung sank bundesweit um 14.500 Plätze auf 584.500 (minus 2,4 Prozent). Auch die Zahl der Bewerber ging weiter zurück, und zwar ebenfalls um 2,4 Prozent auf 567.000.

270.000 Jugendliche hängen im "Übergangssystem"

Das Paradox des deutschen Ausbildungssystems: Zwar konnten 33.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, was einen Rekordwert darstellt. Trotzdem fanden laut Bericht fast 16.000 Bewerber bis zum Stichtag Ende September 2012 keine Lehrstelle und damit 5,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Unbesetzt blieben vor allem Lehrstellen in der Gastronomie und in Berufen wie Metzger oder Bäcker.

Allerdings landeten auch wieder Zehntausende Jugendliche neu im sogenannten Übergangssystem, weil sie nicht ausreichend qualifiziert waren oder den Sprung in eine Ausbildung aus anderen Gründen nicht schafften. Das ist ein Bündel von Warteschleifen, schulischen Nachqualifizierungen und Weiterbildungen, die oft gar nicht oder erst nach vielen Monaten in eine Ausbildung münden und in denen die Jugendlichen auch nichts verdienen.

Die Zahl der Anfänger im Übergangsbereich ging 2012 immerhin auf knapp 270.000 leicht zurück. Die, die von der Bundesagentur für Arbeit hier untergebracht werden, konkurrieren alljährlich mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Lehrstellen. Etwa jeder zweite von ihnen hat einen Hauptschulabschluss, jeder vierte sogar einen Realschulabschluss.

Außerdem tauchen in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit fast 90.000 Jugendliche auf, die sich einst erfolglos um eine Lehrstelle beworben haben und über deren Verbleib keine Informationen vorliegen. Für sie liefen keine Vermittlungsbemühungen mehr, und es bestehe das Risiko, dass sie "quasi unbemerkt" aus dem Bildungssystem herausfielen, heißt es im Bericht. Die Ergebnisse zeigten, dass sich der Übergang in Ausbildung nach wie vor für eine hohe Zahl an jungen Menschen schwierig gestalte.

Angesichts Hunderttausender Schulabgänger im Übergangssystem trotz freier Lehrstellen hatte zuletzt der Deutsche Gewerkschaftsbund harsche Kritik am Ausbildungspakt zwischen Wirtschaft und Regierung geübt. Die Zahl der unversorgten Jugendlichen werde "kleingerechnet". Mindestens 60.000 Jugendliche im Übergangssystem seien mit der Warteposition nicht zufrieden und müssten als Unversorgte mitgezählt werden.

lov/dpa

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Konjunkturtief belastet Lehrstellenmarkt ?
wurzelbär 15.05.2013
Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sank 2012 stärker als die Zahl der Bewerber, zeigt der aktuelle Berufsbildungsbericht. Erneut wurden Zehntausende in umstrittenen Warteschleifen geparkt, zugleich blieben mehr Stellen unbesetzt denn je. Ist das verwunderlich? Das sind die Auswirkungen der "erfolgreichen" Bildungspolitik der jetzigen Regierung und Landesregierungen! Die Philosophie der Politik generell ist doch: " Wir brauchen ein unintelligentes Volk, um uns durch Wissen daran finanziell bereichern zu können, aber nicht ein zu dummes Volk, um es aus dem Arbeitsleistungsprozess zu Zwangsabgabenleistung für uns, zu verlieren. Diesen "Spagat" hat doch Frau Schavan gut gemeistert ! Nur haben sich die Zeiten geändert. So laufen der Politik IHRE finanziellen "Einnahmequellen" davon. Von Rentnern, Arbeitslose, Ausbildungslose, Hartz IV Empfänger, Kranke, dem gesamten Verwaltungsapparat - da sind keine Einnahmen zu erwarten. Deshalb auch die "Sparpolitik" zur Rettung von Politik und Regierung! Die Krise ist nur die Auswirkung für das Volk, daß das politische Versagen und Kompetenzlosigkeit schon immer "bezahlen" mußte !
2. Fachkräftemangel
malu501 15.05.2013
Tja, wir müssen uns dann wohl leider billige Arbeitskräfte aus Polen, Bulgarien und Rumänien besorgen, weil unsere Wirtschaft keine Lust hat, inländische Leute auszubilden. Wieder eine Bestätigung, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nicht funktionieren. Vielleicht sollte das mal jemand Frau Schröder zum Thema Frauenquote und Vereinbarkeit von Kind und Beruf stecken. Oder Frau Merkel, die einen Mindestlohn gern durch die Wirtschaft bestimmen lassen würde.
3. Von staatlicher Seite muß mehr getan werden!
tomrobert 15.05.2013
Mehr überbetriebliche Ausbildung, mehr Weiterbildung,notfalls offen subventionierte Ausbildungsplätze. Es wäre angebracht möglichst viele die keinen Ausbildungsplatz bekommen zur Studierfähigkeit zu bringen , ihnen halt dann mit der schulischen Bildung bzw. den Bildungsabschlüssen mehr Zeit zu lassen und das BAfög auf mehr Bereiche auszudehnen. Auch für Schüler die noch zu Hause leben. Wer heut eine Ausbildung im konventionellen Ausbildungsberuf absolviert, der muß sich nach fünf Jahren sowieso wieder dem Wandel anpassen, kann möglicherweise gar nichts mehr mit seinem erlernten Beruf anfangen. Je höher der Bildungsgrad,desto einfacher gelingt ihm der Einstieg in einen anderen Bereich . Notfalls kann er auf die Uni oder Fachhochschule. Sicherlich ist das eine andere Perspektive als Harz IV oder Warteschleife!
4. Der ´´Mittelstand´´ wartet
keinname2013 15.05.2013
Zitat von malu501Tja, wir müssen uns dann wohl leider billige Arbeitskräfte aus Polen, Bulgarien und Rumänien besorgen, weil unsere Wirtschaft keine Lust hat, inländische Leute auszubilden. Wieder eine Bestätigung, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nicht funktionieren. Vielleicht sollte das mal jemand Frau Schröder zum Thema Frauenquote und Vereinbarkeit von Kind und Beruf stecken. Oder Frau Merkel, die einen Mindestlohn gern durch die Wirtschaft bestimmen lassen würde.
Zitat: ´´zugleich blieben mehr Stellen unbesetzt denn je. mehr...´´ Warum sollte ein mittelständiger Betrieb oder ein großer Konzern noch deutsche Lehrlinge anlernen und bezahlen? Wenn Murksel und die Einheitspartei CDSPÜN bald billigere und anspruchslosere Krisenlandjugendliche einwandern lässt um das ´´Durchschnittsalter´´ zu senken (oder war es nicht doch der Durchschnittslohn? ) Egal, Hauptsache billige Schnäppchen .... Irgendwie müssen die EZB und Bankenspiele, die Boni und Subventionen und der Emissionshandelsgewinn ja bezahlt werden. Rendite auf Kosten der Bürger, egal wieviele es kostet.
5. Zur Uni schicken!
ridgleylisp 15.05.2013
Erfolglos oderzu leistungsdefizitär für Lehrberufe? Wo ist das Problem? Einfach in die Uni schicken. Für Sozialwissenschaften reicht's immer.
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Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).

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