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Berufsverbot passé: Antifa-Aktivist wird doch noch Lehrer

Von Jochen Schönmann

Weil er in der Heidelberger Antifa-Initiative mitmachte, sollte er auf keinen Fall Lehrer werden. Jetzt dreht das Land Baden-Württemberg überraschend bei: Michael Csaszkóczy, 37, erhält nach einem absurden Rechtsstreit eine Stelle - und schon Montag beginnt das neue Schuljahr.

Das war knapp. Vor genau zwei Jahren versammelten sich die alten und neuen Lehrer einer Schule im hessischen Heppenheim, mitten unter ihnen: Michael Csaszkóczy. Die Bücher fürs Schuljahr hatte er sich schon geholt, in zehn Minuten sollte seine erste Lehrerkonferenz beginnen, da klingelte das Telefon des Rektors: Das Schulamt bestand darauf, dass der Vertrag des neuen Kollegen auf keinen Fall unterschrieben werden dürfe - wegen schwerer Zweifel an seiner Verfassungstreue. Und raus war er; das Land Hessen schickte Csaszkóczy in die ganz großen Ferien.

Verhinderter Lehrer Csaszkóczy: Rechtsstreit wie einst in den Siebzigern
DPA

Verhinderter Lehrer Csaszkóczy: Rechtsstreit wie einst in den Siebzigern

Genau das war dem Heidelberger zuvor schon in Baden-Württemberg passiert, wo er Ausbildung und Referendariat absolviert hatte - mit guten Noten. Nun geht für Michael Csaszkóczy eine Odyssee zu Ende: Am Dienstagabend hat das Kultusministerium Baden-Württemberg auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigt, dass der Referendar, der sich bei der antifaschistischen Initiative Heidelberg engagiert, nun doch seinen Schuldienst antreten darf. Und zwar zügig, an der Realschule in Eberbach am Neckar. "Die entsprechenden Unterlagen werden gerade verschickt", sagte Hansjörg Blessing, Sprecher des Ministeriums.

Csaszkóczy selbst hatte die überraschende Nachricht kurz zuvor von seinem Anwalt per SMS bekommen - er wanderte gerade in Kroatien in den Bergen. "Damit habe ich wirklich nicht mehr gerechnet. Schon gar nicht so kurz vor dem Schulbeginn", sagte er SPIEGEL ONLINE. Inzwischen sitzt er im Zug nach Deutschland. Triumph-Stimmung will bei ihm nicht recht aufkommen: "Ausgemergelt" fühle er sich, sagt Csaszkóczy, "es ist bitter, dass ich diesen Sieg so hart und so lange erkämpfen musste".

Jahrelang hatte sich das Regierungspräsidium Karlsruhe unter Zuhilfenahme verwegener Argumente gegen die Einstellung des Antifa-Aktivisten gewehrt und damit bundesweit Empörung ausgelöst. Angeblich bestanden Zweifel an der Verfassungstreue Csaszkóczys.

Begründet wurde dies damit, dass Csaszkóczy - erst Lehramtstudent und dann Referendar, meist in Lederjacke und zerschlissenen Hosen gekleidet und zigfach gepierct - eine "führende Rolle" bei der örtlichen Antifa übernommen habe. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe hatte das Berufsverbot 2004 zunächst bestätigt. Weitere Prozesse folgten. Tatsächlich hatte sogar der Verfassungsschutz über Csaszkóczy jahrelang penibel Buch geführt.

Der friedliebende "Staatsfeind Nummer eins"

Wie sinnvoll es ist, einen kleinen, versprengten Haufen linker Weltverbesserer zu beobachten, die sich gegen rechte Gesinnung engagiert, weiß wohl nur der Verfassungsschutz selbst. Die Hauptarbeit der Heidelberger Antifa-Gruppe besteht darin, Studenten und Schülern die historischen Orte von Nazi-Greueltaten nahe zu bringen.

Für Csaszkóczy war die Überwachung aber womöglich Glück im Unglück. Die Staatsschützer bauten ihn zu einer Zentralfigur der Linken auf, beschrieben ihn wie den Staatsfeind Nummer eins. Doch die einzigen mickrigen Vergehen, die man ihm überhaupt anlasten konnte, waren die Organisation einer Demo, bei der die angemeldete Wegstrecke nicht eingehalten wurde, und eine Protestaktion vor einem Asylbewerberheim, bei dem Csaszkóczy vorübergehend – und zu Unrecht, wie sich im Nachinein herausstellte – in Gewahrsam genommen wurde: für einen Staatsfeind sozusagen ein etwas schwacher Lebenslauf.

Selbst das Regierungspräsidium bescheinigte dem Referendar "Zivilcourage und einen friedliebenden Charakter". Dennoch blieben die Bildungsbürokraten stur und beriefen sich auf ihren eigenen Ermessensspielraum in der Sache. "Für den Schuldienst nicht geignet", lautete ihr Verdikt.

Die teils bizarren Vorwürfe der Behörden im Fall Csaszkóczy schienen die Uhr um 30 Jahre zurückzudrehen: in die Zeit des Radikalenerlasses und der politisch motivierten Berufsverbote.

Ausgangspunkt für den überraschenden Sinneswandel war laut Blessing das Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg. Das hatte dem Karlsruher Regierungspräsidium im März dieses Jahres ein paar schallende Ohrfeigen verpasst. Die Urteilsbegründung liest sich wie eine Lehrstunde in Sachen Demokratie: "Die angeführten Vorfälle ergeben nicht das dem Kläger unterstellte aktive Eintreten gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und sind nicht geeignet, Zweifel an seiner Verfassungstreue zu begründen", heißt es dort.

"Ein Signal, zu seinen Überzeugungen zu stehen"

Und weiter: "Dass die bloße Teilnahme an Veranstaltungen und Demonstrationen, die ersichtlich ebenso vom Grundgesetz gedeckt ist wie die freie Meinungsäußerung, überhaupt erwähnt wird, vermag der Senat kaum nachzuvollziehen." Ein heftiger Rüffel. Die Richter warfen dem Regierungspräsidium zudem Schlampigkeit vor. So habe es das einwandfreie persönliche Verhalten des Referendars während der Ausbildungszeit gar nicht berücksichtigt, ebensowenig wie sein privates Engagement. Caszkóczy war für seine Kultur- und Jugendarbeit in Heidelberg sogar für die Bürgermedaille vorgeschlagen worden.

Zu einer ähnlich bemerkenswerten, fast noch klareren Entscheidung kam Anfang August auch das Verwaltungsgericht Darmstadt im Falle der gescheiterten Einstellung in Hessen. Der Kernsatz: Die Behörde sei "insofern von einem unvollständig ermittelten Sachverhalt ausgegangen, als sie die Persönlichkeit des Klägers und die konkreten, individuellen Umstände dieses Einzelfalls nicht vollständig und mithin unzureichend gewürdigt hat". Das Gericht wog die Argumente beider Seiten ausführlich ab - am Ende waren die Gründe der Behörden zerlegt.

Gewonnen in Hessen, gewonnen in Baden-Württemberg: Nun darf Csaszkóczy also unterrichten. Das Kultusministerium weist sogar ausdrücklich darauf hin, dass der Realschullehrer sein Einstellungsangebot für Eberbach nahe Heidelberg bekommt: "Wir haben damit seinem Wunschort entsprochen." Zwar wird er zunächst nur angestellt. Das sei aber ein normaler Vorgang bei Kandidaten, die nicht im regulären Verfahren eine Lehrerstelle bekommen, versichert Blessing. Und verspricht: "Herr Csaszkóczy hat die sichere Perspektive der Verbeamtung."

Alles wird gut - Csaszkóczy selbst wirkt glücklich und nachdenklich zugleich. Zu viel Kraft haben ihn die letzten Jahre gekostet, in denen er sich ohne konkrete berufliche Perspektive durchhangeln und "meinen Lebensentwurf ändern musste". Dennoch sagt er: "Das ist ein Signal an alle, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen."

Seine neue Rektorin Regine Sattler-Streitberg freut sich, ihn wiederzusehen - sie hat ihn nämlich vor Jahren als Fachleiterin Deutsch einer Heidelberger Schule ausgebildet. "Es gibt fachlich überhaupt keinen Grund, an seinem Können zu zweifeln. Ich schätze ihn sehr als Mensch und freue mich, dass er nun eine Chance bekommt", sagte sie. "Ich weiß auch erst seit gestern, dass Herr Csaszkóczy zu uns kommen wird. Jetzt hoffe ich wirklich, dass er, nach dem Jahre dauernden Gezerre, einen ganz ruhigen und normalen Anfang als Lehrer haben wird."

Csaszkóczy wird nach Erledigung aller Formalien, zum Beispiel der obligatorischen amtsärztlichen Untersuchung, seine Fächer Deutsch, Geschichte und Bildende Kunst unterrichten - schon am Montag beginnt das neue Schuljahr in Baden-Württemberg.

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