Bildung im zerstörten Haiti: Singen und Tanzen für ein bisschen Schule

Aus Thomazeau berichtet Thomas Wagner

Lehrer sind unterbezahlt, Schulen kaputt und Tausende Kinder Analphabeten: Zwei Jahre nach dem schweren Erdbeben ist das Bildungswesen in Haiti noch immer in desolatem Zustand. Der neue Präsident wollte es reformieren - doch im Land ist davon kaum etwas zu spüren.

Wie ein Besessener feuert der Lehrer seine Schüler an. Die springen auf sein Kommando von den Bänken, setzen sich wieder, und singen dabei die ganze Zeit. Es ist ein wichtiger Tag für den Lehrer Jean-Marc Valbrun, 49, und seine 4- bis 17-jährigen Schützlinge von der St. Michel Schule in Thomazeau. Sie warten auf Besuch aus der zwei Stunden entfernten Hauptstadt Port-au-Prince. Eine Gruppe von Exil-Haitianern ist aus den USA eingeflogen. Sie wollen den Kindern Geschenke überreichen. Zweimal im Jahr kommen sie nach Thomazeau, einem Dorf im staubigen Osten von Haiti, wo sonst nie jemand vorbeikommt. Da muss jeder Takt sitzen, sagt Valbrun, der neben dem Chor unter anderem die Landessprache Kreolisch, Französisch und Geografie unterrichtet.

Gegen 11.30 Uhr fahren drei Autos vor der halb fertigen Schule vor. Aus einem steigen mehrere junge Frauen aus. Die Kinder von Thomazeau sind begeistert, ebenso Valbrun. Eine stellt sich als Christine Simmons vor. Sie sei Vizechefin bei der millionenschweren Firmengruppe des früheren US-Basketballspielers Magic Johnson, sagt sie. Heute aber sei sie glücklich, den Kindern von Haiti helfen zu können. Valbrun weiß nicht, wer Magic Johnson ist, er lässt seine Kinder trotzdem singen, noch mal und noch mal.

Lehrer verdienen etwa 110 Euro im Monat

Ein Pastor habe das Geld zum Bau ihrer Schule gegeben, sagt Valbrun später. Nach seinem Tod sei die Konstruktion steckengeblieben. Vom Hof des U-förmigen Gebäudes schaut man durch die aus hohlen Ziegelsteinen errichteten Außenwände direkt in die Klassenzimmer. Die meisten von ihnen stehen leer. Wie jeden Sonntag haben die Lehrer die Bänke in die Kirche nebenan geschafft. Die Kirchgänger und die Schüler teilen sich die Sitze. "Die Leute hier sind arm. Sie überleben dank der Landwirtschaft und vom Fischen", sagt Valbrun.

Die Lehrer machen da keine Ausnahme. "Ich verdiene 6000 Gourdes pro Monat, etwa 150 US-Dollar. Um meine Familie zu ernähren, bräuchte ich aber mindestens 400 US-Dollar", sagt Englischlehrer Laventure Louica. In seiner Freizeit züchtet Louica Hühner und Schafe. "Wenn ich Geld brauche, und die Schule zahlt nicht, verkaufe ich eines meiner Tiere."

Der Präsident müsse das Bildungssystem reformieren, fordert Louica. Die Haitianer wollten nicht Lehrer werden, weil sie wüssten, dass sie kein Geld verdienten. Und die, die es dann trotzdem würden, seien schlecht ausgebildet.

Neuer Präsident will Bildungswesen grundsanieren

Im März 2011 wählten die Haitianer ihren neuen Präsidenten: Michel Martelly hat sich als Schlagersänger einen Namen gemacht, nicht als Politiker. Dem 50-Jährigen steht eine Sisyphusarbeit bevor: Haiti ist zwei Jahre nach dem vernichtenden Erdbeben und einer Cholera-Epidemie noch immer zerstört. Keiner weiß so recht, wie Sweet Micky, wie ihn seine Anhänger nennen, das bereits vor den Naturkatastrophen ärmste und korrupteste Land der westlichen Hemisphäre grundsanieren will, ohne funktionierende Ministerien und Behörden.

Immerhin hat Martelly erkannt, dass eine halb fertige Schule wie die in Thomazeau viel mit der Misere seiner Heimat zu tun hat. Er wolle allen Kindern eine kostenlose Schulbildung garantieren, versprach er bei seiner Wahl.

Ein Schritt in die richtige Richtung. Denn einer der wichtigsten Gründe für die erdrückende Armut in dem Karibikland ist das desolate Schulwesen. 90 Prozent seien Privatschulen, sagt US-Bildungsexpertin Valerie Noisette vom Kinderhilfswerk World Vision. Die Eltern müssten monatliche Gebühren von umgerechnet 12 bis 900 US-Dollar zahlen, für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich.

Die öffentlichen Schulen sind überfüllt. "Ich habe Klassen besucht, da saßen 80 Schüler. Wie soll man so lernen? Das ist absurd", sagt Noisette. Theoretisch sind die staatlichen Schulen gratis, in der Praxis verlangen aber auch sie - wenn auch wesentlich niedrigere - Gebühren für Schulspeisung, Uniform und Material. Viele Eltern können sich auch das nicht leisten. Sie lassen ihre Kinder lieber zu Hause oder schicken sie arbeiten. Bei einer Befragung in 17 Flüchtlingscamps stellte Noisette fest: Sechs von zehn Kindern waren nicht eingeschult, die meisten schon vor dem Beben nicht.

Trotz Spenden kommt Wiederaufbau langsam voran

Das Erdbeben hat etwa 4000 Schulen zerstört oder beschädigt. Der Wiederaufbau komme nur langsam voran - trotz der Spenden aus aller Welt, sagt Noisette. Die Hilfsorganisationen müssten jede einzelne Schule mit dem Bildungsministerium absprechen. Es dauere Wochen, bis die Behörde antworte.

Die 14-jährige Jasmine Antoine hatte Glück: Ihre Familie bekam nach dem Erdbeben von internationalen Hilfswerken ein Häuschen in einem Vorort der Hauptstadt gespendet. Etwa 15.000 Überlebende leben heute in Corail, einer auf einem Feld aus dem Boden gestampften Siedlung. Sie haben weder fließend Wasser noch Strom, häufig auch keine Arbeit, aber zumindest wieder ein stabiles Dach über dem Kopf. 800 Kinder, unter ihnen Antoine, gehen in eine von World Vision neu errichtete Schule. Die 15 Lehrer arbeiten in zwei Schichten, so groß ist der Andrang.

Antoine lebte zwei Jahre lang bei ihrer Tante auf dem Land, und half dort im Haushalt. Ihre Mutter hatte sie fortgeschickt, weil sie in Port-au-Prince eine Arbeit suchte. "Ich war nicht glücklich über die Entscheidung meiner Mutter, aber ich hatte keine Wahl", sagt Antoine. Die Finanzierung der Schule ist durch Spenden noch bis Ende des Schuljahres gesichert. Dann müsste die Regierung die Ausgaben übernehmen. Noch ist unklar, ob sie das tun wird. Es liegen auch keine verlässlichen Daten darüber vor, wie vielen Kindern sie den Schulbesuch bezahlt.

Für die Kinder der St. Michel Schule in Thomazeau ist der Schulbesuch vorerst gesichert. Sie haben sich in der Kirche vor dem Altar aufgereiht. Brav nimmt jeder von ihnen ein Geschenk in Empfang. Fußbälle und Plastikautos für die Jungen, Puppen für die Mädchen. Als einige der älteren Jungen merken, dass die Bälle ausgehen, versuchen sie, an der Schlange vorbei einen zu ergattern, und es wird unruhig, einige Kinder weinen. Der Schulleiter zieht seinen Gürtel aus der Hose und schlägt auf die Störenfriede ein. Die fliehen Richtung Eingang, doch die Tür ist verschlossen. Etliche Schüler fallen zu Boden, der Schulleiter haut unverdrossen auf sie ein.

Falls die Exil-Haitianer überrascht sind, lassen sie sich nichts anmerken. Keiner greift ein. "Der Direktor ist traurig. Seine Frau ist im Juli bei der Geburt ihres fünften Kindes gestorben", sagt eine. "Hätte der Ort ein Krankenhaus, hätte sie vermutlich gerettet werden können."

Nach einigen Minuten ist das Durcheinander vorbei. Die Kinder stehen auf und klopfen sich die Hosen ab. "In einigen Schulen werden die Schüler geschlagen, in anderen nicht", sagt der Englischlehrer Louica. "Ich lasse einen Schüler, wenn er nicht hört, höchstens mal auf einem Bein stehen."

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1. Voodooglauben bremst
sukowsky 16.02.2012
Zitat von sysopLehrer sind unterbezahlt, Schulen kaputt und Tausende Kinder Analphabeten: Zwei Jahre nach dem schweren Erdbeben ist das Bildungswesen in Haiti noch immer in desolatem Zustand. Der neue Präsident wollte es reformieren - doch im Land ist davon kaum etwas zu spüren. Bildung im zerstörten Haiti: Singen und Tanzen für ein bisschen Schule - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,812197,00.html)
Das ein Präsident ein Land reformieren will hat man hier schon so oft gehört! Zuerst muss der Voodoo - Glauben verschwinden, dann geht es aufwärts. Mir scheint die obere Clique Haitis findet gefallen darin sich an den Grundproblemen nur mit Worten zu begeistern.
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Unicef-Report: Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren

Fläche: 27.065 km²

Bevölkerung: 10,388 Mio.

Hauptstadt: Port-au-Prince

Staatsoberhaupt:
Michel Martelly

Regierungschef: Laurent Lamothe

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