Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bildungsbericht 2014: Zu wenige Lehrlinge, zu viele Abgehängte

Von

Azubi beim Schweißen: "Wir werden Probleme im dualen System bekommen" Zur Großansicht
DPA

Azubi beim Schweißen: "Wir werden Probleme im dualen System bekommen"

Die Deutschen streben nach mehr Bildung, doch Migranten bleiben abgehängt. Der Bericht "Bildung in Deutschland" zeigt außerdem, wo es bei der Inklusion behinderter Schüler hakt - und dass Deutschland ein dramatischer Azubi-Mangel droht.

Bildungsforscher hüten sich in der Regel davor, konkrete Empfehlungen für Schulen und Hochschulen abzugeben. Spätestens seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie Anfang des Jahrtausends wissen sie, welchen Aufruhr Bildungsstudien verursachen können. Statt in politische Scharmützel zu geraten, verschanzt sich die Zunft häufig lieber hinter Zahlenkolonnen und Schaubildern.

Gemessen an der selbstverordneten Zurückhaltung fällt der heute in Berlin vorgestellte Bericht "Bildung in Deutschland 2014" (hier als pdf) ziemlich kritisch aus. Denn die zehnköpfige Autorengruppe attestiert der Bildungspolitik gleich auf mehreren zentralen Handlungsfeldern erhebliche Versäumnisse - so etwa beim Kita-Ausbau, den Ganztagsschulen und der Inklusion.

Der Bildungsbericht ist eine im zweijährlichen Rhythmus erscheinende umfassende Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems, finanziert von der Bundesregierung und den Kultusministern. Vorgestellt wurde er am Freitag in Berlin von der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

"Der Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand", sagt der Frankfurter Professor Marcus Hasselhorn, Sprecher der Autorengruppe. Zwar steige auf allen Ebenen von der Kita bis zur Hochschule die Bildungsbeteiligung. Jedoch: "Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen sind Teil dieser Dynamik." Es gebe, so Hasselhorn, "zu wenig Bewegung in der Frage von sozialer Benachteiligung und von herkunftsbedingten Unterschieden".

Forscher warnen vor Lehrlingsmangel

Außen vor bleiben demnach zu häufig Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund. Dreimal so viele junge Erwachsene aus dieser Gruppe erwerben im Vergleich mit Deutschstämmigen keinen beruflichen Bildungsabschluss, gar fünfmal so viele keinen allgemeinbildenden Abschluss. Besonders dramatisch fallen die Werte laut dem Bericht bei türkischstämmigen Frauen aus. Bei den türkischstämmigen Männern stagnieren die Werte im Vergleich zu 2005.

Fotostrecke

5  Bilder
Bildung in Deutschland: Migranten mit Sorgen, Azubis gesucht
Doch auch abseits des in vielen anderen Studien identifizierten Problems der Abgehängten sehen die Autoren Unbill auf das deutsche Bildungssystem zukommen - durch längerfristige Trends. So überstieg im Jahr 2013 erstmals die Zahl der Studienanfänger jene der Neueinsteiger ins duale System - es gab also erstmals mehr neue Studenten als neue Azubis.

Zwar werten die Forscher den Zuspruch für die Hochschulen als erfreulich. Abitur plus Studium bleibe "der Königsweg der Bildung in Deutschland", so Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut an der Universität Göttingen. Doch habe die Studienfixierung bei rückläufigen Schülerzahlen ihren Preis. "Wir werden Probleme im dualen System bekommen", prophezeit Baethge, und in der Folge womöglich einen Mangel an Fachkräften auf der mittleren Ebene der Unternehmen.

Deshalb warnen die Forscher vor einer "Konkurrenz zwischen den Sektoren" durch die "anhaltende Verschiebung der Bildungsströme von der beruflichen Bildung zur Hochschulbildung". Mögliche Folge: Während das von Deutschland international als Erfolgsmodell gepriesene duale System mangels Nachwuchs in Schieflage zu geraten drohe, sähen sich die Hochschulen zunehmend mit Studenten konfrontiert, die früher eine Lehre absolviert hätten.

Nach oben weist neben der Zahl der Erstsemester auch die Kurve der in Kitas und Kindergärten betreuten Kleinkinder. Gestützt durch 2013 eingeführten Rechtsanspruch habe in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt auf dem "quantitativen Ausbau" gelegen, heißt es im Bildungsbericht. Positive Folge: Es gibt nur wenige Klagen von Eltern, die für ihr Kind keinen Betreuungsplatz finden konnten.

Bei Ganztagsschulen "zwischen halb und ganz"

Dafür mahnt die Autorengruppe mehr Qualität in den Einrichtungen an. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern sei der Betreuungsschlüssel schlecht, eine Erzieherin muss dort also zu viele Kinder in einer Gruppe betreuen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Fortsetzung der Betreuung der älteren Kinder in der Ganztagsschule. Auch für sie fordern die Wissenschaftler ein "klares pädagogisches Konzept" und "übergreifende Standards" ein.

Deutschland müsse sich entscheiden, ob es zu einer Nation der Ganztagsschulen werden wolle oder nicht, meint der Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. "Wir befinden uns zwischen halb und ganz." Gebundene Ganztagsschulen seien in Deutschland die Ausnahme. Zwar plädieren die Autoren nicht für eine Ganztagspflicht, doch fordert Rauschenbach "mehr Verbindlichkeit für alle Beteiligten" ein.

Am meisten zu knabbern haben dürfte die Politik an den Aussagen des Bildungsberichts zur Situation von behinderten Menschen im Bildungssystem. Tenor: Bevor die Integration behinderter Schüler in die Regelschulen als politisches Großprojekt ausgerufen werde, müsse erst einmal klar sein, "wo welche Schülerinnen und Schüler inkludiert werden". Nötig sei ein koordiniertes Vorgehen zwischen Bund und Ländern und den beteiligten Akteuren untereinander.

Es gebe "ein historisch gewachsenes Bildungssystem, das dem Grundsatz optimaler Förderung von Menschen mit Behinderungen durch institutionelle Differenzierung Rechnung zu tragen sucht". Gemeint sind die vielgescholtenen Förder- und Sonderschulen, die sich durch den Bildungsbericht durchaus gestützt fühlen können.

Denn diese Schulart komplett abzuschaffen, wie es manche Inklusionsbefürworter wünschen, halten die Autoren des Bildungsberichts für falsch. Sprecher Hasselhorn schätzt, dass für etwa zwei Prozent der Schüler Sonderschulplätze vorgehalten werden müssten, weil sie nicht ins Regelschulsystem passten. Laut Bildungsbericht liegt der Anteil der Förderschüler bundesweit allerdings noch bei rund fünf Prozent.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 225 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Vielleicht...
Oh Johnny 13.06.2014
... Sollten Gesellen nach der Ausbildung auch eine existenzsichernde Perspektive haben und anständig bezahlt werden, dann wären Lehrberufe auch wieder attraktiver. Leute wären genug da. Für die Migranten ist der Schlüssel dazu die Sprache, die auch der Hauptgrund für das hier erwähnte "abgehängt werden" ist. Wobei die Flut an Bachelors, von denen viele als ewige Praktikanten enden auch ein Signal sein sollte. Wir haben mit dem Dualen System eines der besten Berufs-Ausbildungssysteme. Wer in Deutschland erfolgreich einen Beruf gelernt hat, der kann wirklich was. Außerdem brauchen wir Handwerker und keine Zauberlehrlinge - macht Ausbildungsberufe wieder attraktiver!
2. Gleichberechtigung - in manchen Schichten noch nicht angekommen?
Wassup 13.06.2014
"Besonders dramatisch fallen die Werte (keine beruflichen Bildungsabschluss) laut dem Bericht bei türkischstämmigen Frauen aus" Liegt das vielleicht daran, das die vorhandenen Bildungsangebote aufgrund gesellschaftspolitischer Grundüberzeugungen in manchen Schichten nicht genutzt werden dürfen? Konkret: dürfen Frauen keinen Beruf erlernen? Benötigen wir dort eine Aufklärung hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter? Sollte diese gesellschaftspoltitische Aufklärung in der Sprache der Zuwanderer passieren? Alles Fragen die man zum Bildungsbericht stellen sollte!
3. Kinder sind unsere Zukunft
karlbe 13.06.2014
.. denn Deutschland lebt vom know-how seiner Unternehmer und Arbeitskräfte und der Qualität seiner Produkte. Die Politik sollte mehr Geld in Förderunterricht stecken als in eine weitgehendere Überwachung seiner Bürger oder in den Ausbau eines Verwaltungsapparates, der zunehmend zum Selbstzweck wird und der - gerade in Anbetracht der Pensionsverpflichtung des deutschen Staates - unverhältnismäßig teuer ist. Das ist ohnehin etwas, das in der Politik fehlt, nämlich die Vision von einem Staat mündiger Bürger, die nicht nur zum bestmöglichen Einsatz ihrer Arbeitskraft ausgebildet werden, sondern auch zur kritischen Wahrnehmung des politischen Geschehens.
4. die arme Industrie
david-39 13.06.2014
Wie wär's, wenn man den Gesellen, Meistern und Technikern, einen Lohn zahlen würde, mit dem es sich mit einer 3-4 köpfigen Familie leben lässt? Es will niemand KFZ-Mechatroniker werden um dann nach 60 Stunden Arbeit pro Woche, € 1300 Netto nach Hause zu bringen. Die einzigen Firmen, die noch Tarif bezahlen, sind die großen wie VW und Siemens etc., solang man zur Stammbelegschaft gehört und nicht von Sklaventreibern verliehen wird, für €7 BRUTTO die Stunde. Das Hauptproblem ist, dass es einfachen Arbeitern fast unmöglich ist irgendwas zu sparen, bzw. das Geld zu "investieren". Sie werden nie "aufsteigen". Beliebte Unternehmen stellen nurnoch Abiturienten ein und wundern sich dann, wenn diese nach der Ausbildung und in Hinblick auf ihre Zukünftige Entlohnung, anfangen zu studieren. Beamte verdienen zuviel? Nein! Arbeiter und Angestellte verdienen viel zu wenig!
5. Der Schlüsselsatz:
edinger 13.06.2014
"...sähen sich die Hochschulen zunehmend mit Studenten konfrontiert, die früher ein Lehre absolviert hätten..." Und diese Leute machen alle ihren Doktor, m.a.W. Deutschlands s.g. Elite besteht in 20, 30 Jahren aus promovierten Hauptschülern- einschliesslich all derer, die sich zur Politik berufen fühlen. Als Kind der DDR bin ich aus meinem GS-Jahrgang (ca. 60 Kinder) einer von 5 Schülern, die Abitur machten. Vielleicht etwas wenig, aber als Vergleich durchaus nützlich. Jedenfalls fällt mir seit Jahren auf, dass das Gymnasium zur Volksschule verkommt. Sichtbarer Ausdruck dieser Beliebigkeit sind die zahlreichen Doctores, die abschreiben müssen, weil es zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit einfach nicht reicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Integration behinderter Kinder: Gemeinsam lernen

Fotostrecke
Schüler mit Behinderung: Weiter Weg zur Inklusion

Social Networks