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19. Februar 2012, 08:52 Uhr

Bildung schafft Integration

Ein echtes Deutschlandstipendium

Sie sind Stipendiaten der besonderen Art: Eine Stiftung in Frankfurt schickt Kinder aus Zuwandererfamilien mit ihren Eltern ins Museum und bringt ihnen bei, was es in Deutschland kostenlos zu lernen gibt - und plötzlich klappt es auch auf dem Gymnasium.

Onur, 11, will wissen, wie viele Knochen der Tyrannosaurus Rex hat, und wie viele der Langhals-Dinosaurier. Doch nicht nur Onur lernt im Frankfurter Senckenbergmuseum, auch seine Mutter bekommt gemeinsam mit anderen Eltern einen Vortrag über Schlangen zu hören. Onurs jüngere Geschwister erfahren derweil, wie sich Tierfüße unterscheiden. Nur sein Vater ist nicht dabei, beim Akademietag des Diesterweg-Stipendiums zum Thema "Natur - Wissenschaften", er muss arbeiten.

Der türkischstämmige Onur ist Stipendiat bei der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft, und die fördert nicht nur den Grundschüler beim Übergang in die weiterführende Schule sondern für zwei Jahre auch die ganze Familie. Ziel ist es, Kinder aus sozial schwachem Umfeld einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen. In Frankfurt läuft das Programm seit 2008, in Hannover startete es im Spätsommer 2011. Hamburg und Darmstadt sollen folgen.

Am Anfang stand der Hilferuf einer Frankfurter Grundschulleiterin aus einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil, sagt Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Stiftung. Die Lehrerin habe gewarnt, viele Zuwandererfamilien zögen sich aus dem öffentlichen Raum und dem Schulleben zurück und darum liefen Förderprogramme für ihre Kinder oft ins Leere.

Die Bedeutung der Familie für den Bildungserfolg in Deutschland bestätigen viele wissenschaftliche Studien. Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen erhalten, insbesondere wenn sie keine deutschen Wurzlen haben, am Ende ihrer Grundschulzeit häufiger als andere eine Empfehlung für die Haupt- oder Realschule.

Coaching für den Elternabend

Benannt ist das Programm nach dem Pädagogen und Mitbegründer der Polytechnischen Gesellschaft, Adolph Diesterweg, und es ist nicht für die Kernfamilie allein bestimmt. Bei manchen Kindern lernen Onkel, Tanten, Cousinen und sogar Nachbarn mit. So hat eine türkische Familie zwei Verwandte mitgebracht. Viele Mütter und Väter sehen zum ersten Mal überhaupt ein Museum von innen. "Die Familien müssen die Themen erleben, Impulse bekommen, darüber sprechen können. Nur Vorträge - da bleibt nichts hängen", sagt Projektleiterin Gisela von Auer. Es gebe viele gute Ansätze, die müsse man aber auch an den Mann bringen.

Sei die Brücke aber erst einmal geschlagen, gehe vieles wie von selbst, sagt Kaehlbrandt. "Von Bildungsferne ist, was die Motivation betrifft, dann nicht mehr viel zu spüren." Der Akademietag ist einer von sechs bis acht pro Stipendiaten-Jahrgang. Dazu kommen Ausflüge und ein Bildungsfonds von bis zu 600 Euro pro Jahr und Kind. Daraus werden Laptops mit Lernprogrammen, Bücher, Nachschlagewerke und Nachhilfe bezahlt.

Ferienkurse fördern gezielt die deutsche Sprache der Kinder aus den zugewanderten Familien und vermitteln Lernstrategien. Für die Eltern gibt es Treffen zu aktuellen Fragen rund um Schule, Erziehung und gesellschaftliches Engagement. Gespräche mit Lehrern werden trainiert, auf Wunsch werden Eltern auch zu den Sprechstunden ihrer Kinder in der Schule begleitet. Ausgewählt werden die Stipendiaten in Zusammenarbeit mit den Schulen.

Projektleiterin von Auer freut sich, "dass wir auch die Väter im Boot haben". Die warmherzige Frau kennt ihre Teilnehmer - und auch deren Probleme; Hausbesuche gehören dazu. Fast alle kleinen Stipendiaten stammen aus Zuwandererfamilien - viele der Frankfurter Eltern arbeiten als Fahrer, Helfer am Flughafen oder Reinigungskräfte.

"Wir sind irgendwie alle auf der gleichen Stufe"

Eine alleinerziehende Mutter aus Rumänien, eine gelernte Lehrerin, deren Diplom in Deutschland nur für ein Fach anerkannt wird, lobt das Programm. Ihre zehnjährige Tochter Leonia erklärt, warum sie für ihr Stipendium auch gern auf ein paar freie Tage verzichtet: "In den Ferien haben wir Kurse, dann lerne ich weiter, und es wird immer leichter für mich." In der Schule sei sie nun viel selbstbewusster und sie freut sich über den Kontakt zu Gleichaltrigen. "Wir sind irgendwie alle auf der gleichen Stufe."

Von den bislang 54 Frankfurter Stipendiaten-Kindern beider Generationen wechselten 37 auf ein Gymnasium, 8 auf eine Integrierte Gesamtschule und 9 auf eine Realschule. In der ersten Runde schafften alle am Ende der 5. Klasse den Sprung in die nächste Jahrgangsstufe, und alle konnten auf der gewählten Schule bleiben.

Das Europäische Forum für Migrationsstudien der Uni Bamberg hat die Erfahrungen der ersten Generation wissenschaftlich untersucht und bewertet das Stipendium als Erfolg, auch wenn sich das Programm nicht messbar in deutlich besseren Noten niederschlage. "Insbesondere im Deutschen haben einige Kinder trotz der erzielten Erfolge noch Aufholbedarf", heißt es in dem Bericht. Positiv sei jedoch, dass die Eltern ihre Kinder besser beim Lernen begleiten können, selbst mehr unternähmen und sich stärker in der Schule einbrächten.

Onurs Mutter lebt zwar schon seit 20 Jahren in Frankfurt. "Ich spreche aber nicht gut Deutsch", sagt sie. Sie habe sich in den letzten Jahren vor allem um ihre Kinder gekümmert und fast nur Kontakt zu den Nachbarn gehabt, die fast alle Türkisch sprächen. Jetzt hat sie sich für einen Deutschkurs angemeldet. "Ich will 100-prozentig Deutsch sprechen", dafür seien ihre Kinder die Motivation: "Dann kann ich mehr in der Schule helfen", sagt sie.

Ira Schaible, dpa / cht

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