Bildungs-Kleinstaaterei: Wie Schüler und Eltern am Schulchaos verzweifeln

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Von Bremen nach Bayern - Uta Scherb ist empört über die Ungerechtigkeit

Bildungschaos: Der Wechsel von einem Bundesland ins andere kann anspruchsvoll sein Zur Großansicht
dpa

Bildungschaos: Der Wechsel von einem Bundesland ins andere kann anspruchsvoll sein

"Für uns war der Wechsel echt hart: Wir sind vor zwei Jahren von Bremen nach Bayern gezogen, weil mein Mann hier eine Stelle als Ingenieur bekommen hat. Schulisch ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Bremen liegt bei Leistungsvergleichen wie Pisa regelmäßig auf dem letzten Platz, Bayern meist ganz vorn, dafür ist die soziale Ungerechtigkeit im Süden größer.

Das spiegeln auch unsere Erfahrungen wider: Meine Tochter Sophie ging damals in die dritte Klasse. In Bremen besuchte sie eine soziale Brennpunktschule - ein Ausländeranteil von über 50 Prozent und viele verhaltensauffällige Kinder. Ein Junge lief während der Stunden über die Tische, die Lehrer wussten sich kaum zu helfen. Die Klassen wurden gerade umstrukturiert für das jahrgangsübergreifende Lernen, zweite und dritte Klasse sollten zusammen unterrichtet werden. Es war das pure Chaos.

Weil viele Eltern nicht die nötigen Bücher beschafften, bekamen die Kinder von den Lehrern kopierte Zettel - und die blieben meist in der Schule. Wir Eltern bekamen kaum mit, woran unsere Tochter gerade arbeitete, konnten kaum kontrollieren. Aber der Anspruch war: Jedes Kind soll mitkommen und gefördert werden, auch wenn es aus schwierigem Elternhaus kommt.

Hier in Lauf an der Pegnitz hingegen ist es komplett anders: Die Ansprüche sind höher, der Druck auch. Von den Eltern wird erwartet, dass sie sich kümmern, dass sie die Schultasche täglich durchgucken und das Hausaufgabenheft. Als Sophie hier anfing, wusste sie nicht, dass das Datum auf einem Arbeitsblatt oder im Heft nach rechts oben gehört und eine Überschrift unterstrichen wird. Das gab es in Bremen einfach nicht. Hier in Bayern pauken die Schüler mehr, üben zum Beispiel Grundrechenarten bis zum Erbrechen.

Sophie hat den Wechsel trotzdem gut verkraftet und besucht jetzt ein Gymnasium. Aber wehe, die Eltern kontrollieren nicht alles! Dann bekommt man schnell einen Brief vom Direktor, in dem sinngemäß steht: 'Wenn Sie mit Ihrer Tochter fleißiger üben würden, käme sie in der Schule auch besser mit.' Eine Frechheit! In Bremen würden sich das viele Eltern nicht gefallen lassen.

Sicher, die Schüler lernen hier mehr, das finde ich auch richtig. Aber es ist ungerecht, dass diejenigen aussortiert werden, die es eh schwer haben. Das bayerische Konzept würde an einer Brennpunktschule nicht funktionieren."

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Forum - Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
insgesamt 1101 Beiträge
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1. Quatsch mit Soße
Websingularität 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Das Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht. Damit will ich ja nicht ausschließen, dass man das ein oder andere besser machen könnte.
2.
kamii 07.07.2010
Zitat von WebsingularitätDas Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht.
Der erste Post und schon wird wieder der Schwarze Peter an die Schüler weitergereicht...tztzt
3. Ja!
PeterShaw 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Ich will endlich ein Einheitssystem - am liebsten das Bremer, weil die bei PISA so toll abgeschnitten haben.
4. Herrgott gib Hirn
A&O 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Ja. Aber offensichtlich lassen sich das immer weniger Eltern gefallen. Immerhin geht es um die Zukunft der Kinder. Genau daher wird auch die rein ideologisch motivierte Hamburger Schulreform in 1 1/2 Wochen scheitern. Sie würde im Übrigen nichts verbessern, sondern nur neues Chaos im alten stiften. Es muss einen Masterplan geben, um Deutschland in der Mittelmässigkeit versinken zu lassen. Anders lassen sich viele hiesige Entscheidungen nicht mehr erklären. Der Letzte macht das Licht aus.
5. Leseschwäche ?
alexl1966 07.07.2010
Zitat von WebsingularitätDas Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht. Damit will ich ja nicht ausschließen, dass man das ein oder andere besser machen könnte.
Wo im Artikel steht bitte, dass das hohe Lernniveau in anderen Ländern moniert wird? Das Problem ist doch, dass jedes BL sein eigenes Süppchen kochen kann, und dass die Kultusminister der Länder hier eine Bühne für ihre Profilneurosen haben. Jeder meint, er hätte das beste Rezept. Und Kinder, die die Schule von einem Bundesland ins andere wechseln, müssen mal wieder die Folgen der Politik ausbaden. Hier ist eine Vereinheitlichung lnage überfällig! Und die hilflosen Erklärungsversuche von unseren Landespolitikern, warum das so beliebn muss, wie es ist, sind einfach nur lächerlich. Andere Länder in Europa machen Schulpolitik erfolgreich vor. Aber das funktionirt bei uns ja angeblich alles nicht. Ich habe übrigens drei schulpflichtige Kinder und kann täglich die "Errungenschfaten" der Schulpolitik in NRW bestaunen....
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Illustration Michael Pleesz für den SPIEGEL
Heft 27/2010:
Schluss mit dem Schul-Chaos!
Ein Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem

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