Bildungs-Kleinstaaterei: Wie Schüler und Eltern am Schulchaos verzweifeln

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Neue Lehrpläne, neue Bücher, neue Anforderungen: Jährlich ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und bekommen die Kleinstaaterei im deutschen Bildungssystem am eigenen Leibe zu spüren. Ihre Eltern leiden mit. Auf SPIEGEL ONLINE berichten sie vom Schulchaos.

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Schüler in Bayern: Anforderungen wechseln von Bundesland zu Bundesland

Sie weiß nicht mehr genau, welcher Buchstabe es war, der ihrer Tochter fast den Wechsel aufs Gymnasium vermasselte. Das F, meint Cornelia Rösch sich erinnern zu können - das F sah in Bayern anders aus als in Rheinland-Pfalz. Ein Schnörkel oder eine Rundung sollte deutlicher geschrieben werden.

"An sich bin ich ein friedlicher Mensch", sagt die Mutter zweier Kinder. Aber die Sache mit dem Schriftbild hat sie aus der Fassung gebracht.

Rösch zog mit ihrer Familie von Speyer nach Haar bei München, ihr Mann sollte die Dependance einer Unternehmensberatung aufbauen. Ihre Tochter ging damals in die vierte Klasse, zehn Jahre ist das her. An ihrer alten Schule in Rheinland-Pfalz, so die Mutter, nahmen es die Lehrer mit der Rechtschreibung nicht so genau. Das lernen die Kinder schon irgendwann, habe es geheißen. An der neuen Schule in Bayern wurde dann sogar moniert, dass einzelne Buchstaben unrund aussahen. "In Speyer war die schlechteste Note eine Zwei", sagt Rösch. In München kam die Tochter erst mal mit einer Fünf nach Hause.

Cornelia Rösch klagt nicht über höhere Anforderungen, im Gegenteil, manchmal empfand sie die alte Schule als zu lasch. Aber es schockierte sie dann doch, wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern waren. Zumal in Bayern die vierte Klasse zur anstrengendsten Zeit überhaupt gehört. Denn hier entscheidet sich, ob ein Kind aufs Gymnasium darf - und zwar streng nach Notenschnitt. "Der Übertrittsstress war in der Klasse zu spüren", sagt Rösch.

In ihrer alten Heimat galt der Elternwille. Und in Bayern? Hier gelten andere Regeln: Wer in Deutsch, Mathe und Heimat- und Sachkunde einen Schnitt von 2,33 und besser hat, darf aufs Gymnasium. Bis zum Schnitt von 2,66 gilt er als "klar" für die Realschule geeignet, ab 2,67 geht es auf die Hauptschule. Wer das gewünschte Ziel nicht erreicht, kann ihn in Deutsch und Mathematik Probeunterricht absolvieren. Läuft es gut, darf das Kind auf der Wunschschule bleiben. Vor einem Jahr wurden zwar einige Übertritts-Details entkrampft, doch sind die bayerischen Regeln noch immer sehr streng.

Grundschulzeiten, Hauptschule - jedes Land macht, was es will

Immer, wenn Eltern umziehen von einem Bundesland ins andere, heißt das für die Kinder: neue Wohnung, neue Freunde, neue Schule. Es ändern sich Anforderungen, Schulbücher, manchmal sogar die Form von Buchstaben, jedenfalls in Nuancen. Die Familien müssen sich zurechtfinden in einem Bildungsdschungel: 16 Bundesländer gestalten ihre 16 Schulsysteme so, wie es ins jeweilige politische Bild passt - und unabhängig davon, wie erfolgreich die Länder bei Pisa-Tests und ähnlichen Leistungsvergleichen abschneiden.

So erklärt Bayern seine vorderen Platzierungen beim nationalen Schulvergleich auch mit dem Festhalten an der traditionellen Schultrias aus Haupt-, Realschule und Gymnasium. Sachsen hingegen verzichtet auf die Hauptschule - und schneidet ebenfalls immer ziemlich gut ab. Mal dauert die Grundschule sechs Jahre wie in Berlin und wahrscheinlich bald in Hamburg, meist vier Jahre wie etwa in Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz. Mal entscheiden die Eltern, ob ein Kind aufs Gymnasium darf, mal der Notenschnitt. Und wenn die Landesregierung wechselt, gilt plötzlich wieder etwas anderes.

Hinzu kommen aufgebrachte Eltern, die sich gegen Reformen stemmen: So läuft in Niedersachsen ein Volksbegehren gegen das Turbo- Abitur nach acht Jahren Gymnasium (G8). In Hamburg kämpft eine Initiative erbittert gegen die vom Senat geplante Ablösung der vierjährigen Grundschule durch eine sechsjährige Primarschule.

Fast jedem zwölftem Schüler droht der Bildungsirrgarten

Wie viele Familien sich durch den Schuldschungel kämpfen müssen, lässt sich nicht exakt beziffern, aber es lässt sich einschätzen. Das Statistische Bundesamt hat gezählt, wie viele Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren in ein anderes Bundesland umgezogen sind: Im Jahr 2008 waren es 77.645 Umzüge. Weil die Binnenwanderung seit Jahren ziemlich stabil ist, zogen also knapp 800.000 Kinder und Jugendliche um, hochgerechnet auf eine Schulzeit von zehn Jahren. Vernachlässigt man Mehrfachumzüge, entspricht das etwa acht Prozent der rund zehn Millionen Kinder und Jugendlichen in diesem Alter. Allerdings gehören dazu auch Arbeitslose und Auszubildende, die keine allgemeinbildende Schule mehr besuchen, sowie Gymnasiasten, die länger als zehn Jahre Schüler sind.

Der Näherungswert: Etwa jeder zwölfte Schüler muss damit rechnen, sich im Bildungslabyrinth zu verlaufen. Viele Eltern machen dabei ähnliche Erfahrungen wie Cornelia Rösch - SPIEGEL ONLINE dokumentiert drei Fälle:

Die Wut auf das Schulchaos wächst. "Für Schul- und Bildungspolitik sollte der Bund zuständig sein" - dieser These stimmten in einer Umfrage 61 Prozent zu. Nur 21 Prozent halten die Zuständigkeit der Länder für richtig, 18 Prozent äußerten sich unentschieden. Das geht aus einer im März veröffentlichten Allensbach-Umfrage hervor.

Renitente Länderfürsten

Doch die Länderfürsten und ihre Kultusminister schwärmen weiter von den segensreichen Wirkungen des Föderalismus, der zum Wettbewerb ums beste Schulsystem führe. Freiwillig werden die Bundesländer ihre Macht nicht abgeben - auch wenn selbst Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) inzwischen umgeschwenkt ist. Einst wirkte sie als Baden-Württembergs Kultusministerin als eine der stärksten Länder-Lobbyistinnen, heute will sie dem Bund mehr Einfluss verschaffen.

Cornelia Röschs Tochter, die das F in Bayern anders schreiben musste als in Rheinland-Pfalz, hat sich - wie so viele Schüler - durchgebissen und vor wenigen Wochen das Abitur bestanden. Mit Bayerns Schulsystem hat sie sich allerdings nicht angefreundet: Als Landesschülersprecherin warb sie für eine "Schule, die nicht aufgrund mangelnder pädagogischer Kompetenz auf Leistungsdruck setzen muss".

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Forum - Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
insgesamt 1101 Beiträge
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1. Quatsch mit Soße
Websingularität 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Das Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht. Damit will ich ja nicht ausschließen, dass man das ein oder andere besser machen könnte.
2.
kamii 07.07.2010
Zitat von WebsingularitätDas Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht. Damit will ich ja nicht ausschließen, dass man das ein oder andere besser machen könnte.
Der erste Post und schon wird wieder der Schwarze Peter an die Schüler weitergereicht...tztzt
3. Ja!
PeterShaw 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Ich will endlich ein Einheitssystem - am liebsten das Bremer, weil die bei PISA so toll abgeschnitten haben.
4. Herrgott gib Hirn
A&O 07.07.2010
Zitat von sysopNeue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue Anforderungen: Jedes Jahr ziehen Zehntausende Schüler um in ein anderes Bundesland - und müssen ausbaden, dass schulpolitisch jeder Bildungsminister macht, was er will. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter dem Durcheinander, ihre Eltern ebenso. Deutschland, ein Schul-Chaos-Land?
Ja. Aber offensichtlich lassen sich das immer weniger Eltern gefallen. Immerhin geht es um die Zukunft der Kinder. Genau daher wird auch die rein ideologisch motivierte Hamburger Schulreform in 1 1/2 Wochen scheitern. Sie würde im Übrigen nichts verbessern, sondern nur neues Chaos im alten stiften. Es muss einen Masterplan geben, um Deutschland in der Mittelmässigkeit versinken zu lassen. Anders lassen sich viele hiesige Entscheidungen nicht mehr erklären. Der Letzte macht das Licht aus.
5. Leseschwäche ?
alexl1966, 07.07.2010
Zitat von WebsingularitätDas Schimpfen auf das Bildungssystem gehört heutzutage zum guten Ton. In vielen Fällen sind einfach nur die Schüler zu verwöhnt und überdreht. Damit will ich ja nicht ausschließen, dass man das ein oder andere besser machen könnte.
Wo im Artikel steht bitte, dass das hohe Lernniveau in anderen Ländern moniert wird? Das Problem ist doch, dass jedes BL sein eigenes Süppchen kochen kann, und dass die Kultusminister der Länder hier eine Bühne für ihre Profilneurosen haben. Jeder meint, er hätte das beste Rezept. Und Kinder, die die Schule von einem Bundesland ins andere wechseln, müssen mal wieder die Folgen der Politik ausbaden. Hier ist eine Vereinheitlichung lnage überfällig! Und die hilflosen Erklärungsversuche von unseren Landespolitikern, warum das so beliebn muss, wie es ist, sind einfach nur lächerlich. Andere Länder in Europa machen Schulpolitik erfolgreich vor. Aber das funktionirt bei uns ja angeblich alles nicht. Ich habe übrigens drei schulpflichtige Kinder und kann täglich die "Errungenschfaten" der Schulpolitik in NRW bestaunen....
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Illustration Michael Pleesz für den SPIEGEL
Heft 27/2010:
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