Von Oliver Trenkamp
Sie weiß nicht mehr genau, welcher Buchstabe es war, der ihrer Tochter fast den Wechsel aufs Gymnasium vermasselte. Das F, meint Cornelia Rösch sich erinnern zu können - das F sah in Bayern anders aus als in Rheinland-Pfalz. Ein Schnörkel oder eine Rundung sollte deutlicher geschrieben werden.
"An sich bin ich ein friedlicher Mensch", sagt die Mutter zweier Kinder. Aber die Sache mit dem Schriftbild hat sie aus der Fassung gebracht.
Rösch zog mit ihrer Familie von Speyer nach Haar bei München, ihr Mann sollte die Dependance einer Unternehmensberatung aufbauen. Ihre Tochter ging damals in die vierte Klasse, zehn Jahre ist das her. An ihrer alten Schule in Rheinland-Pfalz, so die Mutter, nahmen es die Lehrer mit der Rechtschreibung nicht so genau. Das lernen die Kinder schon irgendwann, habe es geheißen. An der neuen Schule in Bayern wurde dann sogar moniert, dass einzelne Buchstaben unrund aussahen. "In Speyer war die schlechteste Note eine Zwei", sagt Rösch. In München kam die Tochter erst mal mit einer Fünf nach Hause.
Cornelia Rösch klagt nicht über höhere Anforderungen, im Gegenteil, manchmal empfand sie die alte Schule als zu lasch. Aber es schockierte sie dann doch, wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern waren. Zumal in Bayern die vierte Klasse zur anstrengendsten Zeit überhaupt gehört. Denn hier entscheidet sich, ob ein Kind aufs Gymnasium darf - und zwar streng nach Notenschnitt. "Der Übertrittsstress war in der Klasse zu spüren", sagt Rösch.
Grundschulzeiten, Hauptschule - jedes Land macht, was es will
Immer, wenn Eltern umziehen von einem Bundesland ins andere, heißt das für die Kinder: neue Wohnung, neue Freunde, neue Schule. Es ändern sich Anforderungen, Schulbücher, manchmal sogar die Form von Buchstaben, jedenfalls in Nuancen. Die Familien müssen sich zurechtfinden in einem Bildungsdschungel: 16 Bundesländer gestalten ihre 16 Schulsysteme so, wie es ins jeweilige politische Bild passt - und unabhängig davon, wie erfolgreich die Länder bei Pisa-Tests und ähnlichen Leistungsvergleichen abschneiden.
So erklärt Bayern seine vorderen Platzierungen beim nationalen Schulvergleich auch mit dem Festhalten an der traditionellen Schultrias aus Haupt-, Realschule und Gymnasium. Sachsen hingegen verzichtet auf die Hauptschule - und schneidet ebenfalls immer ziemlich gut ab. Mal dauert die Grundschule sechs Jahre wie in Berlin und wahrscheinlich bald in Hamburg, meist vier Jahre wie etwa in Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz. Mal entscheiden die Eltern, ob ein Kind aufs Gymnasium darf, mal der Notenschnitt. Und wenn die Landesregierung wechselt, gilt plötzlich wieder etwas anderes.
Hinzu kommen aufgebrachte Eltern, die sich gegen Reformen stemmen: So läuft in Niedersachsen ein Volksbegehren gegen das Turbo- Abitur nach acht Jahren Gymnasium (G8). In Hamburg kämpft eine Initiative erbittert gegen die vom Senat geplante Ablösung der vierjährigen Grundschule durch eine sechsjährige Primarschule.
Fast jedem zwölftem Schüler droht der Bildungsirrgarten
Wie viele Familien sich durch den Schuldschungel kämpfen müssen, lässt sich nicht exakt beziffern, aber es lässt sich einschätzen. Das Statistische Bundesamt hat gezählt, wie viele Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren in ein anderes Bundesland umgezogen sind: Im Jahr 2008 waren es 77.645 Umzüge. Weil die Binnenwanderung seit Jahren ziemlich stabil ist, zogen also knapp 800.000 Kinder und Jugendliche um, hochgerechnet auf eine Schulzeit von zehn Jahren. Vernachlässigt man Mehrfachumzüge, entspricht das etwa acht Prozent der rund zehn Millionen Kinder und Jugendlichen in diesem Alter. Allerdings gehören dazu auch Arbeitslose und Auszubildende, die keine allgemeinbildende Schule mehr besuchen, sowie Gymnasiasten, die länger als zehn Jahre Schüler sind.
Der Näherungswert: Etwa jeder zwölfte Schüler muss damit rechnen, sich im Bildungslabyrinth zu verlaufen. Viele Eltern machen dabei ähnliche Erfahrungen wie Cornelia Rösch - SPIEGEL ONLINE dokumentiert drei Fälle:
Die Wut auf das Schulchaos wächst. "Für Schul- und Bildungspolitik sollte der Bund zuständig sein" - dieser These stimmten in einer Umfrage 61 Prozent zu. Nur 21 Prozent halten die Zuständigkeit der Länder für richtig, 18 Prozent äußerten sich unentschieden. Das geht aus einer im März veröffentlichten Allensbach-Umfrage hervor.
Renitente Länderfürsten
Doch die Länderfürsten und ihre Kultusminister schwärmen weiter von den segensreichen Wirkungen des Föderalismus, der zum Wettbewerb ums beste Schulsystem führe. Freiwillig werden die Bundesländer ihre Macht nicht abgeben - auch wenn selbst Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) inzwischen umgeschwenkt ist. Einst wirkte sie als Baden-Württembergs Kultusministerin als eine der stärksten Länder-Lobbyistinnen, heute will sie dem Bund mehr Einfluss verschaffen.
Cornelia Röschs Tochter, die das F in Bayern anders schreiben musste als in Rheinland-Pfalz, hat sich - wie so viele Schüler - durchgebissen und vor wenigen Wochen das Abitur bestanden. Mit Bayerns Schulsystem hat sie sich allerdings nicht angefreundet: Als Landesschülersprecherin warb sie für eine "Schule, die nicht aufgrund mangelnder pädagogischer Kompetenz auf Leistungsdruck setzen muss".
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