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20. Februar 2013, 08:26 Uhr

Streitthema Ehrenrunde

"Sitzenbleiben ist peinlich"

Wenn Schüler Glück haben, schadet ihnen Sitzenbleiben nicht. Aber sinnvoll ist das einfache Wiederholen einer Klassenstufe nicht, sagt Bildungsforscher Ingmar Hosenfeld. Man könne Kindern und Jugendlichen auch anders klarmachen, dass sie im Unterricht mehr Gas geben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die neue rot-grüne Koalition in Niedersachsen will das Sitzenbleiben abschaffen. Fehlt den Schulen dann nicht ein Instrument, um schwache oder faule Schüler anzutreiben?

Hosenfeld: Es gibt kaum ein wissenschaftliches Indiz dafür, dass das Wiederholen den Schülern etwas bringt. Bestenfalls zeigen sie in dem Jahr, das sie wiederholen, bessere Leistungen. Aber im Vergleich zu anderen ähnlich schwachen Schülern, die versetzt wurden, hängen sie in der nächsten Klassenstufe trotzdem zurück. Oft leidet auch die Freude am Lernen, wenn sie wieder dasselbe erzählt bekommen wie im Jahr davor. Außerdem ist das Sitzenbleiben peinlich und demütigend.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind manche Schüler einfach noch nicht reif für den Jahrgang, in dem sie stecken - und profitieren davon, mehr Zeit zu haben, um sich zu entwickeln.

Hosenfeld: Es hängt davon ab, was sie mit der Zeit anfangen. Sie kommen weiter, wenn sie das Jahr nicht einfach absitzen, sondern begreifen, wie man ernsthaft lernt und arbeitet. Diese Erkenntnis kann man allerdings auch ohne das Sitzenbleiben erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt es nicht auch als heilsamer Schock, wenn Schüler nicht versetzt werden?

Hosenfeld: Es ist sehr bequem zu sagen: Der Schüler ist schuld und muss sich besinnen. Aber dafür verliert er gleich ein ganzes Jahr - und was, wenn er sich dann nicht besinnt? Außerdem kostet das Sitzenbleiben sehr viel. Das ist verschwendetes Steuergeld für eine Maßnahme, die wissenschaftlich gesehen bestenfalls nicht schadet.

SPIEGEL ONLINE: Nutzt es denn der Klasse, wenn sie die Schwächsten nicht länger mitziehen muss?

Hosenfeld: Ich halte es für eine Illusion, dass schwache Schüler die Klasse ausbremsen. Heterogenität kann man bewusst nutzen, um guten Unterricht zu machen. Aber in unserem dreigliedrigen Schulsystem herrscht der Gedanke vor, dass die Schwachen aussortiert werden müssen. Dabei sollten wir uns lieber daran gewöhnen, mit unterschiedlich starken und schwachen Schülern umzugehen. Die Gesamtschulen machen es vor.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also eine gute Idee, das Sitzenbleiben zu verbieten?

Hosenfeld: Wenn die Politik das von oben entscheidet, heißt das nicht, dass die Lehrer davon überzeugt sind. Und wenn sich ein Kollegium überfahren fühlt, bringt es auch den Schülern nichts. Die Lehrer sollten immer mitreden dürfen, wie sie erreichen können, dass weniger Kinder zurückbleiben. Außerdem sollte ein Schüler, der sich überfordert fühlt und von sich aus ein Jahr wiederholen möchte, das jederzeit tun dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie begleiten das Projekt "Komm mit!", das die Quote der Sitzenbleiber in den Jahrgängen 7 bis 10 senken soll. Rund 700 nordrhein-westfälische Schulen machen mit, jede experimentiert mit Maßnahmen gegen das Sitzenbleiben. Welche wirkt am besten?

Hosenfeld: Schwer zu sagen. Es steht den Schulen völlig frei, was sie gegen das Sitzenbleiben tun und jede verfolgt 3 bis 30 einzelne Maßnahmen, zum Beispiel mehr Feedback der Schüler an die Lehrer, heterogene Lerngruppen, Versetzung auf Probe oder die gezielte Förderung von Migrantenkindern. Die Wege sind im Detail so verschieden, dass es schwierig ist, sie wissenschaftlich auszuwerten. Die Sitzenbleiberquote geht in Nordrhein-Westfalen zwar zurück, aber das tut sie auch an Schulen, die nicht am Projekt teilnehmen.

Das Gespräch führte Heike Sonnberger

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