Streitthema Ehrenrunde: "Sitzenbleiben ist peinlich"

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Sitzengeblieben? "Peinlich und demütigend", sagt Bildungsforscher Hosenfeld

Wenn Schüler Glück haben, schadet ihnen Sitzenbleiben nicht. Aber sinnvoll ist das einfache Wiederholen einer Klassenstufe nicht, sagt Bildungsforscher Ingmar Hosenfeld. Man könne Kindern und Jugendlichen auch anders klarmachen, dass sie im Unterricht mehr Gas geben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die neue rot-grüne Koalition in Niedersachsen will das Sitzenbleiben abschaffen. Fehlt den Schulen dann nicht ein Instrument, um schwache oder faule Schüler anzutreiben?

Hosenfeld: Es gibt kaum ein wissenschaftliches Indiz dafür, dass das Wiederholen den Schülern etwas bringt. Bestenfalls zeigen sie in dem Jahr, das sie wiederholen, bessere Leistungen. Aber im Vergleich zu anderen ähnlich schwachen Schülern, die versetzt wurden, hängen sie in der nächsten Klassenstufe trotzdem zurück. Oft leidet auch die Freude am Lernen, wenn sie wieder dasselbe erzählt bekommen wie im Jahr davor. Außerdem ist das Sitzenbleiben peinlich und demütigend.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind manche Schüler einfach noch nicht reif für den Jahrgang, in dem sie stecken - und profitieren davon, mehr Zeit zu haben, um sich zu entwickeln.

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Prominente Sitzenbleiber: "Jahre der Unlust, der Einförmigkeit"
Hosenfeld: Es hängt davon ab, was sie mit der Zeit anfangen. Sie kommen weiter, wenn sie das Jahr nicht einfach absitzen, sondern begreifen, wie man ernsthaft lernt und arbeitet. Diese Erkenntnis kann man allerdings auch ohne das Sitzenbleiben erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt es nicht auch als heilsamer Schock, wenn Schüler nicht versetzt werden?

Hosenfeld: Es ist sehr bequem zu sagen: Der Schüler ist schuld und muss sich besinnen. Aber dafür verliert er gleich ein ganzes Jahr - und was, wenn er sich dann nicht besinnt? Außerdem kostet das Sitzenbleiben sehr viel. Das ist verschwendetes Steuergeld für eine Maßnahme, die wissenschaftlich gesehen bestenfalls nicht schadet.

SPIEGEL ONLINE: Nutzt es denn der Klasse, wenn sie die Schwächsten nicht länger mitziehen muss?

Hosenfeld: Ich halte es für eine Illusion, dass schwache Schüler die Klasse ausbremsen. Heterogenität kann man bewusst nutzen, um guten Unterricht zu machen. Aber in unserem dreigliedrigen Schulsystem herrscht der Gedanke vor, dass die Schwachen aussortiert werden müssen. Dabei sollten wir uns lieber daran gewöhnen, mit unterschiedlich starken und schwachen Schülern umzugehen. Die Gesamtschulen machen es vor.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also eine gute Idee, das Sitzenbleiben zu verbieten?

Hosenfeld: Wenn die Politik das von oben entscheidet, heißt das nicht, dass die Lehrer davon überzeugt sind. Und wenn sich ein Kollegium überfahren fühlt, bringt es auch den Schülern nichts. Die Lehrer sollten immer mitreden dürfen, wie sie erreichen können, dass weniger Kinder zurückbleiben. Außerdem sollte ein Schüler, der sich überfordert fühlt und von sich aus ein Jahr wiederholen möchte, das jederzeit tun dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie begleiten das Projekt "Komm mit!", das die Quote der Sitzenbleiber in den Jahrgängen 7 bis 10 senken soll. Rund 700 nordrhein-westfälische Schulen machen mit, jede experimentiert mit Maßnahmen gegen das Sitzenbleiben. Welche wirkt am besten?

Hosenfeld: Schwer zu sagen. Es steht den Schulen völlig frei, was sie gegen das Sitzenbleiben tun und jede verfolgt 3 bis 30 einzelne Maßnahmen, zum Beispiel mehr Feedback der Schüler an die Lehrer, heterogene Lerngruppen, Versetzung auf Probe oder die gezielte Förderung von Migrantenkindern. Die Wege sind im Detail so verschieden, dass es schwierig ist, sie wissenschaftlich auszuwerten. Die Sitzenbleiberquote geht in Nordrhein-Westfalen zwar zurück, aber das tut sie auch an Schulen, die nicht am Projekt teilnehmen.

Das Gespräch führte Heike Sonnberger

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insgesamt 107 Beiträge
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1. ok
jacko2013 20.02.2013
Worte bringen heute wenig. sitzenbleiben ist ein mögliches Instrument. wenn wir ueber Scharia in deutschen Gerichten nachdenken können wir auch wieder die Prügelstrafe einführen. oder sollen wir extra Bonus und ein Verdienstorden verteilen?
2. Die Sitzenbleiberquote geht zurück
Mannheimer011 20.02.2013
Zitat: "Die Sitzenbleiberquote geht in Nordrhein-Westfalen zwar zurück, aber das tut sie auch an Schulen, die nicht am Projekt teilnehmen". Dann ist ja alles in Butter. Vielleicht geht die Quote ja auch zurück, weil sich die Lehrer nicht mehr für ihre Noten rechtfertigen wollen und einfach jeden durchwinken und somit ihre Ruhe haben? Würde ich mit irgendwelchen Totalverweigerern auch so machen. Und was passiert in der 10. Klasse? Wird dann die 4 zur schlechtesten Note, damit der Schulabschluss nicht gefährdet wird? Mit der rot-grünen Bildungspolitik wird Deutschland bald zu den Nehmerländern in der EU gehören.
3. Schwachsinn
lukasl. 20.02.2013
Ich musste die 4. klasse wiederholen, da ich die aufnahmeprüfung auf das gymnasium nicht geschafft habe. Davor musste ich einen test machen ob das wiederholen einen erfolg verspricht und bei diesem test kam das negative ergebnis heraus d.h kein erfolg. Meine eltern haben sich nichts gedacht und mich trotzdem wiederholen lassen. Ich konnte mich durch das wiederholen von 3.33 auf 1.5 verbessern und habe es auf das gymnasium geschafft. Ich habe mit dem wiederholen kein problem und finde es ganz ehrlich sinnvoll. Natürlich ist es einerseits nervig wenn man immer gefragt wird warum man wiederholen musste, aber diese kurze zeit des ausfragens kann man gut verkraften. Man hat durch das wiederholen einfach die chance sich in jeden fach zu verbessern. Ich für meine seite betrachte das wiederholen als sinnvoll an. Wenn man in De. Eine art sommer school einführen würde, wird warscheinlich der schüler der art belastet da er sich nicht erholen kann von der schule und ständig unter druck steht. Ob ein derartiger ökonomischer schaden entsteht wenn jemand 1 bzw. 2 jahre wiederholt bezweifle ich. Lieber die lücken aufgefüllt und sich in den anderen fächern verbessern als trotz gravierender lücken weiter lassen und warum muss man altbewertes abschaffen?? Muss die jeweilige regierung akzente setzen um aufmerksamkeit zu erregen nur um nicht beschäftigungslos zu wirken?? Es hat so viele jahre funktioniert!!
4. Kastration des Lehrers
lafrench 20.02.2013
Die Bildungsforscher sind häufig Forscher geworden, weil sie sich entweder zu schlau fanden, um Lehrer zu werden oder weil sie wussten, dass sie es vor einer Klasse nicht aushalten würden. Wie ein Lehrer die Wilde Klasse disziplinieren soll beim Krach, den Kifs heute im Unterricht machen, wenn er nicht einmal mehr mit dem Sitzenbleiben drohen kann..
5. Über das Sitzenbleiben kann man streiten
asentreu 20.02.2013
Zu meiner Zeit gab es da in Sachsen- Anhalt ein waghalsiges "Hauptschule und Realschule mischen"- Projekt. Mit dem Resultat das es in unserer 7. Klasse 2 15- jährige Dauersitzenbleiber gab, aus denen ist auch bis heute nix geworden, die sind jetzt Transferempfänger und wohnen immer noch in Sachsen- Trostlos. Ich fände es sinnvoller Schüler die notenmäßig versetzungsgefährdet stehen in den Sommerferien in spezielle Lerncamps zu schicken. Klar würde das Geld kosten. Aber seien wir mal ehrlich, es ist doch nicht so wie die Grünen jetzt behupten, die meisten Sitzenbleiber wären Musterschüler mit zwei Fünfern. Die meisten haben doch eher ein generelles familiäres und schulisches Problem und höchstens mal ein oder zwei Lichtblicke im Zeugnis (der obligatorische Sport- Zweier für Mathe- Nullen...) Aber sitzen bleiben hilft doch nichts, wenn es den Eltern des Schülers eh wurscht ist was aus ihrem Kind wird. So käme das Kind/ der Jugendliche mal raus (aufs Land, ans Meer) aber mit einem hohen Unterrichtsanteil abgestimmt auf die Probleme. So viel Lernen ist immer noch eine vermeintliche "Strafe" aber man nimmt den Kids die Möglichkeit wie jetzt einfach desinteressiert die Zeit "abzusitzen" und vielleicht bekommt man ja so den Dreh vom Bildungsversager zum (zumindest) Durchschnittschüler hin.
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Zur Person
  • zepf/Universität Koblenz-Landau
    Ingmar Hosenfeld, 44, ist Professor für pädagogisch-psychologische Bildungsforschung an der Universität Koblenz-Landau. Er begleitet mit einem Forscherteam das Projekt "Komm mit!" der nordrhein-westfälischen Landesregierung und Vertretern von Lehrerorganisationen. Schulen können sich seit 2009 mit Maßnahmen beteiligen, die die Sitzenbleiberquote senken sollen.
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