Bildungskrise in den USA: Schüler scheitern am Grundwissen

Von , New York

Ein nationaler Geschichtstest beweist: Amerikas Schüler sind oft überfordert und scheitern an einfachsten Fragen. Die US-Bildungskrise ist schlimmer als bislang angenommen, mahnen Experten. Wissen Sie mehr als amerikanische Schulkinder? Machen Sie den Test.

US-Schüler: Alle vier Jahre prüft die Regierung Wissensstand an Schulen Zur Großansicht
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US-Schüler: Alle vier Jahre prüft die Regierung Wissensstand an Schulen

Was war die US-Unabhängigkeitserklärung? Wer war Abraham Lincoln? Was gewannen Amerikas Sklaven nach dem Bürgerkrieg?

Relativ einfache Fragen, deren Antworten zum Allgemeinwissen gehören sollten, nicht nur in den USA. Doch die meisten US-Schüler müssen dabei passen - obwohl es doch um ihre eigene Geschichte geht.

Alle vier Jahre prüft die US-Regierung den Wissensstand der amerikanischen Schüler, um Bildungstrends in acht Bereichen zu erfassen: Lesen, Schreiben, Mathematik, Sozialkunde, Naturwissenschaften, Geografie, Ökonomie und Geschichte. "Nation's Report Card" heißen die Multiple-Choice-Fragebögen, "Zeugnisse der Nation", veranstaltet vom Bildungsministerium.

Das aktuellste US-Geschichtszeugnis, gerade vergeben, ist so unmissverständlich wie deprimierend: Amerikas Schüler fallen durch.

Quiz

US-Geschichtstest: Wie amerikanisch sind Sie?

Die Rolle der Frauen während der Revolution? Der Erzfeind der Supermacht im Kalten Krieg? Amerikanische Schulkinder sollten das wissen, doch etliche fielen glatt durch. Können Sie's besser?

Das Ministerium versucht zwar kurz noch, die abgrundtiefen Ergebnisse schönzureden, mit einer fast rührenden Feststellung: "Die durchschnittliche US-Geschichtsnote für Viertklässler war 2010 höher als 1994." Na gut. Doch der Rest des Reports offenbart, dass Amerikas vielbeklagte Bildungskrise viel schlimmer ist als bisher angenommen.

Oft ahnungslos, besonders in Geschichte

Das bestätigt zum Teil ein altes, abgedroschenes Klischee: Amerikas Schüler sind in Sachen Geschichte oft ahnungslos. Zwar liegt auch bei deutschen Schülern einiges im Argen, beim Pisa-Leistungstest lagen sie trotz großer Anstrengungen wieder nur im oberen Mittelfeld. Doch in zwei von drei Kompetenzfeldern schlugen deutsche 15-Jährige die amerikanischen Altersgenossen deutlich.

Alle Ergebnisse: Die Pisa-Studie 2009
Klicken Sie auf die Überschriften, um die Tabellen zu sehen...
Lesen
Pisa-Studie 2009 - Lese-Kompetenz
Land Punkte
Korea 539
Finnland 536
Kanada 524
Neuseeland 521
Japan 520
Australien 515
Niederlande 508
Belgien 506
Norwegen 503
Estland 501
Schweiz 501
Polen 500
Island 500
USA 500
Schweden 497
Deutschland 497
Irland 496
Frankreich 496
Dänemark 495
Großbritannien 494
Ungarn 494
Portugal 489
Italien 486
Slowenien 483
Griechenland 483
Spanien 481
Tschechien 478
Slowakei 477
Israel 474
Luxemburg 472
Österreich 470
Türkei 464
Chile 449
Mexiko 425
Quelle: OECD
Mathematik
Pisa-Studie 2009 - Mathematik-Kompetenz
Land Punkte
Korea 546
Finnland 541
Schweiz 534
Japan 529
Kanada 527
Niederlande 526
Neuseeland 519
Belgien 515
Australien 514
Deutschland 513
Estland 512
Island 507
Dänemark 503
Slowenien 501
Norwegen 498
Frankreich 497
Slowakei 497
Österreich 496
Polen 495
Schweden 494
Tschechien 493
Großbritannien 492
Ungarn 490
Luxemburg 489
USA 487
Irland 487
Portugal 487
Spanien 483
Italien 483
Griechenland 466
Israel 447
Türkei 445
Chile 421
Mexiko 419
Quelle: OECD
Naturwissenschaften
Pisa-Studie 2009 - Kompetenz Naturwissenschaften
Land Punkte
Finnland 554
Japan 539
Korea 538
Neuseeland 532
Kanada 529
Estland 528
Australien 527
Niederlande 522
Deutschland 520
Schweiz 517
Großbritannien 514
Slowenien 512
Polen 508
Irland 508
Belgien 507
Ungarn 503
USA 502
Tschechien 500
Norwegen 500
Dänemark 499
Frankreich 498
Island 496
Schweden 495
Österreich 494
Portugal 493
Slowakei 490
Italien 489
Spanien 488
Luxemburg 484
Griechenland 470
Israel 455
Türkei 454
Chile 447
Mexiko 416
Quelle: OECD
Eine repräsentative Stichprobe aus Schülern schrieb im Frühjahr vorigen Jahres den Test. 7000 Viertklässler, 11.800 Achtklässler und 12.400 Zwölftklässler nahmen teil. Die Ergebnisse (von 0 bis 500 Punkte) bildeten vier Leistungsstufen: "Below Basic" (ungenügend), "Basic" (Grundkenntnisse), "Proficient" (solide) und "Advanced" (hervorragend). Gefragt wurde dabei nicht nur nach Daten und Fakten, sondern auch nach thematischen Bereichen: Institutionen, Schlüsselpersonen, Ideen.

Die Schüler mussten ihr Wissen über acht Perioden der US-Geschichte beweisen: Begonnen im Jahr 1607 mit der Kolonialzeit, darauf folgte die Zeit der Revolution und Staatsgründung bis zum Jahr 1815, dann kamen die Expansion und Reform bis 1861 sowie die Zeit des Bürgerkrieges und der Rekonstruktion bis 1877. Schließlich folgten Fragen zur Entwicklung des modernen Amerikas um die Jahrhundertwende, zu den beiden Weltkriegen und zur Nachkriegszeit.

Doch allein schon diese Aufteilung war vielen zu kompliziert. Seit dem letzten, miserablen Test von 2006, klagt das Ministerium, hätten die US-Eleven beim "Verständnis historischer Schlüsselthemen kaum Fortschritte" gemacht - "inklusive der grundlegenden Demokratie-Prinzipien und der Rolle Amerikas in der Welt".

Schüler befinden sich in guter Gesellschaft: Auch Sarah Palin patzt oft

Kein Wunder, dass auch US-Politiker wie die Republikanerin Sarah Palin bei geschichtlichen Fragen oft versagen, freilich ohne dass das für sie folgenschwere Konsequenzen haben muss. Palin wurde neulich bei einem Besuch in Boston gefragt, was denn die Bedeutung des Nationalhelden Paul Revere gewesen sei, einer zentralen Figur der amerikanischen Revolution. Revere, dozierte Palin, "warnte die Briten, dass sie uns die Waffen nicht abnehmen sollten".

Die korrekte Antwort: Der Silberschmied Revere warnte 1775 vielmehr die Kolonialisten mit seinem legendären, mitternächtlichen Ritt, dass die Briten im Anmarsch seien - der Auftakt der allerersten Gefechte der US-Revolution.

Palin verteidigte sich anschließend wie immer: Das sei mal wieder eine "Fangfrage" gewesen. Im offiziellen US-Geschichtstest wimmelt es von solchen Fangfragen (hier im Quiz).

Mehr als die Hälfte der Zwölftklässler erreichen nur ein "Ungenügend"

Am Ende erreichten nur 20 Prozent der Viertklässler und 17 Prozent der Achtklässler die Wissensstufen "Proficient" oder "Advanced" - genauso wenige wie 2006. Schlimmer noch war es in der High School (Klasse 9 bis 12): Dort hatten gerade mal zwölf Prozent der Zwölftklässler eine Grundbildung. Mehr als die Hälfte landeten auf "Below Basic".

Zwei Drittel der Achtklässler, berichtete das Ministerium, seien bei "anscheinend einfachen Fragen" schon gescheitert. Etwa bei dem historischen Grundsatzurteil "Brown vs. Board of Education" des Supreme Courts, das 1954 die Rassentrennung in US-Schulen abschaffte: Das kannten gerade einmal zwei Prozent der Zwölftklässler - obwohl die Antwort in der Frage mitformuliert war. Und das sind jene Schüler, die von dort aus zum College gehen.

Eine Ursache für diese Misere liegt in der Politik. Namentlich in der großen US-Bildungsreform "No Child Left Behind" (NCLB), die Präsident George W. Bush - selbst kaum ein Geschichtsgenie - 2002 mit breiter überparteilicher Zustimmung durchgesetzt hatte. NCLB knüpfte die Schulförderung an die Erfüllung neuer, unflexibler Testnormen, verzichtet dabei jedoch auf einen nationalen Wissensstandard.

Vor allem aber legte NCLB den Schwerpunkt auf Mathematik, Schreiben und Lesen, als Grundlagen wirtschaftlichen Erfolgs. Andere Fächer wurden vernachlässigt - so Geschichte.

"Der Geschichtsunterricht wird völlig außer Acht gelassen", klagte die Historikerin Linda Salvucci, die designierte Chefin des National Council for History Education, in der "New York Times". Auch viele junge Lehrer kümmerten sich heute nicht mehr um das Fach. "Sie sind nicht in der Lage, Geschichte zu unterrichten."

Die Schulleistungen von Schwarzen und Latinos verbesserten sich leicht

Nach zehn Jahren gilt NCLB durchweg als Misserfolg. Die starren Normtests missachteten die Individualität der Schüler, die finanziellen Anreize für die Schulen führten zu Betrug und Schieberei. Die Regierung erwartet, dass zum Jahresende 82 Prozent aller öffentlichen Schulen der USA die strikten Vorgaben von NCLB verfehlen werden. Bushs Nachfolger Barack Obama hat versprochen, die Reform zu reformieren. Doch das politische Reizthema klemmt im Kongress.

"Ein abgerundeter Lehrplan ist die Grundlage für den Erfolg der Schüler in der Schule und im Leben", sagte Bildungsminister Arne Duncan bei der Bekanntgabe der neuen Testresultate. "Deshalb legen wir bei unseren Bemühungen, NCLB zu reparieren, größeren Wert auf Fächer wie Geschichte, Kunst, Theater und Musik."

Einfach gesagt. In den vergangenen 80 Jahren wurden in den USA fast drei Dutzend Schul- oder andere Gesetze erlassen, die Schulen mitbetreffen - davon allein die Hälfe seit 1990. Verbessert hat sich das Bildungsniveau kaum.

Einen Lichtblick gaben die jüngsten Tests aber: Die Schulleistungen von Schwarzen und Latinos verbesserten sich leicht, und die traditionelle Bildungslücke zwischen den Ethnien verringert sich.

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insgesamt 256 Beiträge
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1. Schöne neu verbödete Welt (geMacht!)
cosmo72 23.06.2011
Unser Vorbild! Unsere Medien werden auf genau die gleiche Verdummung ausgerichtet - in RTL und SAT1 immer geringerer von laienhaften Darstellern benutzter Wortschatz ohne Mimik zu Müllthemen mit trashigen Verhaltensformen. Die Planer die den Menschen diesen Müll anbieten machen das seit Jahrzehnten gezielt 1) weniger Worte = weniger Ausdrucksvermögen und weniger Möglichkeit komplexe Sachverhalte zu analysieren oder auszudrücken 2) zur Schaustellung von immer den gleichen primitiven verhaltensmustern, die von jugendlichen Serienjunkies adaptiert werden und kopiert (niemals allen - aber doch mehr als wünschenswert) alles ist irgendwann Show und Realität für die Einfachgeister kaum von *T*otal*V*erblödung trennbar - in den USA treten ständig Bürgermeister und "Politiker" in Filmen auf und hier beim Tatort neulich Löw und Co 3) Bilder - immer mehr und schneller, nackt im Nachmittagsprogramm (Nacktheit erstmal kein Problem - aber die anbeigeklöppelte Nachricht) aber das entblättert sich dann eine junge hübsche Frau im See und haucht unsicher fragend den Mann am Ufer an "Findest Du mich schön" - was glauben Sie nimmt eine 9-12 jährige da mit?! Sie muss Blankziehen und so und so aussehen - die Bestätigung ist beim Gegenüber einzuholen nicht aus Selbstwertgefühl zu schöpfen ...unsw Naja eifern wir doch nach - in den USA haben die Gesellschaftsverwalter und Ingenieure ihre "1984" und "schöne Neue Welt" Ziele schon erreicht! Setzen Sie ihre Kinder vor Kika und Co - entziehen Sie denen echte Gesichter, echte Mimik echtes Gespräch, lassen sie die 100 bis 200-Hz Flimmerei auf das Gehirn Ihrer Kinder los! Dann ab in die Schule - zur weiteren Normierung! http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,737982,00.html Wer nicht funktioniert, oder noch - kriegt eh Ritalin/Prozac!
2. Titel
Freifrau von Hase 23.06.2011
Zum Burger braten reichts wohl trotzdem noch. Und die qualifizierteren Arbeitsplätze sind ja eh schon ins Ausland verlagert.
3. 7
sitiwati 23.06.2011
von 9, bei der 8 Frage hab ich geraten!
4. Nutzloses Wissen
Moridin 23.06.2011
Wozu soll es denn nützlich sein, über solches Wissen zu verfügen? Die Schulbildung ist viel zu stark mit Fachwissen vollgestopft, dessen einziger Nutzen es ist, für eine Prüfung gelernt und danach wieder vergessen zu werden. Stattdessen sollte bei Bildung viel mehr Wert darauf gelegt werden, dass die sich Bildenden Fähigkeiten erwerben, mit denen sie eigenständig Wissen erwerben können. Diese Fähigkeiten können sie dann einsetzen, wenn sie sie benötigen - der Erwerb einer Unzahl von Noten ist aber sicher kein sinnvoller Einsatz solcher Fähigkeiten.
5. .
Rubeanus 23.06.2011
Der oberste Partymeister der deutschen Hauptstadt, Klaus Wowereit, machte vor einigen Jahren Schlagzeilen, als er in einer Fernsehsendung mit einfachen Rechenaufgaben überfordert war und nicht wusste, wann der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wir sollten uns in Deutschland also lieber etwas bedeckt halten.
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