Von Marc Pitzke, New York
Was war die US-Unabhängigkeitserklärung? Wer war Abraham Lincoln? Was gewannen Amerikas Sklaven nach dem Bürgerkrieg?
Relativ einfache Fragen, deren Antworten zum Allgemeinwissen gehören sollten, nicht nur in den USA. Doch die meisten US-Schüler müssen dabei passen - obwohl es doch um ihre eigene Geschichte geht.
Alle vier Jahre prüft die US-Regierung den Wissensstand der amerikanischen Schüler, um Bildungstrends in acht Bereichen zu erfassen: Lesen, Schreiben, Mathematik, Sozialkunde, Naturwissenschaften, Geografie, Ökonomie und Geschichte. "Nation's Report Card" heißen die Multiple-Choice-Fragebögen, "Zeugnisse der Nation", veranstaltet vom Bildungsministerium.
Das aktuellste US-Geschichtszeugnis, gerade vergeben, ist so unmissverständlich wie deprimierend: Amerikas Schüler fallen durch.
US-Geschichtstest: Wie amerikanisch sind Sie?
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Oft ahnungslos, besonders in Geschichte
Das bestätigt zum Teil ein altes, abgedroschenes Klischee: Amerikas Schüler sind in Sachen Geschichte oft ahnungslos. Zwar liegt auch bei deutschen Schülern einiges im Argen, beim Pisa-Leistungstest lagen sie trotz großer Anstrengungen wieder nur im oberen Mittelfeld. Doch in zwei von drei Kompetenzfeldern schlugen deutsche 15-Jährige die amerikanischen Altersgenossen deutlich.
Die Schüler mussten ihr Wissen über acht Perioden der US-Geschichte beweisen: Begonnen im Jahr 1607 mit der Kolonialzeit, darauf folgte die Zeit der Revolution und Staatsgründung bis zum Jahr 1815, dann kamen die Expansion und Reform bis 1861 sowie die Zeit des Bürgerkrieges und der Rekonstruktion bis 1877. Schließlich folgten Fragen zur Entwicklung des modernen Amerikas um die Jahrhundertwende, zu den beiden Weltkriegen und zur Nachkriegszeit.
Doch allein schon diese Aufteilung war vielen zu kompliziert. Seit dem letzten, miserablen Test von 2006, klagt das Ministerium, hätten die US-Eleven beim "Verständnis historischer Schlüsselthemen kaum Fortschritte" gemacht - "inklusive der grundlegenden Demokratie-Prinzipien und der Rolle Amerikas in der Welt".
Schüler befinden sich in guter Gesellschaft: Auch Sarah Palin patzt oft
Kein Wunder, dass auch US-Politiker wie die Republikanerin Sarah Palin bei geschichtlichen Fragen oft versagen, freilich ohne dass das für sie folgenschwere Konsequenzen haben muss. Palin wurde neulich bei einem Besuch in Boston gefragt, was denn die Bedeutung des Nationalhelden Paul Revere gewesen sei, einer zentralen Figur der amerikanischen Revolution. Revere, dozierte Palin, "warnte die Briten, dass sie uns die Waffen nicht abnehmen sollten".
Die korrekte Antwort: Der Silberschmied Revere warnte 1775 vielmehr die Kolonialisten mit seinem legendären, mitternächtlichen Ritt, dass die Briten im Anmarsch seien - der Auftakt der allerersten Gefechte der US-Revolution.
Palin verteidigte sich anschließend wie immer: Das sei mal wieder eine "Fangfrage" gewesen. Im offiziellen US-Geschichtstest wimmelt es von solchen Fangfragen (hier im Quiz).
Mehr als die Hälfte der Zwölftklässler erreichen nur ein "Ungenügend"
Am Ende erreichten nur 20 Prozent der Viertklässler und 17 Prozent der Achtklässler die Wissensstufen "Proficient" oder "Advanced" - genauso wenige wie 2006. Schlimmer noch war es in der High School (Klasse 9 bis 12): Dort hatten gerade mal zwölf Prozent der Zwölftklässler eine Grundbildung. Mehr als die Hälfte landeten auf "Below Basic".
Zwei Drittel der Achtklässler, berichtete das Ministerium, seien bei "anscheinend einfachen Fragen" schon gescheitert. Etwa bei dem historischen Grundsatzurteil "Brown vs. Board of Education" des Supreme Courts, das 1954 die Rassentrennung in US-Schulen abschaffte: Das kannten gerade einmal zwei Prozent der Zwölftklässler - obwohl die Antwort in der Frage mitformuliert war. Und das sind jene Schüler, die von dort aus zum College gehen.
Eine Ursache für diese Misere liegt in der Politik. Namentlich in der großen US-Bildungsreform "No Child Left Behind" (NCLB), die Präsident George W. Bush - selbst kaum ein Geschichtsgenie - 2002 mit breiter überparteilicher Zustimmung durchgesetzt hatte. NCLB knüpfte die Schulförderung an die Erfüllung neuer, unflexibler Testnormen, verzichtet dabei jedoch auf einen nationalen Wissensstandard.
Vor allem aber legte NCLB den Schwerpunkt auf Mathematik, Schreiben und Lesen, als Grundlagen wirtschaftlichen Erfolgs. Andere Fächer wurden vernachlässigt - so Geschichte.
"Der Geschichtsunterricht wird völlig außer Acht gelassen", klagte die Historikerin Linda Salvucci, die designierte Chefin des National Council for History Education, in der "New York Times". Auch viele junge Lehrer kümmerten sich heute nicht mehr um das Fach. "Sie sind nicht in der Lage, Geschichte zu unterrichten."
Die Schulleistungen von Schwarzen und Latinos verbesserten sich leicht
Nach zehn Jahren gilt NCLB durchweg als Misserfolg. Die starren Normtests missachteten die Individualität der Schüler, die finanziellen Anreize für die Schulen führten zu Betrug und Schieberei. Die Regierung erwartet, dass zum Jahresende 82 Prozent aller öffentlichen Schulen der USA die strikten Vorgaben von NCLB verfehlen werden. Bushs Nachfolger Barack Obama hat versprochen, die Reform zu reformieren. Doch das politische Reizthema klemmt im Kongress.
"Ein abgerundeter Lehrplan ist die Grundlage für den Erfolg der Schüler in der Schule und im Leben", sagte Bildungsminister Arne Duncan bei der Bekanntgabe der neuen Testresultate. "Deshalb legen wir bei unseren Bemühungen, NCLB zu reparieren, größeren Wert auf Fächer wie Geschichte, Kunst, Theater und Musik."
Einfach gesagt. In den vergangenen 80 Jahren wurden in den USA fast drei Dutzend Schul- oder andere Gesetze erlassen, die Schulen mitbetreffen - davon allein die Hälfe seit 1990. Verbessert hat sich das Bildungsniveau kaum.
Einen Lichtblick gaben die jüngsten Tests aber: Die Schulleistungen von Schwarzen und Latinos verbesserten sich leicht, und die traditionelle Bildungslücke zwischen den Ethnien verringert sich.
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