Bildungspolitik: CDU-Kommission will Hauptschule abschaffen

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Die Union steuert um: Eine Parteikommission empfiehlt, die Hauptschule aufzugeben und sie mit der Realschule zu fusionieren. So soll das Bildungschaos eingedämmt werden. Ein richtiger Schritt - der allerdings sehr spät kommt.

Auslaufmodell Hauptschule: "In den Augen der Eltern eine Restschule" Zur Großansicht
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Auslaufmodell Hauptschule: "In den Augen der Eltern eine Restschule"

Hamburg - Wenn es um das Thema Hauptschule ging, haben Bildungspolitiker der Union in den vergangenen Jahren besonders viel Kreativität entwickelt. In manchen Ländern starteten sie Programme, die neue Impulse für die schwächelnden Schüler bringen sollten. In anderen Fällen benannten sie die Schulform kurzerhand um und gaben ihr ein neues Profil. Wieder andere Landtagsfraktionen wagten den Schnitt und verabschiedeten sich völlig von der Hauptschule. Eine bundesweite Parteilinie gab und gibt es nicht, oder besser: noch nicht.

Im November soll ein Parteitag entscheiden, was unter christdemokratischer Bildungspolitik künftig zu verstehen ist. Die Vorarbeit leistet eine von Parteichefin Angela Merkel eingesetzte Expertenkommission - und die hat nun entschieden: Die Hauptschule soll abgeschafft werden.

Die Kommission wird vorschlagen, Haupt- und Realschulen zu fusionieren und zu sogenannten "Oberschulen" umzubauen. Das kündigte der sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU) an, der die Kommission zusammen mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) leitet.

"In den Augen der Eltern ist sie eine Restschule"

Es sieht sehr danach aus, dass die Christdemokraten den Vorschlägen der Kommission folgen. Schavan hatte schon in der Vorwoche vom "Weg zur Zweigliedrigkeit gesprochen", der sich in Ostdeutschland bewährt habe. Die CDU-Fraktionsvorsitzenden in den Landtagen von Berlin, Brandenburg und Thüringen hatten zuvor zehn Thesen zur Bildungspolitik veröffentlicht und ebenfalls ein "starkes Zwei-Säulen-Modell aus Oberschulen und Gymnasien" gepriesen.

Das Gremium ist gerade dabei, seine Vorschläge zu formulieren. An der fusionierten Oberschule sollen dann der Haupt- und der Realschulabschluss angeboten werden. So solle die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems erhöht werden. Wöller sagte SPIEGEL ONLINE, die Hauptschule sei ein Auslaufmodell, ihr fehle die Akzeptanz: "In den Augen der Eltern ist sie eine Restschule."

Diese Erkenntnis ist richtig - und sie ist keineswegs neu. Während die CDU in Sachen Atompolitik radikal und schnell umsteuerte, erfolgt der Kurswechsel bei der Bildung nur langsam. Dabei gibt es schon lange zwingende Gründe für die Abschaffung der Hauptschule: Durch den Geburtenrückgang verliert diese bei Eltern unbeliebte Schulform rapide Schüler, vielerorts reichen die Neuanmeldungen nicht mehr, um auch nur eine Klasse zu bilden.

Vorbild Sachsen

Doch erst nach und nach zwingt das Aussterben der Hauptschulen Unionspolitiker zum Umdenken. Noch im Oktober stellte Wöller gemeinsam mit seinen damaligen Amtskollegen aus Bayern, Ludwig Spaenle (CSU), und Baden-Württemberg, Marion Schick (CDU) ein Grundsatzpapier zur Schulpolitik vor, das die Notwendigkeit eines differenzierten Schulsystems betonte und zur Frage nach den Hauptschulen keine Antwort bot.

Spaenle sagte zu dem Vorschlag der Kommission, er sei weiterhin überzeugt "von drei allgemeinbildenden Schulformen". Bayern gehe mit der Einführung der Mittelschule einen eigenen Weg. Mit den Mittelschulen wird dort die Möglichkeit von Schulverbünden geschaffen, wo Schüler knapp werden. "Wir müssen unterschiedlichen Schülern unterschiedliche Bildungswege eröffnen", sagte Spaenle SPIEGEL ONLINE.

Die CSU könnte mit dieser Politik jedoch bald alleine dastehen, sollten die Kommissionsvorschläge in der Union zum Common Sense werden. Als Vorbild für die Vorschläge dient Sachsen. Dort und in anderen ostdeutschen Bundesländern hatte die Politik nach der Wende darauf verzichtet, die Hauptschule einzuführen. Man setzte von Anfang an auf ein zweigliedriges System - und fuhr damit Erfolge bei Vergleichsstudien wie Pisa ein. Sachsen etwa belegte stets einen der vorderen Plätze.

Auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) tüftelte an einer Schulreform, die ähnlich aussieht wie die Kommissionsvorschläge: Althusmann führt eine neue Schulform ein, die künftig Real- und Hauptschulen zusammenführen soll. Ihr Name: Oberschule. Die CDU-nahe Bundesdirektorenkonferenz setzte Ende 2010 ein Zeichen: Sie empfahl in ihrer "Berliner Erklärung" Althusmanns Schulreform eine bundesweite Gültigkeit. Damit könne das Schulchaos zwischen Ländern endlich beendet werden, hieß es.

Unzählige Kompromisse in den Ländern haben einen Irrgarten geschaffen

Doch das Beispiel Niedersachsen zeigt auch, dass ein zweigliedriges System für die CDU ein enormes Konfliktpotential birgt, jedenfalls in westdeutschen Bundesländern: Althusmann wollte ursprünglich zulassen, dass auch an Oberschulen das Abitur angeboten wird. Es gab heftigen Streit, weil die Lobby der Gymnasiallehrer dafür kämpfte, dass Schüler den Abschluss nur an Gymnasien erlangen können. Die schwarz-gelbe Landesregierung knickte ein: Nach Klasse zehn wird an Oberschulen Schluss sein.

Dieser Streit soll beim Parteitag im November offenbar unbedingt vermieden werden, würde er doch mit dem Gymnasium die Bildungsherkunft vieler Stammwähler in den Mittelpunkt der Debatte rücken. Der Kommissionsvorsitzende Wöller sagte, man solle es den Bundesländern überlassen, ob es an Oberschulen auch eine Oberstufe geben wird, die zum Abitur führt.

Das allerdings würde ein zentrales Ziel konterkarieren, das hinter den Vorschlägen steht. Bei Dutzenden Reformen und zusammengezimmerten Kompromissen zwischen Gesamtschul-Fans und Verteidigern der Gymnasien setzte sich mal die eine, mal die andere Seite stärker durch. 96 verschiedene Schularten sind so dabei herausgekommen, hat das Bundesbildungsministerium gezählt - ein Irrgarten, den die Union bekämpfen will.

Mit der Abkehr der CDU von der Hauptschule wäre das Chaos nicht automatisch beseitigt, doch sollte sich die Partei im November auf die Vorschläge der Expertenkommission einigen, wäre die Botschaft klar: Dem Aus der Hauptschule steht nichts mehr entgegen.

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insgesamt 162 Beiträge
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1. Da
Lichtgestalt1503 23.05.2011
Zitat von sysopDie Union steuert um: Eine Parteikommission empfiehlt, die Hauptschule aufzugeben und sie mit der Realschule zu fusionieren. So soll das Bildungschaos eingedämmt werden. Ein richtiger Schritt - der allerdings sehr spät kommt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,764229,00.html
stellt sich mir die Frage: ist es dann in Wirklichkeit nicht die Realschule die abgeschafft wird? Das Niveau bei einer Zusammenlegung von Haupt- und Realschule wird sich wohl eher nach unten als nach oben orientieren.
2. q.e.d. - die CDU steht für ... nichts
Beduine 23.05.2011
Mal wieder versucht die CDU anscheinend kurzfristige Erfolge zu erzielen, indem sie ein weiteres Mal Überzeugungen über den Haufen wirft und die restlichen noch verblieben Wähler vergrätzt. Wer soll diese Opportunisten noch wählen? Was will diese Partei, außen natürlich Wahlen zu gewinnen? Wofür steht sie? Ich habe keine Ahnung mehr.
3. Ist doch schon längere Zeit in Rheinlandpfalz eingeführt
sukowsky 23.05.2011
Ist doch schon längere Zeit in Rheinlandpfalz eingeführt.
4. Reform(unfähigkeit)
Andreas Rolfes 23.05.2011
Will die CDU noch einen weiteren Teil ihrer Wähler vergraulen? Predigte man doch Jahrtzehnte (oder gar Jahrhunderte?) lang die überlegenheit des 3-gliedrigen Schulsystems. Wobei bei unserer 16-Bundesländer-lokalpatriotischer-Bildungsideoliepolitik ist es kein wunder, daß eh keiner mehr weiß, in welchem Bundesland welche Schulstruktur gerade wie umgesetzt wird.
5. Hauptschule abschaffen? Ein Witz...
jdm11000 23.05.2011
Zitat von sysopDie Union steuert um: Eine Parteikommission empfiehlt, die Hauptschule aufzugeben und sie mit der Realschule zu fusionieren. So soll das Bildungschaos eingedämmt werden. Ein richtiger Schritt - der allerdings sehr spät kommt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,764229,00.html
... wer denkt, damit würden alle Probleme, die die Hauptschule zur Restschule machten, würden damit gelöst. Die Hauptschule war früher einmal eine Schulform, die die Gesellen von morgen stellten. Erst die Politiker mit ihrem Leistungsreduzierungswahn haben das unterminiert, hinzukommend die Anforderungssteigerungen aus der Industrie und dem Handwerk. Eine Verschmelzung mit der Realschule bringt nichts, aber auch gar nichts. Denn damit werden die Probleme nur verlagert. Generationen, die das Lernen verlernt und den Respekt nie kennengelernt haben, werden halt die Realschule auch nur kaputt machen. Das ist nur Nährboden für Leistungsreduzierungen seitens der SPD, Grünen und Linken! Mehr ist das nicht! Ganz einfaches Beispiel: wer 12 * 12 nicht im Kopf rechnen kann, wird auch den Dreisatz nicht verstehen und Gleichungen mit zwei oder mehr Unbekannten auch nicht lösen können. Was bringt es da, diese schwachen Schüler auf die Realschule zu lassen? Das in Zukunft nur noch Abiturienten einen Ausbildungsplatz erhalten? Politiker sind nur zu dumm.. allzu dumm!
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