Bildungsunrecht: Notfallplan für Problemschulen
Deutschland hat zu viele schwache Schulen, Kinder von Reichen haben die besten Chancen - das zeigt eine neue Bertelsmann-Studie. Jetzt ist es an der Zeit, endlich den immensen Wohlstand zu nutzen, um das Schulsystem zu reparieren. Bildungsgerechtigkeit ist möglich.
Was die Bertelsmann-Stiftung an Grausamkeiten über die deutschen Schulen zusammenstellen ließ, ist wenig überraschend. Doch Verdienst der Stiftung ist es, dass sie endlich zum Generalthema macht, was die Kultusminister am liebsten in Fußnoten der Pisastudien verstecken: übergroße Leistungsabstände zwischen Schülern aus armen und reichen Familien.
Migranten- und Hartz-IV-Kinder sind eingesperrt ins Gefängnis Metropolenschule. Die Schulen dort und auch in den neuen Bundesländern scheitern überdurchschnittlich häufig damit, sie bis zum Schulabschluss zu unterrichten. Ganze Schulbezirke in Deutschland wirken nicht als Sprungbretter, sondern wie Unterschichtsfabriken - und das, obwohl das Land jedes Talent braucht.
Das Gute an der Bertelsmann-Studie ist, dass der "Chancenspiegel" regelmäßig Gerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulen beurteilen soll. Die Bertelsmänner haben versprochen, dass sie das Thema nicht mehr aus den Augen verlieren wollen. Aber warum entdeckt die Stiftung erst zehn Jahre nach Pisa die Bildungsarmut? Und wieso nutzt sie dafür 39-mal in ihrer Studie das umständliche Wort "Chancengerechtigkeit"?
Schaut man sich die Geschichte des Begriffs Chancengerechtigkeit genauer an, dann kommt ein Verdacht auf: Bertelsmann schaltet den Weichspülgang ein. Denn die Chancengerechtigkeit ist nicht irgendein Begriff, es ist ein CDU-Kampfbegriff der siebziger Jahre. Die Christdemokraten setzten ihn damals ganz bewusst als politische Waffe ein, gegen einen populären Slogan der SPD. Mit dem Wort Chancengleichheit hatte SPD-Kanzler Willy Brandt die Republik und ihr Bildungssystem aufgemischt. 1978 schrieb die CDU die Chancengerechtigkeit ins Parteiprogramm. Man dürfe die menschliche Existenz nicht gleichmachen, wie es die Sozialdemokraten täten. Denn Chancen, hieß es damals wörtlich, "können immer nur nach den persönlichen Anlagen des einzelnen genutzt werden".
So gelesen hätte Chancengerechtigkeit mit Gerechtigkeit gar nichts zu tun, sie wäre Begabungslehre in Reinform. Mit ihr wurde in Deutschland jahrzehntelang gerechtfertigt, dass Arbeiter- und Zuwandererkinder selbst bei gleichen Leistungen in niedrige Schulformen geschickt werden. Chancengerecht ist es nämlich, wenn Ayse und Kevin in die Hauptschule gehen - und Arzttochter Lena ihren Weg ins Gymnasium findet. Damit hat sich die Stiftung als Gegenspieler der Kultusminister geoutet. Das ist gut so, aber reicht nicht aus. Was jetzt getan werden muss, ist gemeinsam gegen Bildungsarmut zu kämpfen. Die oberen Zehntausend müssen den unteren Hunderttausend unter die Arme greifen.
Etliche private Stiftungen engagieren sich oft nur in stecknadelkopfgroßen Projekten. Doch es gibt genügend förderwürdige Programme. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Notfallplan für, sagen wir, 3000 deutsche Brennpunktschulen. Stiftungen und Industrie könnten gemeinsam mit dem viel zu lethargischen Staat die Unterschichtsfabriken in Hamburg-Wilhelmsburg, München-Hasenbergl, Berlin-Neukölln oder Frankfurt-Gallus neu erfinden. Denn dort liegt die Zukunft der Nation - genauso wie in den milliardenteuren Forschungsleuchttürmen.
Doch wie schwierig das ist, zeigt zum Beispiel ein anderes Bertelsmann-nahes Projekt: "Teach First" demonstriert Glanz und Elend der Bildungsrepublik. Dort helfen exzellente Absolventen deutscher Hochschulen Ayse und Kevin über die Bildungshürden. Aber bislang gelingt es nicht, in einer der reichsten Nationen der Welt genug Geld zu akquirieren, um die jungen Bildungsengel wirklich in viele Problemschulen ausschwärmen zu lassen. Gerade mal 100 Fellows bekämpfen die Bildungsarmut von Angesicht zu Angesicht. Industrie und Bundesländer lassen sie am ausgestreckten Arm verhungern, Gewerkschaften bremsen zusätzlich den Weg der Hilfslehrer an die Schulen. Hier könnten Bertelsmann und andere konkret zeigen, dass sie Chancengerechtigkeit anders verstehen als die CDU in den siebziger Jahren.
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