Von Oliver Trenkamp
Eine Klasse übersprungen, Einser-Abitur, Bundessieger bei einem Wissenstest - Johannes Fiukowski, 18, aus Leipzig war als Schüler eigentlich immer spitze. Sein Bundesland ist es jetzt auch: Sachsen belegt im neuen Ländervergleich der Pisa-Studie den ersten Rang, und das in allen Disziplinen. "Besonders fleißig war ich eigentlich nicht", sagt Johannes Fiukowski, "erst am Schluss, als es aufs Abi zuging."

Schüler in NRW bei der Abi-Prüfung: "Stundenanteil der Naturwissenschaften in allen neuen Ländern deutlich höher als im Westen"
Auch Sachsen als Ganzes profitiert jetzt vom schulpolitischen Neubeginn der frühen neunziger Jahre, ebenso wie das bei Pisa-E drittplazierte Thüringen. Nach der Wende hatten ostdeutsche Bildungspolitiker darauf verzichtet, eigenständige Hauptschulen einzurichten - und sich an Gymnasien für das Abitur nach der zwölften Klasse entschieden.
Hauptschulen? Nicht in Ostdeutschland
Sachsen und Thüringen zählen jetzt zu den großen Gewinnern des innerdeutschen Ländervergleichs Pisa-E der 15-jährigen Schüler. Sachsen eroberte den Spitzenplatz in Mathematik und Lesekompetenz sehr knapp vor Bayern. Beim Schwerpunkt Naturwissenschaften liegt das Land international sogar auf dem zweiten Rang hinter Finnland, wenn man die deutschen Bundesländer in die weltweite Studie einsortiert.
Zu DDR-Zeiten schwärmten Parteifunktionäre gern von "Weltniveau" (und meinten damit Westniveau). Sachsens Schulen haben tatsächlich Weltniveau erreicht und brauchen sich jedenfalls in den Naturwissenschaften vor den stärksten Pisa-Teilnehmern nicht zu verstecken.
Eine Besonderheit aller fünf ostdeutschen Bundesländer: Es gibt dort keine Hauptschulen, wie sie im Westen Tradition haben. Schüler wie Johannes Fiukowski haben in Sachsen und Thüringen nach der vierten Klasse nur die Wahl zwischen zwei Schulformen: Das Gymnasium führt in acht Jahren zum Abitur; an der Mittelschule (Sachsen) und Regelschule (Thüringen) kann man den Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife erreichen. In der fünften und sechsten Klasse lernen alle Mittelschüler gemeinsam, dann entscheiden sie sich für einen Zweig, können aber später noch aufsteigen.
In den Naturwissenschaften von jeher stark
Das hat auch historische Gründe: Zu DDR-Zeiten gab es keine Hauptschule, alle Schüler besuchten bis zur zehnten Klasse gemeinsam die Polytechnischen Oberschulen (POS). Auf dem Stundenplan standen unter anderem technische und handwerkliche Übungen. Das POS-Modell wurde zwar nicht übernommen, aber das hohe Ansehen technischer und naturwissenschaftlicher Fächer blieb.
Dort lag bei der aktuellen Pisa-Runde der Schwerpunkt. An den sächsischen Mittelschulen, also bei den Schülern von der fünften bis zehnten Klasse, machen Naturwissenschaften im Schnitt 26 Wochenstunden aus. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen sind es gerade mal 19 bis 23 Wochenstunden Biologie, Chemie und Physik.
"Der Stundenanteil der Naturwissenschaften ist in allen neuen Ländern deutlich höher als im Westen", sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen. Mit rund einem Drittel am Gesamtunterricht gibt Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) den Anteil der sogenannten Mint-Fächer an, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Und er verweist stolz darauf, dass sächsische Schüler seit diesem Schuljahr die Fächer Physik, Chemie und Biologie in der gymnasialen Oberstufe auch nicht mehr abwählen könnten. Eine solche Regelung gebe es in keinem anderen Bundesland.
Das würdigen auch die Autoren der aktuellen Pisa-E-Studie. In Sachsen schneiden bei den Naturwissenschaften neben den Gymnasiasten die Mittelschüler ebenfalls gut ab: Ihr "Kompetenzwert", wie es in der Studie heißt, liegt "statistisch signifikant über dem OECD-Durchschnitt". Auffallend finden die Autoren auch den geringen Anteil der Mittelschüler, die lediglich die unterste Kompetenzstufe erreichen.
Generell verzeichnen die fünf ostdeutschen Länder allerdings einen sehr geringen Anteil an Einwandererkindern - weit niedriger als im West-Schnitt. Natürlich zählen nicht alle Jugendlichen mit ausländischen Eltern zur schulischen "Risikogruppe"; eine Auswertung in Brandenburg etwa zeigte kürzlich, dass Schüler mit vietnamesischen Eltern ihre einheimischen Mitschüler locker überflügeln. Aber vor allem in Ballungsräumen führt die Mischung aus sprachlichen Schwächen, sozialer Herkunft und unzureichender Förderung bei Migranten vielfach zu Schulproblemen.
Die Mittelschule: Ein Modell für den Aufbau West?
Im Mittelfeld bei Pisa-E landeten jetzt Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sachsen-Anhalt hatte die Hauptschulen kurz nach ihrer Einführung wieder abgeschafft und setzt auf Sekundarschulen. Mecklenburg-Vorpommern orientierte sich länger am dreigliedrigen System aus dem Westen und führte neben dem Gymnasium Real- und Hauptschulen statt Mittelschule ein, schwenkte aber dann um auf Verbundschulen und Regionalschulen, an denen ebenfalls verschiedene Schulabschlüsse möglich sind. Brandenburg verzichtete von Anfang an auf Hauptschulen, führte aber erst vor wenigen Jahren Realschulen und Gesamtschulen ohne gymnasiale Oberstufe zusammen. Dort heißt das Konzept schlicht Oberschule.
Ein weiterer Grund für das zweigliedrige Schulsystem im Osten ist der Bevölkerungsschwund durch Abwanderung und Geburtenrückgang. In Sachsen leben heute rund 600.000 Menschen weniger als zur Zeit der Wiedervereinigung. Drei verschiedene Schultypen zu betreiben wäre schlicht unpraktikabel. Pädagogisch wirkt sich das positiv aus: Die Klassen sind im Schnitt kleiner als im Westen, die Betreuung ist somit besser.
Soziale Herkunft hat geringeren Einfluss
Mit der Mittelschule etablierten die ostdeutschen Länder eine Schulform, von der sich der Westen mittlerweile einiges abguckt. Selbst Bundesländer, die eisern an der Hauptschule festhalten, schielen gen Osten: So gab Helmut Rau (CDU), Kultusminister in Baden-Württemberg, eine Studie in Auftrag, die Lernerfolge seiner Landeskinder mit denen sächsischer Mittelschüler vergleichen soll.
Wissenschaftler loben die soziale Durchlässigkeit des Modells. "Ein gut gemachtes zweigliedriges System kann möglicherweise auch Lernschwache zu guten Leistungen bringen", sagt Bildungsforscher Klemm. Schon frühere Pisa-Studien hatten die Chancengerechtigkeit des sächsischen Schulsystems betont. Die soziale Herkunft spiele nur eine geringe Rolle für gute Lernleistungen.
Dafür steht auch der beste Freund von Johannes Fiukowski: Asat, ebenfalls 18. Der Sohn eines Einwanderers aus einer kleinen ehemaligen Sowjetrepublik absolvierte die Mittelschule in Leipzig, machte den mittleren Schulabschluss, wechselte aufs Gymnasium, wiederholte die zehnte Klasse. Jetzt verbringt er ein Austauschjahr in Kanada, um danach aufs Abitur zuzusteuern. "Ganz leicht war es für ihn nicht", sagt Fiukowski, "aber schaffen wird er es auch."
Mit Material von dpa und AFP
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