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Bildungsverlierer: "Hauptschüler haben keine Chance"

Viele Jugendliche drehen Warteschleifen in Fördermaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden. Dieses Übergangssystem bewertet die Soziologin Heike Solga als nutzlos. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt die Ausbildungsexpertin, was Problemschülern wirklich helfen kann.

Azubis beim Schweißkurs: "Das Übergangssystem bringt nicht viel" Zur Großansicht
DPA

Azubis beim Schweißkurs: "Das Übergangssystem bringt nicht viel"

SPIEGEL ONLINE: Eine große Zahl von Schulabgängern landet im Übergangssystem, das Jugendliche ohne Ausbildungsplatz auffangen und qualifizieren soll. Was taugt dieses System?

Solga: Der Ausbildungspakt sieht vor, dass jeder ausbildungswillige und -fähige Jugendliche einen Ausbildungsplatz bekommen soll. Der Pakt wird jedes Jahr erfüllt - nur fragt man sich, wieso die Zahl der Jugendlichen im Übergangssystem so hoch ist. Das System dient vor allem der Politik und der Wirtschaft, denn darin landen auch Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz bekommen konnten, obwohl sie ausbildungsfähig sind. So tauchen sie aber nicht in der Statistik auf - und gefährden somit die Erfüllung des Pakts nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das Übergangssystem ist also gut für die Statistik. Ist es auch gut für die Jugendlichen?

Solga: Viele Studien zeigen, dass es nicht viel bringt. Das Problem wird nicht gelöst: Die Jugendlichen machen eine Schleife nach der anderen, werden demotiviert. Zudem sind die einzelnen Maßnahmen nicht aufeinander abgestimmt, so dass die Chancen auf einen Ausbildungsplatz kaum steigen. Das System müsste so funktionieren, dass den Jugendlichen ein Ausbildungsplatz garantiert wird, wenn sie die Maßnahmen erfolgreich durchlaufen haben. Denn dann sind sie ja ausbildungsfähig.

SPIEGEL ONLINE: Unternehmen klagen, dass die Jugendlichen zu wenige Kompetenzen mitbrächten und darum Ausbildungsplätze unbesetzt blieben. Hapert es an den Schulen?

Solga: Was Hauptschulen heute leisten, ist sehr viel mehr als etwa Gymnasien. Sie haben die schwierigsten Schüler. Hauptschulen sind extrem kreativ und die Lehrer sehr engagiert. Aber ein Lehrer kann nicht für 20 Problemschüler ein Elternersatz sein. Es ist wichtig, dass in Schulen mehr Sozialpädagogen arbeiten, die mit Problemen der Schüler besser zurechtkommen, bei der Ausbildungsplatzsuche helfen, die mal mit ihnen in einen Betrieb gehen und Kontakt knüpfen. Dann würden Betriebe das Gefühl haben: Da kümmert sich jemand - und wenn wir dem Schüler trotz schlechter Noten eine Chance geben, bleiben wir nicht allein mit ihm.

SPIEGEL ONLINE: Aber muss sich nicht auch an den Lehrplänen etwas ändern, um die Schüler besser auf das Berufsleben vorzubereiten?

Solga: Sie finden kaum noch eine Hauptschule, die keine Kooperation mit Unternehmen hat oder Betriebspraktika anbietet. In Niedersachsen gibt es zum Beispiel Berufsstarterklassen für akut abschlussgefährdete Jugendliche. Die gehen zwei Tage in der Woche in Betriebe und das über ein bis zwei Jahre. Die Quote der Schüler, die direkt nach der Schule in eine Ausbildung wechseln und später nicht abbrechen, ist im Vergleich extrem hoch: 43 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Viele Bildungspolitiker sehen das längere gemeinsame Lernen als bestes Rezept, schwache Schüler zu fördern. Kann eine Verlängerung der Grundschulzeit die Zahl der Risikoschüler senken?

Solga: Es ist ein guter Ansatz. In Berlin gibt es Hauptschulen, in denen seit Jahren kein Abgänger in eine Ausbildung gekommen ist. Dass das nicht motiviert, ist doch logisch. Es wäre für schwache Schüler wichtig, gute Schüler in der Klasse zu haben. Außerdem gäbe es pro Klasse weniger Problemschüler, um die sich Lehrer intensiver kümmern könnten.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Anforderungen der Unternehmen an ihre Azubis gestiegen?

Solga: In der Tat sind die Anforderungen in manchen Berufen gestiegen. Oftmals sind sie höher als das, was die Arbeit eigentlich fordert. Die Deutsche Bahn zum Beispiel testet Bewerber im Assessment Center. Die Latte wird dabei so hoch gehängt, dass Hauptschüler keine Chance haben - unabhängig davon, was die Azubis bei der Bahn später wirklich machen.*

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Ausbildungsmarkt und den Chancen von Jugendlichen. Über "Risikoschüler" wurde schon viel geredet und geschrieben - nimmt die Politik das Problem ernst genug?

Solga: Erschreckend ist, dass sich nicht viel tut. Eine Reihe von Studien zeigt, dass Schüler in Deutschland weniger Kompetenzen haben als in anderen Ländern. Nun werden sie ja nicht dümmer geboren. Was passiert? Man schimpft reihum: Die Berufsbildung - einschließlich Arbeitgeber - schimpft auf die Schulen, die Schulen schimpfen auf die Kindergärten, die Kindergärten auf die Eltern. Wenn wir aber alles auf die Eltern zurückführen, werden wir das Problem nicht lösen.

* Anmerkung der Redaktion: Nach Angaben der Deutschen Bahn trifft es nicht zu, dass Bewerber für Ausbildungsplätze im Assessment Center getestet werden. Die Auswahl erfolge ausschließlich anhand von Vorstellungsgesprächen, sagte ein Sprecher des Konzerns.

Das Interview führte Birger Menke

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Geiz ist geil!
PeterShaw 03.03.2010
Zitat von sysopViele Jugendliche drehen Warteschleifen in Fördermaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden. Dieses Übergangssystem bewertet die Soziologin Heike Solga als nutzlos. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt die Ausbildungs-Expertin, was Problemschüler wirklich helfen kann. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,681582,00.html
"Man schimpft reihum: Die Berufsbildung - einschließlich Arbeitgeber - schimpft auf die Schulen, die Schulen schimpfen auf die Kindergärten, die Kindergärten auf die Eltern. Wenn wir aber alles auf die Eltern zurückführen, werden wir das Problem nicht lösen." Schimpfen kostet nichts.
2. Komisch ....
carsonlau 03.03.2010
zu "meiner Zeit" war die 8 jährige Grundschule noch die Regel, das Gymnasium die Ausnahme. Lehrstellen gab es zwar auch nicht wie Sand am Meer, aber wer die Lehre erfolgreich hinter sich gebracht hatte und weiter wollte, für den gab es immer noch den 2. Bildungsweg. Ob das Idealzustände waren, daß fast nur Akademikerkinder studierten, ist mehr als fraglich - aber diese Kluft zwischen Grund/Haupt - Realschule - Gymnasium gab es auf jeden Fall nicht. Also woher der Abstieg der Hauptschule? PS: und eine Banklehre kriegte man auch fast nur mit Abi oder Vitamin B.
3. So viele Kinder die keine Eltern haben?
digitaltaveler 03.03.2010
Zitat von sysopViele Jugendliche drehen Warteschleifen in Fördermaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden. Dieses Übergangssystem bewertet die Soziologin Heike Solga als nutzlos. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt die Ausbildungs-Expertin, was Problemschüler wirklich helfen kann. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,681582,00.html
Ein höchst interessanter Artikel - Frau Solga spricht zwar viel über Jugendliche, Firmen, Schulen, Lehrer Pädagogen - alle sollen einen Beitrag zur Verbesserung beitragen. Alle? Nein, nicht Alle - wo sind/bleiben die Verpflichtungen der Eltern - Die untenstehende Sätze sind bezeichnend. Solga: Was Hauptschulen heute leisten, ist sehr viel mehr als etwa Gymnasien. Sie haben die schwierigsten Schüler. Hauptschulen sind extrem kreativ und die Lehrer sehr engagiert. Aber ein Lehrer kann nicht für 20 Problemschüler ein Elternersatz sein. Es ist wichtig, dass in Schulen mehr Sozialpädagogen arbeiten, die mit Problemen der Schüler besser zurechtkommen, bei der Ausbildungsplatzsuche helfen, die mal mit ihnen in einen Betrieb gehen und Kontakt knüpfen. KEIN Wort über die Eltern - warum nicht, Frau Solga??
4. Keine Lösungsansätze
c++ 03.03.2010
Nettes Interview. leider ohne jeden Lösungsansatz. Es fehlen schlicht und einfach die Arbeitsplätze mit geringen Anforderungen, die früher diese Schüler aufnahmen. Das ist es. Und dass die Bahn zu hohe Anforderungen an die Mitarbeiter stellt, also überqualifiziertes Personal hat, wird jeden, der täglich Kunde der Bahn ist, mehr als verwundern. Zitat: "Es wäre für schwache Schüler wichtig, gute Schüler in der Klasse zu haben. Außerdem gäbe es pro Klasse weniger Problemschüler, um die sich Lehrer intensiver kümmern könnten" Da frage ich mich, ob die schwachen Schüler motiviert werden, wenn sie jede Minute sehen, wie hoffnungslos sie unterlegen sind. Und was ist mit den guten Schülern? Wäre es für sie wichtig, schwache Schüler in der Klasse zu haben? Um nicht so viel lernen zu müssen? Um sich zu langweilen? Und wenn der Lehrer sich die ganze Zeit um die paar Problemschüler kümmern muss (das ist leider die Realität), wie soll er sich dann um die besseren Schüler kümmern. Tut mir leid, das Interview hätte man sich sparen können. Die Dame hat keinerlei Lösungsansätze präsentiert, nur Vorurteile
5. Nicht mit mir!
Nils74, 03.03.2010
"Es wäre für schwache Schüler wichtig, gute Schüler in der Klasse zu haben." Noch ein Grund weniger, Kinder in die Welt zu setzen. Wenn man seinem Kind abends vorgelesen, ihm Wasserfarben in die Hand gedrückt, ihm Baukästen und Wachsmalstifte statt Gameboy und eigenem Fernseher gekauft hat und dann noch das Quentchen Glück hatte, ist es spätestens nach der Einschulung vorbei mit der Herrlichkeit. In das Haifischbecken von Murats, Aishes und Mehmets geworfen, soll das Kind nun als Rettungsschwimmer herhalten, an dem sich die Nichtschwimmer festklammern sollen. Und das am besten noch bis zum Abschluss, wenn es nach unseren Gesamtschule-Wütigen Politikern geht. Ausgang vorhersehbar. Ich werde keine Kinder in die Welt setzen, nur um sie ins Mahlwerk eines völlig entarteten und vernunftbefreiten Systems zu stoßen und hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sie darin zermahlen werden!
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Zur Person
David Ausserhofer
Die Soziologie-Professorin Heike Solga leitet die Abteilung "Ausbildung und Arbeitsmarkt" am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Sie berät unter anderem das Bundesinstitut für Berufsbildung und beschäftigt sich mit den Ursachen unterschiedlicher Bildung und den Chancen von Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt.

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