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Boom der Internate: Reich an Bildung

Von Eva Buchhorn

Pisa und Lehrermangel stürzen die öffentlichen Schulen in die Krise. Nun umgarnen Privatinstitute verunsicherte Eltern und Schüler. Sie bieten kleinere Klassen, individuelle Förderung und werben um Hochbegabte - eine Spurensuche in der noblen Welt von Deutschlands Internaten.

Welche Schule passt? So finden Sie das richtige Internat Fotos
DPA

Es war ein Tag im November, als in Louisenlund, Schloss an der Schlei und traditionsreiche Stätte gehobener Internatserziehung, die Revolution ausbrach. Schüler riefen "Chaos-Tage" aus, blieben dem Unterricht fern und zogen zu nächtlicher Stunde mit Fackeln ums Schloss. Lehrer, so hört man, sympathisierten. Drei Tage lang ging nichts mehr.

Der Anlass der Unruhen: Louisenlund hat einen neuen Schulleiter. Werner Esser, einst Salem-Pädagoge und zuletzt Leiter des staatlichen sächsischen Hochbegabten-Gymnasiums Sankt Afra in Meißen, ist angetreten, das akademische Niveau zu heben.

Kein kleiner Schock für die Anhänger der Louisenlunder Internatspädagogik. Das feine Institut orientiert sich an den Ideen Kurt Hahns, der 1920 in Salem die Landerziehungsbewegung ins Leben rief. Louisenlunder lernen Kuttersegeln, schulen ihren Gemeinschaftssinn bei der Feuerwehr und engagieren sich in allerlei "Gilden" - vom Politikprojekt bis zum Theaterspiel.

Kulturkampf im Nobelinternat

Zu den Schülern zählen derzeit zum Beispiel Newton und Edison, die Söhne des Hamburger Werbers Jean-Remy von Matt. Auch Kaffeeunternehmer Albert Darboven und Privatbankier Max Warburg drückten hier einst die Schulbank.

Mit Essers Amtsantritt drohte ein Kulturkampf im Nobelinternat: Schüler und Teile der Lehrerschaft sahen die Traditionen verraten, fürchteten strammen Drill statt ganzheitlicher Erziehung. Doch ein Zurück zur alten Idylle ist nicht in Sicht. Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg höchstselbst, Vorstandsvorsitzende der das Internat tragenden Stiftung, hat den neuen Kurs angeordnet. Denn in Louisenlund blieben Plätze frei.

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AP
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Die Schule kämpft um ihre Kundschaft - und das in Zeiten, in denen Familien privaten Schulen die Türen einrennen. Immer mehr Eltern sind enttäuscht von den Schwächen vieler staatlicher Gymnasien. Pisa-Studien, Unterrichtsausfall, achtjähriges Gymnasium und Lehrermangel trieben besorgte Eltern scharenweise in seine Beratung, berichtet der frühere Salem-Lehrer Hartmut Ferenschild, der heute Eltern bei der Suche nach dem richtigen Internat berät.

Misere der öffentlichen Schulen ist gut für die Internate

In jeder größeren Stadt entstehen Privatschulen. Auch Prominente wie der ehemalige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt und jetzige CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Schmidbauer, 70, machen mit: Er ist Mehrheitsgesellschafter des Privatgymnasiums in St. Leon-Rot, einer Ganztagsschule in Baden-Württemberg. Und schwärmt von einer "wunderbaren Aufgabe".

Vor allem ambitionierte Manager und Unternehmer fragen sich: Wo erhält mein Kind erstklassige Schulbildung? Was können Private, was der Staat nicht leisten kann? Und wie finde ich in der Fülle der Angebote das beste Internat?

Denn in der Krise des öffentlichen Gymnasiums sind Internatsschulen die konsequenteste Alternative. Sie bieten häufig kleinere Klassen, fördern Schüler individueller und stellen sich zunehmend auch auf Hochbegabte ein. Sie verzahnen den Unterricht in der Ganztagsschule mit vielfältigen Nachmittagskursen, in denen Kinder und Jugendliche ihren Neigungen nachgehen und neue Interessen entwickeln können.

Internatserziehung ist in den besseren Kreisen wieder "in". Damit wachsen aber auch die Ansprüche an die so teuren wie alteingesessenen Anbieter privater Bildung. Es geht nicht mehr um ein paar schöne Jahre in guter Luft und reizvollen Schlössern, sondern um tolle Leistungen, super Noten und eine maßgeschneiderte Vorbereitung auf die globalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Die besten Internate arbeiten hart daran, sich auf diese neuen Ansprüche einzustellen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. .
frubi 17.12.2009
Zitat von sysopPisa und Lehrermangel stürzen die öffentlichen Schulen in die Krise. Nun umgarnen Privatinstitute verunsicherte Eltern und Schüler. Sie bieten kleinere Klassen, individuelle Förderung und werben um Hochbegabte - eine Spurensuche in der noblen Welt von Deutschlands Internaten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,662903,00.html
War doch absehbar. Nachdem die Kluft zwischen Mittelschicht und Oberklasse immer größer wird, will die Elite ihre Kinder natürlich nicht auf ein staatliches Gymnasium packen. Ist dann ja auch legitim. Wer will es ihnen verübeln. Nur an der Gesamtsituation muss sich etwas ändern. Es darf nicht sein, dass die Schüler von weniger Wohlhabenden Menschen die schlechtesten Lehrkräfte bekommen. Darauf wird es aber leider hinauslaufen wenn sich keiner dagegen wehrt.
2. ...für alle schlechter
VUPR, 17.12.2009
In vielen Ländern führt so etwas dazu, dass es gleichwohl schlechtere Bildung für Schüler an staatlichen und privaten Schulen gibt. Wer zahlt, der erwartet auch Ergebnisse. Heißt, wer zahlt, der wird auch seinen Abschluss bekommen - ohne unbedingt bessere Bildung erhalten zu haben. Private Schulen ohne gute Abschlussquoten hätten ja den Ruf keine gute Bildung für das viele Geld anzubieten und folglich ein Kundenproblem.
3. war doch klar...
pröben 17.12.2009
Die gesellschaftliche Entwicklung zwingt dazu, für die Kinder Alternativen zu den öffentlichen Schulen zu suchen. Bedauerlicherweise geschieht es durch kulturelle und soziale Integrationsbemühungen nicht, die möglichen bereichernden Faktoren zu mobilisieren. Die Lehrer sind durch permanenten Politikwechsel, immer neue Schulreformen, verkürzter Gymnasialdauer, Erschaffung von "Schulprofilen", zu große Klassen und dergleichen permanent überlastet, so daß sie ihren Lehrauftrag nur noch rudimentär ausführen können und dabei die positive Grundstimmung, Voraussetzung für Motivation, auf der Strecke bleibt. Die Folge ist Unlust bei Schülern, Leistungsverweigerung, Sozialneid, Aggression. Wer kann es den sorgenvollen Eltern verdenken, daß sie Alternativen suchen? Das hat nichts mit "Abgrenzung nach unten" zu tun, sondern ist auch einfach Verzweiflung. Erst wenn sich bei der Mehrheit der Eltern und Schüler die Erkenntnis durchsetzt, daß Bildung ein wertvolles, erstrebenswertes Gut ist und keine lästige Zeitverschwendung, kann sich das Klima an (vielen) öffentlichen Schule bessern.
4. Abitur
ekel 17.12.2009
Zitat von VUPRIn vielen Ländern führt so etwas dazu, dass es gleichwohl schlechtere Bildung für Schüler an staatlichen und privaten Schulen gibt. Wer zahlt, der erwartet auch Ergebnisse. Heißt, wer zahlt, der wird auch seinen Abschluss bekommen - ohne unbedingt bessere Bildung erhalten zu haben. Private Schulen ohne gute Abschlussquoten hätten ja den Ruf keine gute Bildung für das viele Geld anzubieten und folglich ein Kundenproblem.
Man kann sich sein Abitur nicht kaufen. Egal, wie viel Geld man in die Bildung der Kinder steckt, am Ende steht das vom Bund oder dem Land vorgeschriebene Abitur. Das muss jeder Schüler schreiben, und wer Stuss schreibt, besteht nicht. Da die Prüfungen in den meisten Bundesländern von externen Lehrern, welche die Schüler nicht kennen, korrigiert werden, kann man seine Note nicht beeinflussen. Da sind also wieder alle Kinder gleich, egal, wo sie zur Schule gehen und wie viel sie dafür bezahlen.
5. blöder Titelzwang
DanielaMund, 17.12.2009
Zitat von ekelMan kann sich sein Abitur nicht kaufen. Egal, wie viel Geld man in die Bildung der Kinder steckt, am Ende steht das vom Bund oder dem Land vorgeschriebene Abitur. Das muss jeder Schüler schreiben, und wer Stuss schreibt, besteht nicht. Da die Prüfungen in den meisten Bundesländern von externen Lehrern, welche die Schüler nicht kennen, korrigiert werden, kann man seine Note nicht beeinflussen. Da sind also wieder alle Kinder gleich, egal, wo sie zur Schule gehen und wie viel sie dafür bezahlen.
Aber es gehen ja die vorhergehenden Noten auch mit in die Abiturnote - und diese Noten kann man kaufen....
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