Buchauszüge: "Amok im Kopf"

Was geht in der Gedankenwelt von Amokläufern vor? Im Buch "Amok im Kopf" analysiert Peter Langman zehn Massaker in den USA und die Einflüsse, die Jugendliche dazu trieben. Langmans Kernthese: "School Shooters" sind psychisch krank - und es gibt Warnsignale, die es richtig zu deuten gilt.

Im Abschnitt "Welchen Einfluss hat die Mediengewalt auf Schul-Amokläufer?" setzt Langman sich intensiv mit den Folgen von Mobbing auseinander, am Beispiel der Columbine High School. Er wolle nicht die Wirkung von Hänseleien und Mobbing auf Schüler kleinreden, schreibt er - aber es gebe "keine lineare Verbindung von Mobbing und jugendlichen Amokläufen": Vielmehr sei es "eine komplexe Beziehung, die von Fall zu Fall variiert".

Was bei den Kommentaren zu Schul-Amokläufen häufig fehlt, ist eine tief greifende Untersuchung der Täter selbst. Was für Jugendliche sind das? Welche Probleme haben sie? Was geht in ihren Köpfen vor? Und wenn es nicht um Rache für Mobbing geht, wie können wir den Massenmord von Jugendlichen dann verstehen? Was hat sie umgetrieben?

Der folgende Punkt scheint auf der Hand zu liegen, aber man muss ihn aussprechen: Schul-Amokläufer sind gestörte Individuen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die zu viel Videospiele spielen. Es sind keine normalen Jugendlichen, die einfach mal berühmt sein wollten. Es sind einfach keine normalen Jugendlichen. Es sind Jugendliche mit schweren psychischen Störungen. Diese Tatsache wurde in Berichten über Schul-Amokläufer oft übergangen oder bagatellisiert.

Warum aber, wenn diese jugendlichen Amokläufer ein so komplexes Phänomen sind, hat man sich auf so simplifizierende Erklärungen wie Mobbing versteift? Ein Grund ist, dass unmittelbar nach einer solchen Tat kaum genaue Informationen über den Täter zu erhalten sind. Es kann Monate oder Jahre dauern, bis wesentliche Details der Öffentlichkeit zugänglich sind, und dann ist die Geschichte schon nicht mehr schlagzeilenträchtig. Infolgedessen erhält das breite Publikum meist nur die aktuellen Berichte, während tiefer gehende Informationen nicht durchdringen.

Ein weiteres Problem ist, dass die meisten Menschen nicht psychologisch geschult sind und daher nur ein begrenztes Verständnis von Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Traumata und psychotischen Erkrankungen haben. Außerdem verbindet sich manchmal mit der Feststellung von Psychosen der Verdacht, dass Kriminelle Halluzinationen oder Wahnvorstellungen vortäuschen, um einem Schuldvorwurf zu entgehen.

Es gibt freilich noch einen weiteren Grund für den Erfolg vieler journalistischer Patenterklärungen. Schlicht gesagt verstehen wir alle das Bedürfnis nach Rache, und Vergeltung für ungerechte Behandlung scheint eine plausible Erklärung für Schul-Amokläufe. Warum sollte sonst jemand Menschen in der Schule erschießen?

Eine solche Erklärung leuchtet oberflächlich betrachtet ein. Aber sie erklärt natürlich nicht, warum Millionen anderer Schüler keine Morde begehen, obwohl auch sie Opfer von Spott und Mobbing sind. Dennoch können wir alle den Wunsch nach Rache oder Vergeltung nachvollziehen.

Wie wollen wir, abgesehen vom Aspekt der Rache, den Massenmord eines elfjährigen Jungen verstehen, der einfach seiner Lehrer überdrüssig war? Oder einen College-Studenten, der glaubt, er trete in die Fußstapfen von Moses und Jesus, wenn er ein Massaker begeht? Wie gehen wir mit der Idee eines Schülers um, der die natürliche Auslese dadurch fördern will, dass er untüchtige Menschen vom Planeten tilgen will? Gewiss ist er in der Schule auf Antipathie gestoßen. Gewiss war er das Opfer von Ablehnung und Hänseleien - so die vereinfachte, "logische " Erklärung.

Wenn Fragen gestellt werden, ob jemand gehänselt wurde, wird dies meist bestätigt. Also richten wir unser Augenmerk darauf, denn es verleiht einer Tat Sinn, die sonst vollkommen sinnlos erscheint. Rache macht Sinn. Ein Teenager aus gutem Elternhaus, der Hitler verehrt und davon träumt, die Menschheit zu eliminieren, macht keinen Sinn. Doch auch wenn Rache plausibel erscheint, lösen Hänseleien keinen Mord aus. Nicht an und für sich. Etwas hat in den Köpfen der Schul-Amokläufer nicht gestimmt.

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Peter Langman: "Amok im Kopf"

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Amokläufer: Psychopathisch, psychotisch, traumatisiert

Zur Person
Peter Langman arbeitet seit 20 Jahren als Psychologe, er ist klinischer Direktor der Organisation Kidspeace und spezialisiert auf jugendliche Patienten mit Gewaltneigung. Für sein Buch "Amok im Kopf" hat er die Fälle von zehn "School Shooters" in den USA untersucht - und beschreibt die Täter als psychopathische, psychotische oder traumatisierte Jugendliche.


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